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Full text of "Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?"

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RUDOLF STEINER GESAMTAUSGABE 

SCHRIFTEN 



RUDOLF STEINER 



WIE ERLANGT MAN ERKENNTNISSE 
DER HOHEREN WELTEN? 

(1. Teil) 



1992 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH / SCHWEIZ 



Herausgegeben von der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung 

Dornach / Schweiz 



24. Auflage 93. - 97. Tsd. 
Gesamtausgabe Dornach 1993 



Ein bibliographischer Nachweis friiherer 
Ausgaben findet sich auf Seite 235 



Bibliographie-Nr. 10 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung 
Dornach / Schweiz 
© 1961 by Rudolf Steiner-NachlaBverwaltung, Dornach / Schweiz 
Printed in Germany by Konkordia Druck, Buhl 

ISBN 3-7274-0100-1 



INHALT 



Vorrede zur dritten Auflage (erste Buchausgabe) . 7 

Vorrede zu fiinften Auflage 12 

Vorrede zum achten bis elften Tausend 15 

Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten? 16 

Bedingungen .... 16 

Innere Ruhe 28 

Die Stufen der Einweihung ..... 42 

1. Die Vorbereitung ...... 43 

2. Die Erleuchtung ... 53 
Kontrolle der Gedanken und Gefiihle 58 

Die Einweihung 75 

Praktische Gesichtspunkte . 90 

Die Bedingungen zur Geheimschulung . . 102 

Uber einige Wirkungen der Einweihung 115 

Veranderungen im Traumleben des Geheimschulers 159 

Die Erlangung der Kontinuitat des BewuBtseins . . . 170 
Die Spaltung der Personlichkeit wahrend der 

Geistesschulung • . 180 

Der Huter der Schwelle • . 193 

Leben und Tod. Der groBe Huter der Schwelle. . 204 

Nachwort zum achten bis elften Tausend. . . . • . 216 



Hinweise des Herausgebers 

Zu dieser Ausgabe ...... . . . ■ . 227 

Hinweise zum Text • . 232 

Namenregister ■ . 234 

Bibliographischer Nachweis . • . 235 

Ubersicht liber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe • . 237 



VORREDE ZUR DRITTEN AUFLAGE 



Es erscheinen hiermit als Buch meine Ausftihrungen, 
welche ursprlinglich als einzelne Aufsatze unter dem Titel 
«Wie erlangt man Erkenntnisse der hoheren Welten?» 
abgedruckt waren. Zunachst wird dieser Band den ersten 
Teil bringen; ein folgender wird die Fortsetzung enthal- 
ten. Diese Arbeit iiber die Entwickelung des Menschen 
zum Erfassen der tibersinnlichen Wehen soil nicht in 
neuer Gestalt vor die Weh treten ohne einige Geleitworte, 
welche ihr hiermit vorgesetzt werden. Die in ihr enthal- 
tenen Mitteilungen tiber die Seelenentwickelung des Men- 
schen mochten verschiedenen Bedlirfnissen dienen. Zu- 
nachst soil denjenigen Personen etwas gegeben werden, 
welche sich hingezogen ftihlen zu den Ergebnissen der 
Geistesforschung und welche die Frage aufwerfen mtis- 
sen: Ja, woher haben diejenigen ihr Wissen, welche be- 
haupten, etwas liber hohe Ratselfragen des Lebens sagen 
zu konnen? Die Geisteswissenschaft sagt iiber solche 
Ratsel etwas. Wer die Tatsachen beobachten will, welche 
zu diesen Aussagen flihren, der muB zu tibersinnlichen 
Erkenntnissen aufsteigen. Er muB den Weg gehen, wel- 
cher in dieser Schrift zu schildern versucht wird. Doch 
ware es ein Irrtum, zu glauben, daB die Mitteilungen der 
Geisteswissenschaft fur den wertlos seien, der nicht N ei- 
gung oder Moglichkeit hat, diesen Weg selbst zu gehen. 
Um die Tatsachen zu erforschen, muB man die Fahigkeit 
haben, in die tibersinnlichen Wehen hineinzutreten. Sind 
sie aber erforscht und werden sie mitgeteilt, so kann auch 
derjenige, welcher sie nicht selber wahrnimmt, sich eine 
hinreichende Uberzeugung von der Wahrheit der Mit- 



teilungen verschaffen. Ein groBer Teil derselben ist ohne 
weiteres dadurch zu priifen, daB man die gesunde Urteils- 
kraft in wirklich unbefangener Weise auf sie anwendet. 
Man wird sich nur nicht in dieser Unbefangenheit storen 
lassen diirfen durch alle moglichen Vorurteile, die einmal 
im Menschenleben so zahlreich vorhanden sind. Es wird 
z. B. leicht vorkommen, daB jemand findet, dies oder 
jenes vertrage sich nicht mit gewissen wissenschaft- 
lichen Ergebnissen der Gegenwart. In Wahrheit gibt es 
, kein wissenschhaftliches Ergebnis, welches der geistigen 
Forschung widerspricht. Doch kann man leicht glauben, 
daB dieses oder jenes wissenschaftliche Urteil zu den Mit- 
teilungen iiber die hoheren Wehen nicht stimme, wenn 
man nicht allseitig und unbefangen die wissenschaft- 
lichen Ergebnisse zu Rate zieht. Man wird finden, daB, je 
unbefangener man die Geisteswissenschaft gerade mit 
den positiven wissenschaftlichen Errungenschaften zu- 
sammenhalt, um so schoner die voile Ubereinstimmung 
erkannt werden kann. - Ein anderer Teil der geisteswis- 
senschaftlichen Mitteilungen wird sich allerdings mehr 
oder weniger dem bloBen Verstandesurteile entziehen. 
Aber es wird unschwer derjenige ein rechtes Verhaltnis 
auch zu diesem Teile gewinnen konnen, welcher einsieht, 
daB nicht nur der Verstand, sondern auch das gesunde 
Gefuhl ein Richter iiber die Wahrheit sein kann. Und wo 
dieses Gefuhl sich nicht durch Sympathie oder Antipathie 
fur diese oder jene Meinung treiben laBt, sondern wirk- 
lich unbefangen die Erkenntnisse der iibersinnlichen Wel- 
ten auf sich wirken laBt, da wird sich auch ein entspre- 
chendes Gefiihlsurteil ergeben. - Und noch manch ande- 
ren Weg gibt es zur Bewahrheitung dieser Erkenntnisse 



fur diejenigen Personen, welche den Pfad in die iibersinn- 
liche Welt nicht beschreiten konnen und wollen. Solche 
Menschen konnen aber gleichwohl fiihlen, welchen Wert 
diese Erkenntnisse fiir das Leben haben, auch wenn sie 
sie nur aus den Mitteilungen der Geistesforscher erfahren. 
Ein schauender Mensch kann nicht ein jeder augenblick- 
lieh werden; eine rechte gesunde Lebensnahrung sind aber 
die Erkenntnisse des schauenden Menschen fiir jedermann. 
Denn anwenden im Leben kann sie jeder. Und wer es tut, 
wird bald einsehen, was das Leben mit ihnen auf alien 
Gebieten sein kann und was es entbehrt, wenn man sie 
ausschlieBt. Die Erkenntnisse der iibersinnlichen Welten 
erweisen sich, richtig im Leben angewendet, nicht un- 
praktisch, sondern im hochhsten Sinne praktisch. Wenn 
aber auch jemand den hoheren Erkenntnispfad nicht 
selbst betreten will, so kann er doch, wenn er Neigung 
fiir die auf demselben beobachteten Tatsachen hat, fra- 
gen: Wie kommt der schauende Mensch zu diesen Tat- 
sachen? Denjenigen Personen, welche ein Interesse an 
dieser Frage haben, mochte diese Schrift ein Bild von dem 
geben, was man unternehmen muB, um die iibersinn- 
liche Weit wirklich kennenzulernen. Sie mochte den Weg 
in dieselbe so darstellen, daB auch derjenige, der ihn nicht 
selbst geht, Vertrauen gewinnen kann zu dem, was ein 
solcher sagt, der ihn gegangen ist. Man kann ja auch, 
wenn man gewahr wird, was der Geistesforscher tut, dies 
richtig finden und sich sagen: die Schilderung des Pfades 
in die hoheren Welten macht auf mich einen solchen Ein- 
druck, daB ich verstehen kann, warum die mitgeteilten 
Tatsachen mir einleuchtend erscheinen. So soil also diese 
Schrift jenen dienen, welche in ihrem Wahrheitssinn und 



Wahrheitsgefiihl fiir die Ubersinnliche Welt eine Star- 
kung und Sicherheit wiinschen. Nicht minder mochte sie 
aber auch denjenigen etwas bieten, welche den Weg zu 
den Ubersinnlichen Erkenntnissen selbst suchen. Diejeni- 
gen Personen werden die Wahrheit des hier Dargestellten 
am besten erproben, welche sie in sich selbst verwirk- 
lichen. Wer solch eine Absicht hat, wird gut tun, sich 
immer wieder zu sagen, daB bei Darstellung der Seelen- 
entwickelung mehr notwendig ist als ein solches Bekannt- 
werden mit dem Inhalte, wie es bei anderen Ausfuhrun- 
gen oftmals angestrebt wird. Ein intimes Hineinleben in 
die Darstellung ist notwendig; die Voraussetzung soil man 
machen, daB man die eine Sache nicht nur durch das be- 
greifen soil, was iiber sie selbst gesagt wird, sondern durch 
manches, was iiber ganz anderes mitgeteilt wird. Man 
wird so die Vorstellung erhalten, daB nicht in einerWahr- 
heit das Wesentliche liegt, sondern in dem Zusammen- 
stimmen aller. Wer Ubungen ausfiihren will, muB das 
ganz ernstlich bedenken. Eine Ubung kann richtig ver- 
standen, auch richtig ausgefiihrt sein; und dennoch kann 
sie unrichtig wirken, wenn nicht von dem Ausfiihrenden 
ihr eine andere Ubung hinzugefiigt wird, welche die Ein- 
seitigkeit der ersten zu einer Harmonie der Seele auslost. 
Wer diese Schrift intim liest, so daB ihm Lesen wie ein 
innerliches Erleben wird, der wird sich nicht nur mit dem 
Inhalte bekannt machen, sondern auch an dieser Stelle 
dieses, an einer anderen jenes Gefiihl haben; und dadurch 
wird er erkennen, welches Gewicht fur die Seelenenrwik- 
kelung dem einen oder dem anderen zukommt. Er wird 
auch herausfinden, in welcher Form er diese oder jene 
Ubung, nach seiner besonderen Individualitat, gerade bei 



sich versuchen sollte. Wenn, wie hier, Beschreibungen in 
Betracht kommen von Vorgangen, welche erlebt werden 
sollen, so erweist sich als notwendig, daB man auf den 
Inhalt immer wieder zuriickgreife; denn man wird sich 
iiberzeugen, daB man manches erst dann fiir sich selbst 
zu einem befriedigenden Verstandnis bringt, wenn man 
es versucht hat und nach dem Versuche gewisse Feinheiten 
der Sache bemerkt, die einem friiher entgehen muBten. 

Auch solche Leser, welche den Weg, der vorgezeichnet 
ist, nicht zu gehen beabsichtigen, werden in der Schrift 
manches Brauchbare fiir das innere Leben finden: Lebens- 
regeln, Hinweise, wie dies oder jenes sich aufklart, was 
ratselhaft erscheint usw. 

Und mancher, der durch seine Lebenserfahrung dieses 
oder jenes hinter sich hat, in mancher Beziehung eine Le- 
benseinweihung durchgemacht hat, wird eine gewisse Be- 
friedigung finden konnen, wenn er im Zusammenhange 
geklart findet, was ihm im einzelnen vorgeschwebt hat; 
was er schon wuBte, ohne vielleicht dies Wissen bis zu 
einer fiir ihn selbst hinreichenden Vorstellung gebracht 
zu haben. 



VORREDE ZUR FUNFTEN AUFLAGE 



Fur diese Neuauflage von «Wie erlangt man Erkennt- 
nisse der hoheren Welten?» ist die vor mehr als zehn Jah- 
ren niedergeschriebene Darstellung in alien Einzelheiten 
wieder durchgearbeitet worden. Das Bedlirfnis nach sol- 
cher Durcharbeitung entsteht naturgemaB bei Mitteilun- 
gen liber Seelenerlebnisse und Seelenwege von der Art, 
wie sie in diesem Buche gegeben sind. Es kann ja keinen 
Teil innerhalb des Mitgeteilten geben, mit dem die Seele 
des Mitteilers nicht innig verbunden bliebe und der nicht 
etwas enthielte, das an dieser Seele fortdauernd arbeitet. 
Es ist wohl auch kaum anders moglich, als daB mit diesem 
seelischen Arbeiten sich ein Streben nach erhohter Klar- 
heit und Deutlichkeit der vor Jahren gegebenen Darstel- 
lung verbindet. Diesem Streben ist entsprungen, was ich 
fur das Buch bei dieser Neuauflage zu tun bemtiht war. 
Zwar sind alle wesentlichen Glieder der Auseinander- 
setzungen, alle Hauptsachen so geblieben, wie sie waren; 
-und doch sind wichtige Anderungen vollzogen worden. 
Ich konnte fur eine genauere Charakterisierung im einzel- 
nen an vielen Stellen manches tun. Und dies schien mir 
wichtig. Will jemand das in dem Buche Mitgeteilte in 
dem eigenen Geistesleben anwenden, so ist es von Bedeu- 
tung' daB er die Seelenwege, von denen die Rede ist, in 
moglichst. genauer Charakterisierung ins Auge zu fassen 
vermag. In einem viel hoheren MaBe als an die Schilde- 
rung der Tatsachen der physischen Welt konnen sich an 
diejenige innerer geistiger Vorgange MiBverstandnisse 
kntipfen. Das Bewegliche des Seelenlebens, die Notwen- 
digkeit, diesem Leben gegenliber nie aus dem BewuBtsein 



zu verlieren, wie verschieden es ist von allem Leben in 
der physischen Welt, und vieles andere, machen solche 
MiBverstandnisse moglich. Ich habe bei dieser Neuauf- 
lage die Aufmerksamkeit darauf gerichtet, die Stellen 
des Buches aufzufinden, wo solche MiBverstandnisse 
entstehen konnen; und ich habe mich bemiiht, bei der 
Abfassung ihrem Entstehen entgegenzuarbeiten. 

Als ich die Aufsatze schrieb, aus welchen das Buch 
zusammengesetzt ist, muBte iiber manches auch aus dem 
Grunde anders gesprochen werden als gegenwartig, weil 
ich auf den Inhalt dessen, was ich in den letzten zehn Jah- 
ren iiber Tatsachen der Erkenntnis geistiger Welten ver- 
offentlicht habe, damals anders hinzudeuten hatte, als es 
jetzt, nach der Veroffentlichung, zu geschehen hat. In 
meiner «Geheimwissenschaft», in der «Fuhrung des Men- 
schen und der Menschheit», in «Ein Weg zur Selbst- 
erkenntnis» und besonders in «An der Schwelle der geisti- 
gen Welt», auch in anderen meiner Schriften sind geisti- 
ge Vorgange geschildert, auf deren Vorhandensein dieses 
Buch vor mehr als zehn Jahren zwar schon hindeuten 
muBte, dies aber doch mit anderen Worten, als es gegen- 
wartig richtig scheint. Ich muBte damals von vielem, das 
in dem Buche noch nicht geschildert wurde, sagen, es 
konne durch «miindliche Mitteilung» erfahren werden. 
Gegenwartig ist nun vieles von dem veroffentlicht, was 
mit solchen Hinweisen gemeint war. Es waren aber diese 
Hinweise, die irrtumliche Meinungen bei den Lesern viel- 
leicht nicht vollig ausschlossen. Man konnte etwa in dem 
persdnlichen Verhaltnis zu diesem oder jenem Lehrer bei 
dem nach Geistesschulung Strebenden etwas viel Wesent- 
licheres sehen, als gesehen werden soil. Ich hoffe, daB es 



mir gelungen ist, in dieser neuen Auflage durch die Art 
der Darstellung mancher Einzelheiten scharfer zu beto- 
nen, wie es bei dem, der Geistesschulung sucht im Sinne 
der gegenwartigen geistigen Bedingungen, viel mehr auf 
ein vollig unmittelbares Verhaltnis zur objektiven Geistes- 
welt als auf ein Verhaltnis zur Personlichkeit eines Leh- 
rers ankommt. Dieser wird auch in der Geistesschulung 
immer mehr die Stellung nur eines solchen Heifers an- 
nehmen, die der Lehrende, gemaB den neueren Anschau- 
ungen, in irgendeinem anderen Wissenszweige innehat. 
Ich glaube geniigend darauf hingewiesen zu haben, daB 
des Lehrers Autoritat und der Glaube an ihn in der Gei- 
stesschulung keine andere Rolle spielen sollten, als dies 
der Fall ist auf irgendeinem anderen Gebiete des Wissens 
und Lebens. Mir scheint viel darauf anzukommen, daB 
immer richtiger beurteilt werde gerade dieses Verhalt- 
nis des Geistesforschers zu Menschen, die Interesse ent- 
wickeln flir die Ergebnisse seines Forschens. So glaube ich 
das Buch verbessert zu haben, wo ich das Verbesserungs- 
bediirftige nach zehn Jahren zu finden in der Lage war. 

An diesen ersten Teil soil sich ein zweiter anschlieBen. 
Dieser soil weitere Ausfiihrungen iiber die Seelenverfas- 
sung bringen, welche den Menschen zum Erleben der 
hoheren Welten fiihrt. 

Die Neuauflage des Buches lag fertig gedruckt vor, als 
der groBe Krieg begann, den die Menschheit gegenwartig 
erlebt. Diese Vorbemerkungen habe ich zu schreiben, 
wahrend meine Seele tief bewegt ist von dem schicksal- 
tragenden Ereignisse. 



Berlin, 7. September 1914 



Rudolf Steiner 



VORREDE ZUM ACHTEN BIS ELFTEN TAUSEND 

An dem Inhalte dieser Neuauflage des vorliegenden Bu- 
ches schienen mir beim neuerlichen Durcharbeiten nur 
geringe Anderungen notwendig. Dagegen habe ich die- 
ser Ausgabe ein «Nachwort» hinzugefiigt, durch das ich 
mich bemiiht habe, manches deutlicher als friiher zu 
sagen, was die seelischen Grundlagen betrifft, auf welche 
die Mitteilungen des Buches gestellt werden miissen, da- 
mit sie ohne MiBverstandnis entgegengenommen wer- 
den. Ich glaube, daB der Inhalt dieses Nachwortes auch 
geeignet sein konnte, manchen Gegner der anthropo- 
sophischen Geisteswissenschaft dariiber aufzuklaren, daB 
er sein Urteil nur dadurch aufrechterhalten kann, weil er 
sich unter dieser Geisteswissenschaft etwas ganz anderes 
vorstellt, als sie ist; wahrend er, was sie ist, gar nicht ins 
Auge faBt. 



Mai 1918 



Rudolf Steiner 



WIE ERLANGT MAN ERKENNTNISSE 
DER HOHEREN WELTEN? 

Bedingungen 

Es schlummern in jedem Menschen Fahigkeiten, durch 
die er sich Erkenntnisse iiber hohere Welten erwerben 
kann. Der Mystiker, der Gnostiker, der Theosoph spra- 
chen stets von einer Seelen- und einer Geisterwelt, die fur 
sie ebenso vorhanden sind wie diejenige, die man mitphy- 
sischen Augen sehen, mit physischen Handen betasten 
kann. Der Zuhorer darf sich in jedem Augenblicke sagen: 
wovon dieser spricht, kann ich auch erfahren, wenn ich 
gewisse Krafte in mir entwickele, die heute noch in mir 
schlummern. Es kann sich nur darum handeln, wie man 
es anzufangen hat, um solche Fahigkeiten in sich zu ent- 
wickeln. Dazu konnen nur diejenigen Anleitung geben, 
die schon in sich solche Krafte haben. Es hat, seit es ein 
Menschengeschlecht gibt, auch immer eine Schulung ge- 
geben, durch die solche, die hohere Fahigkeiten hatten, 
denen Anleitung gaben, die ebensolche Fahigkeiten such- 
ten. Man nennt solche Schulung Geheimscbulung; und 
der Unterricht, welcher da empfangen wird, heiBt geheim- 
wissenschaftlicher oder okkulter Unterricht. Eine solche 
Bezeichnung erweckt naturgemaB MiBverstandnis. Wer 
sie hort, kann leicht zu dem Glauben verfiihrt werden, 
daB diejenigen, die flir solche Schulung tatig sind, eine 
besonders bevorzugte Menschenklasse darstellen wollen, 
die willkiirlich ihr Wissen den Mitmenschen vorenthalt. 
Ja, man denktwohl auch, daB vielleicht uberhaupt nichts 
Erhebliches hinter solchem Wissen stecke. Denn, wenn es 



ein wahres Wissen ware - so ist man versucht zu den- 
ken -, so brauchte man daraus kein Geheimnis zu ma- 
chen: man konnte es offentlich mitteilen und die Vorteile 
davon alien Menschen zuganglich machen. 

Diejenigen, welche in die Natur des Geheimwissens 
eingeweiht sind, wundern sich nicht im geringsten dar- 
iiber, daB die Uneingeweihten so denken. Worin das Ge- 
heimnis der Einweihung besteht, kann nur derjenige ver- 
stehen, der selbst diese Einweihung in die hoheren Ge- 
heimnisse des Daseins bis zu einem gewissen Grade erfah- 
ren hat. Nun kann man fragen: wie soil denn der Unein- 
geweihte iiberhaupt irgendein menschliches Interesse an 
dem sogenannten Geheimwissen unter solchen Umstan- 
den erlangen? Wie und warum soil er etwas suchen, von 
dessen Natur er sich doch gar keine Vorstellung machen 
kann? Aber schon einer solchen Frage liegt eine ganz irr- 
tiimliche Vorstellung von dem Wesen des Geheimwissens 
zugrunde. In Wahrheit verhalt es sich mit dem Geheim- 
wissen namlich doch nicht anders als mit allem iibrigen 
Wissen und Konnen des Menschen. Dieses Geheimwissen 
ist fiir den Durchschnittsmenschen in keiner anderen Be- 
ziehung ein Geheimnis, als warum das Schreiben fiir den 
ein Geheimnis ist, der es nicht gelernt hat. Und wie jeder 
schreiben lernen kann, der die rechten Wege dazu wahlt, 
so kann jeder ein Geheimschiiler, ja ein Geheimlehrer 
werden, der die entsprechenden Wege dazu sucht. Nur in 
einer Hinsicht liegen die Verhaltnisse hier noch anders als 
beim auBeren Wissen und Konnen. Es kann jemandem 
durch Armut, durch die Kulturverhaltnisse, in die er hin- 
eingeboren ist, die Moglichkeit fehlen, sich die Kunst des 
Schreibens anzueignen; fiir die Erlangung von Wissen 



und Konnen in den hoheren Welten gibt es kein Hinder- 
nis flir denjenigen, der diese ernstlich sucht. 

Viele glauben, man miisse die Meister des hoheren Wis- 
sens da und dort aufsuchen, urn von ihnen Aufschliisse 
zu erhalten. Aber zweierlei ist richtig. Erstens wird der- 
jenige, der ernstlich nach hoherem Wissen trachtet, keine 
Miihe, kein Hindernis scheuen, urn einen Eingeweihten 
aufzusuchen, der ihn in die hoheren Geheimnisse der Welt 
einfiihren kann. Aber anderseits kann auch jeder sich 
klar dariiber sein, daB ihn die Einweihung unter alien Um- 
standen finden wird, wenn ernstes und wiirdiges Streben 
nach Erkenntnis vorliegt. Denn es gibt ein natiirliches Ge- 
setz fur alle Eingeweihten, das sie dazu veranlaBt, keinem 
suchenden Menschen ein ihm gebiihrendes Wissen vorzu- 
enthalten. Aber es gibt ein ebenso natiirliches Gesetz, 
welches besagt, daB niemandem irgend etwas von dem 
Geheimwissen ausgeliefert werden kann, zu dem er nicht 
berufen ist. Und ein Eingeweihter ist um so vollkomme- 
ner, je strenger er diese beiden Gesetze beobachtet. Das 
geistige Band, das alle Eingeweihten umfaBt, ist kein auBe- 
res, aber die beiden genannten Gesetze bilden feste Klam- 
mern, durch welche die Bestandteile dieses Bandes zusam- 
mengehalten werden. Du magst in intimer Freundschaft 
mit einem Eingeweihten leben: du bist doch so lange von 
seinem Wesen getrennt, bis du selbst ein Eingeweihter 
geworden bist. Du magst das Herz, die Liebe eines Ein- 
geweihten im vollsten Sinne genieBen: sein Geheimnis 
wird er dir erst anvertrauen, wenn du reif dazu bist. 
Du magst ihm schmeicheln, du magst ihn foltern: nichts 
kann ihn bestimmen, dir irgend etwas zu verraten, von 
dem er weiB, daB es dir nicht verraten werden darf, 



weil du auf der Stufe deiner Entwickelung dem Geheim- 
nis noch nicht den rechten Empfang in deiner Seele zu 
bereiten verstehst. 

Die Wege, die den Menschen reif zum Empfange eines 
Geheimnisses machen, sind genau bestimmte. Ihre Rich- 
tung ist mit unausloschbaren, ewigen Buchstaben vorge- 
zeichnet in den Geisteswelten, in denen die Eingeweihten 
die hoheren Geheimnisse behiiten. In alten Zeiten, die vor 
unserer «Geschichte» liegen, waren die Tempel des Geistes 
auch auBerlich sichtbare; heute, wo unser Leben so ungei- 
stig geworden ist, sind sie nicht in der Welt vorhanden, 
die dem auBeren Auge sichtbar ist. Aber sie sind geistig 
uberall vorhanden; und jeder, der sucht, kann sie finden. 

Nur in seiner eigenen Seele kann der Mensch die Mit- 
tel finden, die ihm den Mund der Eingeweihten offnen. 
Gewisse Eigenschaften muB er in sich bis zu einem be- 
stimmten hohen Grade entwickeln, dann konnen ihm 
die hochsten Geistesschatze zuteil werden. 

Eine gewisse Grundstimmung der Seele muB den An- 
fang bilden. Der Geheimforscher nennt diese Grundstim- 
mung den Pfad der Verehrung, der Devotion gegeniiber 
der Wahrheit und Erkenntnis. Nur wer diese Grundstim- 
mung hat, kann Geheimschulerwerden. Wer Erlebnisse 
auf diesem Gebiete hat, der weiB, welche Anlagen bei 
denen schon in der Kindheit zu bemerken sind, welche 
spater Geheimschiiler werden. Es gibt Kinder, die mit 
heiliger Scheu zu gewissen von ihnen verehrten Personen 
emporblicken. Sie haben eine Ehrfurcht vor ihnen, die 
ihnen im tiefsten "Herzensgrunde verbietet, irgendeinen 
Gedanken aufkommen zu lassen von Kritik, von Oppo- 
sition. Solche Kinder wachsen zu Jiinglingen und Jung- 



frauen heran, denen es wohltut, wenn sie zu irgend etwas 
Verehrungsvollem aufsehen konnen. Aus den Reihen die- 
ser Menschenkinder gehen viele Geheimschiiler hervor. 
Hast du einmal vor der Tiire eines verehrten Mannes ge- 
standen und hast du bei diesem deinem ersten Besuche 
eine heilige Scheu empfunden, auf die Klinke zu driicken, 
um in das Zimmer zu treten, das fur. dich ein «Heiligtum» 
ist, so hat sich in dir ein Gefiihl geauBert, das der Keim 
sein kann fur deine spatere Geheimschulerschaft. Es ist 
ein Gliick ftir jeden heranwachsenden Menschen, solche 
Gefiihle als Anlagen in sich zu tragen. Man glaube nur ja 
nicht, daB solche Anlagen den Keim zur Unterwiirfigkeit 
und Sklaverei bilden. Es wird spater die erst kindliche Ver- 
ehrung gegeniiber Menschen zur Verehrung gegeniiber 
Wahrheit und Erkenntnis. Die Erfahrung lehrt, daB die- 
jenigen Menschen auch am besten verstehen, das Haupt 
frei zu tragen, die verehren gelernt haben da, wo Ver- 
ehrung am Platze ist. Und am Platze ist sie uberall da, wo 
sie aus den Tiefen des Herzens entspringt. 

Wenn wir nicht das tiefgriindige Gefiihl in uns entwik- 
keln, daB es etwas Hoheres gibt, als wir sind, werden wir 
auch nicht in uns die Kraft finden, uns zu einem Hoheren 
hinaufzuentwickeln. Der Eingeweihte hat sich nur da- 
durch die Kraft errungen, sein Haupt zu den Hohen der 
Erkenntnis zu erheben, daB er sein Herz in die Tiefen der 
Ehrfurcht, der Devotion gefiihrt hat. Hohe des Geistes 
kann nur erklommen werden, wenn durch das Tor der 
Demut geschritten wird. Ein rechtes Wissen kannst du 
nur erlangen, wenn du gelernt hast, dieses Wissen zu ach- 
ten. Der Mensch hat gewiB das Recht, sein Auge dem 
Lichte entgegenzuhalten; aber er muB dieses Recht erwer- 



ben. Im geistigen Leben gibt es ebenso Gesetze wie im 
materiellen. Streiche eine Glasstange mit einem entspre- 
chenden Stoffe, und sie wird elektrisch, das heiBt: sie er- 
halt die Kraft, kleine Korper anzuziehen. Dies entspricht 
einem Naturgesetz. Hat man ein wenig Physik gelernt, so 
weiB man dies. Und ebenso weiB man, wenn man die An- 
fangsgriinde der Geheimwissenschaft kennt, daB jedes in 
der Seele entwickelte Gefiihl von wahrer Devotion eine 
Kraft entwickelt, die in der Erkenntnis friiher oder spater 
weiter fiihren kann. 

Wer in seinen Anlagen die devotionellen Gefiihle hat, 
oder wer das Gliick hat, sie durch eine entsprechende 
Erziehung eingepflanzt zu erhalten, der bringt vieles mit, 
wenn er im spateren Leben den Zugang zu hoheren Er- 
kenntnissen sucht. Wer eine solche Vorbereitung nicht 
mitbringt, dem erwachsen schon auf der ersten Stufe des 
Erkenntnispfades Schwierigkeiten, wenn er nicht durch 
Selbsterziehung die devotionelle Stimmung energisch in 
sich zu erzeugen unternimmt. In unserer Zeit ist es ganz 
besonders wichtig, daB auf diesen Punkt die voile Auf- 
merksamkeit gelenkt wird. Unsere Zivilisation neigt mehr 
zur Kritik, zum Richten, zum Aburteilen und wenig zur 
Devotion, zur hingebungsvollen Verehrung. Unsere Kin- 
der schon kritisieren viel mehr, als sie hingebungsvoll ver- 
ehren. Aber jede Kritik, jedes richtende Urteil vertreiben 
ebensosehr die Krafte der Seele zur hoheren Erkenntnis, 
wie jede hingebungsvolle Ehrfurcht sie entwickelt. Damit 
soil gar nichts gegen unsere Zivilisation gesagt sein. Es 
handelt sich hier gar nicht darum, Kritik an dieser unserer 
Zivilisation zu iiben. Gerade der Kritik, dem selbstbewuB- 
ten menschlichen Urteil, dem «Priifet alles und das Beste 



behaltet», verdanken wir die GroBe unserer Kultur. Nim- 
mermehr hatte der Mensch die 'Wissenschaft, die Indu- 
strie, den Verkehr, die Rechtsverhaltnisse unserer Zeit er- 
langt, wenn er nicht iiberall Kritik geubt, iiberall den 
MaBstab seines Urteils angelegt hatte. Aber was wir da- 
durch an auBerer Kultur gewonnen haben, muBten wir 
mit einer entsprechenden EinbuBe an hdherer Erkenntnis, 
an spirituellem Leben bezahlen. Betont muB werden, daB 
es sich beim hoheren Wissen nicht um Verehrung von 
Menschen, sondern um eine solche gegeniiber Wahrheit 
und Erkenntnis handelt. 

Nur das eine muB freilich sich jeder klarmachen, daB 
derjenige, der ganz in der verauBerlichten Zivilisation 
unserer Tage darinnen steckt, es sehr schwer hat, zur 
Erkenntnis der hoheren Welten vorzudringen. Er kann es 
nur, wenn er energisch an sich arbeitet. In einer Zeit, in 
der die Verhaltnisse des materiellen Lebens einfache wa- 
ren, war auch geistiger Aufschwung leichter zu erreichen. 
Das Verehrungswiirdige, das Heiligzuhaltende hob sich 
mehr von den ubrigen Weltverhaltnissen ab. Die Ideale 
werden in einem kritischen Zeitalter herabgezogen. An- 
dere Gefiihle treten an die Stelle der Verehrung, der Ehr- 
furcht, der Anbetung und Bewunderung. Unser Zeitalter 
drangt diese Gefiihle immer mehr zuruck, so daB sie durch 
das alltagliche Leben dem Menschen nur noch in sehr ge- 
ringem Grade zugefiihrt werden. Wer hohere Erkenntnis 
sucht, muB sie in sich erzeugen. Er muB sie selbst seiner 
Seele einfloBen. Das kann man nicht durch Studium. Das 
kann man nur durch das Leben. Wer Geheimschiiler wer- 
den will, muB sich daher energisch zur devotionellen 
Stimmung erziehen. Er muB iiberall in seiner Umgebung, 



in seinen Erlebnissen dasjenige aufsuchen, was ihm Be- 
wunderung und Ehrerbietung abzwingen kann. Begegne 
ich einem Menschen und tadle ich seine Schwachen, so 
raube ich mir hohere Erkenntniskraft; suche ich liebevoll 
mich in seine Vorztige zu vertiefen, so sammle ich solche 
Kraft. Der Geheimj linger muB fortwahrend darauf be- 
dacht sein, diese Anleitung zu befolgen. Erfahrene Ge- 
heimforscher wissen, was sie fur eine Kraft dem Um- 
stande verdanken, daB sie immer wieder alien Dingen 
gegentiber auf das Gute sehen und mit dem richtenden 
Urteile zuruckhalten. Aber dies darf nicht eine auBerliche 
Lebensregel bleiben. Sondern es muB von dem Inner sten 
unsrer SeeleBesitz ergreifen. Der Mensch hat es in seiner 
Hand, sich selbst zu vervollkommnen, sich mit der Zeit 
ganz zu verwandeln. Aber es muB sich diese Umwand- 
lung in seinem Innersten, in seinem Gedankenleben voll- 
ziehen. Es genligt nicht, daB ich auBerlich in meinem Ver- 
halten Achtung gegentiber einem Wesen zeige. Ich muB 
diese Achtung in meinen Gedanken haben. Damit muB 
der Geheimschuler beginnen, daB er die Devotion in sein 
Gedankenleben aufnimmt. Er muB auf die Gedanken der 
Unehrerbietung, der abfalligen Kritik in seinem BewuBt- 
sein achten. Und er muB geradezu suchen, in sich Gedan- 
ken der Devotion zu pflegen. 

Jeder Augenblick, in dem man sich hinsetzt, um ge- 
wahr zu werden in seinem BewuBtsein, was in einem 
steckt an abfalligen, richtenden, kritischen Urteilen iiber 
Welt und Leben: - jeder solcher Augenblick bringt uns 
der hoheren Erkenntnis naher. Und wir steigen rasch auf, 
wenn wir in solchen Augenblicken unser BewuBtsein nur 
erftillen mit Gedanken, die uns mit Bewunderung, Ach- 



tung, Verehrung gegeniiber Weltund Leben erfiillen. Wer 
in diesen Dingen Erfahrung hat, der weiB, daB in jedem 
solchen Augenblicke Krafte in dem Menschen erweckt 
werden, die sonst schlummernd bleiben. Es werden da- 
durch dem Menschen die geistigen Augen geoffnet. Er 
fangt dadurch an, Dinge urn sich herum zu sehen, die er 
friiher nicht hat sehen konnen. Er fangt an zu begreifen, 
daB er vorher nur einen Teil der ihn umgebenden Welt 
gesehen hat. Der Mensch, der ihm gegeniibertritt, zeigt 
ihm jetzt eine ganz andere Gestalt als vorher. Zwar wird 
er durch diese Lebensregel noch nicht imstande sein, 
schon das zu sehen, was z. B. als die menschliche Aura 
beschrieben wird. Denn dazu ist eine noch hohere Schu- 
lung notig. Aber eben zu dieser hoheren Schulung kann 
er aufsteigen, wenn er vorher eine energische Schulung 
in Devotion durchgemacht hat," 

Gerauschlos und unbemerkt von der auBeren Welt 
vollzieht sich das Betreten des «Erkenntnispfades» durch 
den Geheimschiiler. Niemand braucht an ihm eine Ver- 
anderung wahrzunehmen. Er tut seine Pflichten wie vor- 
her; er besorgt seine Geschafte wie ehedem. Die Verwand- 
lung geht lediglich mit der inneren Seite der Seele vor 
sich, die dem auBeren Auge entzogen ist. Zunachst iiber- 
strahlt das ganze Gemiitsleben des Menschen die eine 
Grundstimmung der Devotion gegeniiber allem wahrhaft 
Ehrwiirdigen. In diesem einen Grundgefiihle findet sein 
ganzes Seelenleben den Mittelpunkt. Wie die Sonne durch 

* In ubersichtlicher Art findet man den «Pfad der Erkenntnis» im letzten 
Abschnitt meiner eben in 19. Aufl. erscheinenden «Theosophie. Einfiih- 
rung in ubersinnliche Weltanschauung und Menschenbestimmung» (Der 
kommende Tag, Sturtgart), Hier sollen im einzelnen praktische Gesichts- 
punkte angegeben werden. 



ihre Strahlen alles Lebendige belebt, so belebt beim Ge- 
heimschiiler die Verehrung alle Empfindungen der Seele. 

Es wird dem Menschen anfangs nicht leicht, zu glau- 
ben, daB Gefiihle wie Ehrerbietung, Achtung usw. 
etwas mit seiner Erkenntnis zu tun haben. Dies riihrt 
davon her, daB man geneigt ist, die Erkenntnis als eine 
Fahigkeit fur sich hinzustellen, die mit dem in keiner 
Verbindung steht, was sonst in der Seele vorgeht. Man 
bedenkt dabei aber nicht, daB die Seele es ist, welche 
erkennt. Und fiir die Seele sind Gefiihle das, was fur den 
Leib die Stoffe sind, welche seine Nahrung ausmachen. 
Wenn man dem Leibe Steine statt Brot gibt, so erstirbt 
seine Tatigkeit. Ahnlich ist es mit der Seele. Fur sie sind 
Verehrung, Achtung, Devotion nahrende Stoffe, die sie 
gesund, kraftig machen; vor allem kraftig zur Tatigkeit 
des Erkennens. MiBachtung, Antipathie, Unterschatzung 
des AnerkennenswertenbewirkenLahmungundErsterben 
der erkennenden Tatigkeit. - Fur den Geistesforscher 
ist diese Tatsache an der Aura ersichtlich. Eine Seele, die 
sich verehrende, devotionelle Gefiihle aneignet, bewirkt 
eine Veranderung ihrer Aura. Gewisse als gelbrote, braun- 
rote zu bezeichnende geistige Farbentone verschwinden 
und werden durch blaurote ersetzt. Dadurch aber offnet 
sich das Erkenntnis vermogen; es empfangt Kunde von 
Tatsachen in seiner Umgebung, von denen es vorher keine 
Ahnung hatte. Die Verehrung weckt eine sympathische 
Kraft in der Seele, und durch diese werden Eigenschaften 
deruns umgebenden Wesen von uns angezogen, die sonst 
verborgen bleiben. 

Wirksamer noch wird das, was durch die Devotion zu 
erreichen ist, wenn eine andere Gefiihlsart hinzukommt. 



Sie besteht darinnen, daB der Mensch lernt, sich immer 
weniger den Eindriicken der AuBenwelt hinzugeben, und 
dafiir ein reges Innenleben entwickelt. Ein Mensch, der 
von einem Eindruck der AuBenwelt zu dem andern jagt, 
der stets nach «Zerstreuung» sucht, findet nicht den Weg 
zur Geheimwissenschaft. Nicht abstumpfen soli sich der 
Geheimschiiler ftir die AuBenwelt; aber sein reiches In- 
nenleben soil ihm die Richtung geben, in der er sich ihren 
Eindriicken hingibt. Wenn ein gefiihlsreicher und gemiits- 
tiefer Mensch durch eine scheme Gebirgslandschaft geht, 
erlebt er anderes als ein gefiihlsarmer. Erst was wir im 
Innern erleben, gibt uns den Schliissel zu den Schonheiten 
der AuBenwelt. Der eine fahrt iiber das Meer, und nur 
wenig innere Erlebnisse ziehen durch seine Seele; der an- 
dere empfindet dabei die ewige Sprache des Weltgeistes; 
ihm enthiillen sich geheime Ratsel der Schopfung. Man 
muB gelernt haben, mit seinen eigenen Gefuhlen, Vorstel- 
lungen umzugehen, wenn man ein inhaltvolles Verhaltnis 
zur AuBenwelt entwickeln will. Die AuBenwelt ist in 
alien ihren Erscheinungen erfullt von gottlicher Herrlich- 
keit; aber man muB das Gottliche erst in seiner Seele selbst 
erlebt haben, wenn man es in der Umgebung finden will. 
- Der Geheimschiiler wird darauf verwiesen, sich Augen- 
blicke in seinem Leben zu schaffen, in denen er still und 
einsam sich in sich selbst versenkt. Nicht den Angelegen- 
heiten seines eigenen Ich aber soil er sich in solchen 
Augenblicken hingeben. Das wiirde das Gegenteil von 
dem bewirken, was beabsichtigt ist. Er soil vielmehr in 
solchen Augenblicken in aller Stille nachklingen lassen, 
was er erlebt hat, was ihm die auBere Welt gesagt hat. 
Jede Blume, jedes Tier, jede Handlung wird ihm in sol- 



chen stillen Augenblicken ungeahnte Geheimnisse ent- 
hlillen. Und er wird vorbereitet dadurch, neue Eindrticke 
der AuBenwelt mit ganz anderen Augen zu sehen als vor- 
her. Wer nur Eindruck nach Eindruck geniefien will, 
stumpft sein Erkenntnisvermogen ab. Wer, nach dem Ge- 
nusse, sich von dem Genusse etwas offenbaren laBt, der 
pflegt und erzieht sein Erkenntnisvermogen. Er muB sich 
nur daran gewohnen, nicht etwa nur den GenuB nach- 
klingen zu lassen, sondern, mit Verzicht auf weiteren Ge- 
nuB, das Genossene durch innere Tatigkeit zu verarbeiten. 
Die Klippe ist hier eine sehr groBe, die Gefahr bringt. 
Statt in sich zu arbeiten, kann man leicht in das Gegenteil 
verfallen und den GenuB nur hinterher noch vollig aus- 
schopfen wollen. Man unterschatze nicht, daB sich hier 
unabsehbare Quellen des Irrtums fur den Geheimschliler 
eroffnen. Er muB ja hindurch zwischen einer Schar von 
Verflihrern seiner Seele. Sie alle wollen sein «Ich» ver- 
harten, in sich selbst verschlieBen. Er aber soil es auf- 
schlieBen flir die Welt. Er mufi ja den GenuB suchen; 
denn nur durch ihn kommt die AuBenwelt an ihn heran. 
Stumpft er sich gegen den GenuB ab, so wird er wie eine 
Pflanze, die aus ihrer Umgebung keine Nahrungsstoffe 
mehr an sich ziehen kann. Bleibt er aber beim Genusse 
stehen, so verschlieBt er sich in sich selbst. Er wird nur 
etwas/wr sich, nichts fur die Welt bedeuten. Mag er in sich 
dann noch so sehr leben, mag er sein «Ich» noch so stark 
pflegen: die Welt scheidet ihn aus. Flir sie ist er tot. Der 
Geheimschliler betrachtet den Genufi nur als ein Mittel, 
um sich fiir die Welt zu veredeln. Der GenuB ist ihm ein 
Kundschafter, der ihn unterrichtet liber die Welt; aber er 
schreitet nach dem Unterricht durch den GenuB zur Arbeit 



vorwarts. Er lernt nicht, urn das Gelernte als seine Wis- 
sensschatze aufzuhaufen, sondern urn das Gelernte in den 
Dienst der Welt zu stellen. 

Es ist ein Grundsatz in aller Geheimwissenschaft, der 
nicht iibertreten werden darf,wenn irgendein Ziel.erreicht 
werden soil. Jede Geheimschulung muB ihn dem Schiiler 
einpragen. Er heiBt: Jede Erkenntnis, die du suchst, nur 
um dein Wissen zu bereichern, nur um Schatze in diran- 
zuhaufen, fuhrt dich ab von deinem Wege; jede Erkennt- 
nis aber, die du suchst, um reiferzu werden aufdem Wege 
der Menschenveredelung und der Weltentwickelung, 
die bringtdich einen Schritt vorwarts. Dieses Gesetz for- 
dert unerbittlich seine Beobachtung. Und man ist nicht 
friiher Geheimschiiler, ehe man dieses Gesetz zur Richt- 
schnur seines Lebens gemacht hat. Man kann diese Wahr- 
heit der geistigen Schulung in den kurzen Satz zusammen- 
fassen: Jede Idee, die dir nicht zum Ideal wird, ertdtet in 
deinerSeele eine Kraft; jede Idee, die aber zum Ideal wird, 
erschajft in dir Lebenskrafte. 



Innere Ruhe 



Auf den Pfad der Verehrung und auf die Entwickelung 
des inneren Lebens wird der Geheimschiiler im Anfange 
seiner Laufbahn gewiesen. Die Geisteswissenschaft gibt 
nun auch praktische Regeln an die Hand, durch deren 
Beobachtung der Pfad betreten, das innere Leben enrwik- 
kelt werden kann. Diese praktischen Regeln entstammen 
nicht der Willkiir. Sie beruhen auf uralten Erfahrungen 
und uraltem Wissen. Sie werden iiberall in der gleichen 



Art gegeben, wo die Wege zur hoheren Erkenntnis ge- 
wiesen werden. Alle wahren Lehrer des geistigen Lebens 
stimmen in bezug auf den Inhalt dieser Regeln iiberein, 
wenn sie dieselben auch nicht immer in die gleichen Wor- 
te kleiden. Die untergeordnete, eigentlich nur scheinbare 
Verschiedenheit riihrt von Tatsachen her, welche hier nicht 
zu besprechen sind. 

Kein Lehrer des Geisteslebens will durch solche Regeln 
eine Herrschaft iiber andere Menschen ausiiben. Er will 
niemand in seiner Selbstandigkeit beeintrachtigen. Denn 
es gibt keine besseren Schatzer und Huter der mensch- 
lichen Selbstandigkeit als die Geheimforscher. Es ist (im 
ersten Teile in dieser Schrift) gesagt worden, das Band, 
das alle Eingeweihten umfaBt, sei ein geistiges, und zwei 
naturgemaBe Gesetze bilden die Klammern, welche die 
Bestandteile dieses Bandes zusammenhalten. Tritt nun 
der Eingeweihte aus seinem umschlossenen Geistgebiet 
heraus, vor die Offentlichkeit: dann kommt fiir ihn 
sogleich ein drittes Gesetz in Betracht. Es ist dieses: 
Richte jede deiner Taten, jedes deiner Worte so ein, daB 
durch dich in keines Menschen freien WillensentschluB 
eingegriffen wird. 

Wer durchschaut hat, daB ein wahrer Lehrer des Gei- 
steslebens ganz von dieser Gesinnung durchdrungen ist, 
der kann auch wissen, daB er nichts von seiner Selbstan- 
digkeit einbiiBt, wenn er den praktischen Regeln folgt, 
die ihm geboten werden. 

Eine der ersten dieser Regeln kann nun etwa in die fol- 
genden Worte der Sprache gekleidet werden: «Schaffe dir 
Augenblicke innerer Ruhe und lerne in diesen Augen- 
blicken das Wesentliche von dem Unwesentlichen unter- 



scheiden» - Es wird hier gesagt, diese praktische Regel 
laute so in «Worte der Sprache gefaBt». Urspriinglich 
werden namlich alle Regeln und Lehren der Geisteswis- 
senschaft in einer sinnbildlichen Zeichensprache gegeben. 
Und wer ihre ganze Bedeutung und Tragweite kennen- 
lernen will, der muB erst diese sinnbildliche Sprache sich 
zum Verstandnis bringen. Dieses Verstandnis ist davon ab- 
hangig, daB der Betreffende bereits die ersten Schritte in 
der Geheimwissenschaft getan hat. Diese Schritte aber 
kann er durch die genaue Beobachtung solcher Regeln 
gehen, wie sie hier gegeben werden. Jedem steht der Weg 
offen, der ernstliches Wollen hat. 

Einfach ist die obige Regel beziiglich der Augenblicke 
der inneren Ruhe. Und einfach ist auch ihre Befolgung. 
Aber zum Ziele fiihrt sie nur, wenn sie ebenso ernst und 
streng angefaBt wird, wie sie einfach ist. - Ohne Um- 
schweife soil daher hier auch gesagt werden, wie diese 
Regel zu befolgen ist. 

-Der Geheimschiiler hat sich eine kurze Zeit von seinem 
taglichen Leben auszusondern, urn sich in dieser Zeit mit 
etwas ganz anderem zu befassen, als die Gegenstande sei- 
ner taglichen Beschaftigung sind. Und auch die Art seiner 
Beschaftigung muB eine ganz andere sein als diejenige, 
mit der er den ubrigen Tag ausfiillt. Das ist aber nicht so 
zu verstehen, als ob dasjenige, was er in dieser ausgeson- 
derten Zeit vollbringt, nichts zu tun habe mit dem Inhalt 
seiner taglichen Arbeit. Im Gegenteil: der Mensch, der 
solche abgesonderten Augenblicke in der rechten Art 
sucht, wird bald bemerken, daB er durch sie erst die voile 
Kraft zu seiner Tagesaufgabe erhalt. Auch darf nicht ge- 
glaubt werden, daB die Beobachtung dieser Regel jeman- 



dem wirklich Zeit von seiner Pflichtenleistung entziehen 
konne. Wenn jemand wirklich nicht mehr Zeit zur Verfii- 
gung haben sollte, so genugen/wn/ Minuten jeden Tag. 
Es kommt darauf an, wie diese fiinf Minuten angewendet 
werden. 

In dieser Zeit soil der Mensch sich vollstandig heraus- 
reiBen aus seinem Alltagsleben. Sein Gedanken-, sein Ge- 
fiihlsleben soil da eine andere Farbung erhalten, als sie 
sonst haben. Er soil seine Freuden, seine Leiden, seine Sor- 
gen, seine Erfahrungen, seine Taten vor seiner Seele vor- 
beiziehen lassen. Und er soil sich dabei so stellen, daB er 
alles das, was er sonst erlebt, von einem hoheren Gesichts- 
punkte aus ansieht. Man denke nur einmal daran, wie man 
im gewohnlichen Leben etwas ganz anders ansieht, was 
ein anderer erlebt oder getan hat, als was man selbst er- 
lebt oder getan hat. Das kann nicht anders sein. Denn mit 
dem, was man selbst erlebt oder tut, ist man verwoben; 
das Erlebnis oder die Tat eines anderen betrachtet man 
nur. Was man in den ausgesonderten Augenblicken anzu- 
streben hat, ist nun, die eigenen Erlebnisse und Taten so 
anzuschauen, so zu beurteilen, als ob man sie nicht selbst, 
sondern als ob sie ein anderer erlebt oder getan hatte. Man 
stelle sich einmal vor: jemand habe einen schweren 
Schicksalsschlag erlebt. Wie anders steht er dem gegen- 
uber als einem ganz gleichen Schicksalsschlage bei seinem 
Mitmenschen? Niemand kann das fiir unberechtigt hal- 
ten. Es liegt in der menschlichen Natur. Und ahnlich wie 
in solchen auBergewohnlichen Fallen ist es in den alltag- 
lichen Angelegenheiten des Lebens. Der Geheimschiiler 
muB die Kraft suchen, sich selbst in gewissen Zeiten wie 
ein Fremder gegeniiberzustehen. Mit der inneren Ruhe 



des Beurteilers muB er sich selbst entgegentreten. Erreicht 
man das, dann zeigen sich einem die eigenen Erlebnisse in 
einem neuen Lichte. Solange man in sie verwoben ist, so- 
lange man in ihnen stent, hangt man mit dem Unwesent- 
lichen ebenso zusammen wie mit dem Wesentlichen. 
Kommt man zur innerenRuhe des Uberblicks, dann son- 
dert sich das Wesentliche von demUnwesentlichen. Kum- 
mer und Freude, jeder Gedanke, jeder EntschluB erschei- 
nen anders, wenn man sich so selbst gegeniibersteht. - Es 
ist, wie wenn man den ganzen Tag hindurch in einem 
Orte sich aufgehalten hat und das Kleinste ebenso nahe 
gesehen hat wie das GroBte; dann des Abends auf einen 
benachbarten Hiigel steigt und den ganzen Ort auflein- 
mal uberschaut. Da erscheinen die Teile dieses Ortes in 
anderen gegenseitigen Verhaltnissen, als wenn man dar- 
innen ist. Mit gegenwartig erlebten Schicksalsfiigungen 
wird und braucht dies nicht zu gelingen; mit langer ver- 
gangenen muB es vom Schiiler des Geisteslebens erstrebt 
werden. - Der Wert solcher inneren, ruhigen Selbstschau 
hangt viel weniger davon ab, was man dabei erschaut, als 
vielmehr davon, daB man in sich die Kraft findet, die 
solche innere Ruhe entwickelt. 

Denn jeder Mensch tragt neben seinem - wir wollen 
ihn so nennen - Alltagsmenschen in seinem Innern noch 
einen hdheren Menschen. Dieser hohere Mensch bleibt so 
lange verborgen, bis er geweckt wird. Und jeder kann die- 
sen hoheren Menschen nur selbst in sich erwecken. So- 
lange aber dieser hohere Mensch nicht erweckt ist, so 
lange bleiben auch die in jedem Menschen schlummern- 
den hoheren Fahigkeiten verborgen, die zu iibersinn- 
lichen Erkenntnissen fiihren. 



Solange jemand die Frucht der inneren Ruhe nicht 
fiihlt, muB er sich eben sagen, daB er in der ernsten stren- 
gen Befolgung der angefiihrten Regel fortfahren muB. 
Fur jeden, der so verfahrt, kommt der Tag, wo es urn 
ihn herum geistig hell wird, wo sich einem Auge, das er 
bis dahin in sich nicht gekannt hat, eine ganz neue Welt 
erschlieBen wird. 

Und nichts braucht sich im auBeren Leben des Ge- 
heimschiilers zu andern dadurch, daB er anfangt, diese Re- 
gel zu befolgen. Er geht seinen Pflichten nach wie vorher; 
er erduldet dieselben Leiden und erlebt dieselben Freu- 
den zunachst wie vorher. In keiner Weise kann er dadurch 
dem «Leben» entfremdet werden. Ja, er kann um so vol- 
ler den iibrigen Tag hindurch diesem «Leben» nachgehen, 
weil er in seinen ausgesonderten Augenblicken ein «hohe- 
res Leben» sich aneignet. Nach und nach wird dieses 
«hohere Leben» schon seinen EinfluB auf das gewohnliche 
geltend machen. Die Ruhe der ausgesonderten Augen- 
blicke wird ihre Wirkung auch auf den Alltag haben. 
Der ganze Mensch wird ruhiger werden, wird Sicherheit 
bei all seinen Handlungen gewinnen, wird nicht mehr aus 
der Fassung gebracht werden konnen durch alle mog- 
lichen Zwischenfalle. Allmahlich wird sich solch an- 
gehender Geheimschiiler sozusagen immer mehr selbst 
leiten und weniger von den Umstanden und auBeren Ein- 
flussen leiten lassen. Ein solcher Mensch wird bald be- 
merken, .was fur eine Kraftquelle solche ausgesonderte 
Zeitabschnitte fur ihn sind. Er wird anfangen, sich iiber 
Dinge nicht mehr zu argern, iiber die er sich vorher ge- 
argert hat; unzahlige Dinge, die er vorher gefiirchtet hat, 
horen auf, ihm Befiirchtungen zu machen. Eine ganz neue 



Lebensauffassung eignet er sich an. Vorher ging er viel- 
leicht zaghaft an diese oder jene Verrichtung. Er sagte 
sich: O, meine Kraft reicht nicht aus, dies so zu machen, 
wie ich es gerne gemacht hatte. Jetzt kommt ihm nicht 
mehr dieser Gedanke, sondern vielmehr ein ganz anderer. 
Nunmehr sagt er sich namlich: Ich will alle Kraft zusam- 
mennehmen, urn meine Sache so gut zu machen, als ich 
nur irgend kann. Und den Gedanken, der ihn zaghaft ma- 
chen konnte, unterdriickt er. Denn er weiB, daB ihn eben 
die Zaghaftigkeit zu einer schlechteren Leistung ver- 
anlassen konnte, daB jedenfalls diese Zaghaftigkeit nichts 
beitragen kann zur Verbesserung dessen, was ihm obliegt. 
Und so ziehen Gedanke nach Gedanke in die Lebensauf- 
fassung des Geheimschiilers ein, die fruchtbar, forderlich 
sind fur sein Leben. Sie treten an die Stelle von solchen, 
die ihm hinderlich, schwachend waren. Er fangt an, sein 
Lebensschiff einen sicheren, festen Gang zu fiihren in- 
nerhalb der Wogen des Lebens, wahrend es vorher von 
diesen Wogen hin und her geschlagen worden ist. 

Und solche Ruhe und Sicherheit wirken auch auf das 
ganze menschliche Wesen zuriick. Der innere Mensch 
wachst dadurch. Und mit ihm wachsen jene inneren Fahig- 
keiten, welche zu den hoherenErkenntnissen fiihren. Denn 
durch seine in dieser Richtung gemachten Fortschritte ge- 
langt der Geheimschiiler allmahlich dahin, daB er selbst 
bestimmt, wie die Eindriicke der AuBenwelt auf ihn 
einwirken diirfen. Er hort z. B. ein Wort, durch das ein 
anderer ihn verletzen oder argern will. Vor seiner Geheim- 
schulerschaft ware er auch verletzt worden oder hatte sich 
geargert. Da er nun den Pfad der Geheimschulerschaft 
betretenhat, ist erimstande, dem Worte seinen verletzen- 



den oder argerlichen Stachel zu nehmen, bevor es den 
Weg zu seinem Innern gefunden hat. Oder ein anderes 
Beispiel. Ein Mensch wird leicht ungeduldig, wenn er war- 
ten soil. Er betritt den Pfad des Geheimschiilers. Er durch- 
dringt sich in seinen Augenblicken der Rune so sehr mit 
dem Gefiihl von der Zwecklosigkeit vieler Ungeduld, daB 
er fortan bei jeder erlebten Ungeduld sofort dieses Ge- 
fiihl gegenwartig hat. Die Ungeduld, die sich schon ein- 
stellen wollte, verschwindet, und eine Zeit, die sonst ver- 
lorengegangen ware unter den Vorstellungen der Unge- 
duld, wird vielleicht ausgefiillt von einer niitzlichen Beob- 
achtung, die wahrend des Wartens gemacht werden kann. 

Nun muB man sich nur die Tragweite von alledem ver- 
gegenwartigen. Man bedenke, daB der «hohere Mensch» 
im Menschen in fortwahrender Entwickelung ist. Durch 
.die beschriebene Ruhe und Sicherheit wird ihm aber allein 
eine gesetzmaBige Entwickelung ermoglicht. Die Wogen 
des auBeren Lebens zwangen den inneren Menschen von 
alien Seiten ein, wenn der Mensch nicht dieses Leben be- 
herrscht, sondern von ihm beherrscht wird. Ein solcher 
Mensch ist wie eine Pflanze, die sich in einer Felsspalte 
entwickeln soil. Sie verkummert so lange, bis man ihr 
Raumschafft. Dem inneren Menschen konnen keine auBe- 
ren Krafte Raum schaffen. Das.vermag nur die innere 
Ruhe, die er seiner Seele schafft. AuBere Verhaltnisse 
konnen nur seine auBere Lebenslage andern; den «gei- 
stigen Menschen» in ihm konnen sie nie und nimmer er- 
wecken. - In sich selbst muB der Geheimschiiler einen 
neuen, einen hoheren Menschen gebaren. 

Dieser «hohere Mensch» wird dann der «innere Herr- 
scher», der mit sicherer Hand die Verhaltnisse des auBe- 



ren Menschen flihrt. Solange der auBere Mensch die Ober- 
hand und Leitung hat, ist dieser «innere» sein Sklave und 
kann daher seine Krafte nicht entfalten. Hangt es von 
etwas anderem als von mir ab, ob ich mich argere oder 
nicht, so bin ich nicht Herr meiner selbst, oder - noch 
besser gesagt -: ich habe den «Herrscher in mir» noch 
nicht gefunden. Ich muB in mir die Fahigkeit entwickeln, 
die Eindrticke der AuBenwelt nur in einer durch mich 
selbst bestimmten Weise an mich herankommen zu las- 
sen; dann kann ich erst Geheimschuler werden. - Und 
nur insoweit der Geheimschuler ernstlich nach dieser 
Kraft sucht, kann er zum Ziel kommen. Es kommt nicht 
darauf an, wie weit es einer in einer bestimmten Zeit 
bringt; sondern allein darauf, daB er ernstlich sucht. 
Schon manchen hat es gegeben, der jahrelang sich an- 
gestrengt hat, ohne an sich einen merklichen Fortschritt 
zu bemerken; viele von denen aber, die nicht verzweifelt, 
sondern unerschutterlich geblieben sind, haben dann ganz 
plotzlich den «inneren Sieg» errungen. 

Es gehort gewiB in mancher Lebenslage eine groBe 
Kraft dazu, sich Augenblicke innerer Ruhe zu schaffen. 
Aber je groBer die notwendige Kraft, desto bedeutender 
ist auch das, was erreicht wird. Alles hangt in bezug auf 
die Geheimschulerschaft davon ab, daB man energisch, 
mit innerer Wahrheit und ruckhaltloser Aufrichtigkeit 
sich selbst, mit alien seinen Handlungen und Taten, als 
ein vollig Fremder gegentiberstehen kann. 

Aber nur eine Seite der inneren Tatigkeit des Geheim- 
schtilers ist durch diese Geburt des eigenen hoheren Men- 
schen gekennzeichnet. Es muB dazu noch etwas anderes 
kommen. Wenn sich namlich der Mensch auch selbst als 



ein Fremder gegentibersteht, so betrachtet er doch nur 
sich selbst; er sieht auf diejenigen Erlebnisse und Hand- 
lungen, mit denen er durch seine besondere Lebenslage 
verwachsen ist. Er muB darliber hinauskommen. Er muB 
sich erheben zu einem rein Menschlichen, das nichts mehr 
mit seiner besonderen Lage zu tun hat. Er muB zu einer 
Betrachtung derjenigen Dinge ubergehen, die ihn als 
: Mensch etwas angingen, auch wenn er unter ganz ande- 
ren Verhaltnissen, in einer ganz anderen Lage lebte. Da- 
durch lebt in ihm etwas auf, was iiber das Personliche 
hinausragt. Er richtet damit den Blick in hdhere Welten, 
als diejenigen sind, mit denen ihn der Alltag zusammen- 
fiihrt, Und damit beginnt der Mensch zu flihlen, zu er- 
leben, daB er solchen hoheren Wehen angehort. Es sind 
das Welten, iiber die ihm seine Sinne, seine alltagliche 
Beschaftigung nichts sagen konnen. So erst verlegt er den 
Mittelpunkt seines Wesens in sein Inneres. Er hort auf 
die Stimmen in seinem Innern, die in den Augenblicken 
der Ruhe zu ihm sprechen; er pflegt im Innern Umgang 
mit der geistigen Welt. Er ist dem Alltag entruckt. Der 
Larm dieses Alltags ist fur ihn verstummt. Es ist um ihn 
herum still geworden. Er weist alles ab, was um ihn her- 
um ist; ja er weist auch alles ab, was ihn an solche 
Eindrlicke von auBen erinnert. Die ruhige Beschaulich- 
keit im Innern, die Zwiesprache mit der rein geistigen 
.Welt flillt seine ganze Seele aus. - Ein nattirliches Lebens- 
bedlirfnis muB dem Geheimschliler solche stille Beschau- 
lichkeit werden. Er ist zunachst ganz in eine Gedanken- 
welt versenkt. Er muB fur diese stille Gedankentatigkeit 
ein lebendiges Gefilhl entwickeln. Er muB lieben lernen, 
was ihm der Geist da zustromt. Bald hort er dann auch 



auf, diese Gedankenwelt als etwas zu empfinden, was un- 
wirklicher sei als die Dinge des Alltags, die ihn umgeben. 
Er fangt an, mit seinen Gedanken umzugehen wie mit den 
Dingen im Raume. Und dann naht fiir ihn auch der 
Augenblick, in dem er das, was sich ihm in der Stille inne- 
rer Gedankenarbeit offenbart, als viel hoher, wirklicher 
zu fiihlen beginnt als die Dinge im Raume. Er erfahrt, 
das sich Leben in dieser Gedankenwelt ausspricht. Er 
sieht ein, daB sich in Gedanken nicht bloBe Schattenbilder 
ausleben, sondern, daB durch sie verborgene Wesenheiten 
zu ihm sprechen. Es fangt an, aus der Stille heraus zu ihm 
zu sprechen. Vorher hat es nur durch sein Ohr zu ihm ge- 
tont; jetzt tont es durch seine Seele. Eine innere Sprache 
- ein inneres Wort - hat sich ihm erschlossen. Beseligt 
im hochsten Grade fiihlt sich der Geheimschiiler, wenn 
er diesen Augenblick zum ersten Male erlebt. liber seine 
ganze auBere Welt ergieBt sich ein inneres Licht. Ein 
zweites Leben beginnt fiir ihn. Der Strom einer gottlichen, 
einer gottbeseligenden Welt ergieBt sich durch ihn. 

Solches Leben der Seele in Gedanken, das sich immer 
mehr erweitert zu einem Leben in geistiger Wesenheit, 
nennt die Gnosis, die Geistwissenschaft Meditation (be- 
schauliches Nachdenken). Diese Meditation ist das Mittel 
zu iibersinnlicher Erkenntnis. - Aber nicht schwelgen in 
Gefiihlen soil der Geheimschiiler in solchen Augen- 
blicken. Er soil nicht unbestimmte Empfindungen in sei- 
ner Seele haben. Das wiirde ihn nur hindern, zu wahrer 
geistiger Erkenntnis zu kommen. Klar, scharf, bestimmt 
sollen sich seine Gedanken gestalten. Dazu wird er einen 
Anhalt finden, wenn er sich nicht blind an die Gedanken 
halt, die ihm aufsteigen. Er soil sich vielmehr mit den 



hohen Gedanken durchdringen, welche vorgeschrittene, 
schon vom Geist erfaBte Menschen in solchen Augen- 
blicken gedacht haben. Er soil zum Ausgangspunkte die 
Schriften nehmen, die selbst solcher Offenbarung in der 
Meditation entsprossen sind. In der mystischen, in der 
gnostischen, in der geisteswissenschaftlichen Literaturvon 
heute findet der Geheimschiiler solche Schriften. Da er- 
geben sich ihm die Stoffe zu seiner Meditation. Die Geist- 
sucher haben selbst in solchen Schriften die Gedanken 
der gottlichen Wissenschaft niedergelegt; der Geist hat 
durch seine Boten sie der Welt verkiindigen lassen. 

Durch solche Meditation geht eine vollige Verwand- 
lung mit dem Geheimschiiler vor. Er fangt an, iiber die 
Wirklichkeit ganz neue Vorstellungen sich zu bilden. Alle 
Dinge erhalten ftir ihn einen anderen Wert. Immer wie- 
der muB es gesagt werden: nicht weltfremd wird der Ge- 
heimschiiler durch solche Wandelung. Er wird auf keinen 
Fall seinem alltaglichen Pflichtenkreis entfremdet. Denn 
er lernt einsehen, daB die geringste Handlung, die er zu 
vollbringen hat, das geringste Erlebnis, das sich ihm dar- 
bietet, im Zusammenhang stehen mit den groBen Welt- 
wesenheiten und Weltereignissen. Wird ihm dieser Zu- 
sammenhang durch seine beschaulichen Augenblicke erst 
klar, dann geht er mit neuer vollerer Kraft an seinen tag- 
lichen Wirkungskreis. Denn jetzt weiB er: was er arbeitet, 
was er leidet, das arbeitet, leidet er um eines groBen, 
geistigen Weltzusammenhanges willen. Kraft zum Leben, 
nicht Lassigkeit quillt aus der Meditation. 

Mit sicherem Schritt geht der Geheimschiiler durch das 
Leben. Was es ihm auch bringen mag, laBt ihn aufrecht 
schreiten. Vorher hat er nicht gewuBt, warum er arbeitet, 



warum er leidet: jetzt weiB er dies. Einzusehen ist, daB 
solche Meditationstatigkeit besser zum Ziele fiihrt, wenn 
sie unter Anleitung erfahrener Menschen geschieht. Sol- 
chen Menschen, die von sich aus wissen, wie alles am 
besten zu machen ist. Man sehe daher den Rat, die Anwei- 
sung solcher Menschen sich an. Man verliert dadurch 
wahrlich nicht seine Freiheit. Was sonst nur unsicheres 
Tappen sein kann, wird durch solche Anleitung zum ziel- 
sicheren Arbeiten. Wer sich um solche kiimmert, die in 
dieser Richtung Wissen, Erfahrung haben, wird niemals 
vergeblich anklopfen. Er sei sich nur bewuBt, daB er 
nichts anderes sucht als den Rat eines Freundes, nicht die 
Ubermacht eines solchen, der herrschen will. Man wird 
immer finden, daB diejenigen, die wirklich wissen, die be- 
scheidensten Menschen sind, und daB ihnen nichts ferner 
liegt als dasjenige, was die Menschen Machtgeliiste nennen. 

Wer sich durch die Meditation erhebt zu dem, was den 
Menschen mit dem Geist verbindet, der beginnt in sich 
das zu beleben, was ewig in ihm ist, .was nicht durch Ge- 
burt und Tod begrenzt ist. Nur diejenigen konnen zwei- 
feln an einem solchen Ewigen, die es nicht selbst erlebt 
haben. So ist die Meditation der Weg, der den Menschen 
auch zur'Erkenntnis, zur Anschauung seines ewigen, un- 
zerstorbaren Wesenskernes fiihrt. Und nur durch sie kann 
der Mensch zu solcher Anschauung kommen. Gnosis, 
Geistwissenschaft sprechen von der Ewigkeit dieses 
Wesenskernes, von der Wiederverkorperung desselben. 
Oft wird gefragt, warum weiB der Mensch nichts von sei- 
nen Erlebnissen, die jenseits von Geburt und Tod liegen? 
Aber nicht so sollte gefragt werden. Sondern vielmehr so: 
wie gelangt man zu solchem Wissen? In der richtigen 



Meditation eroffnet sich der Weg. Durch sie lebt die Er- 
innerung auf an Erlebnisse, die jenseits von Geburt und 
Tod liegen. Jeder kann dieses Wissen erwerben; in je- 
dem liegen die Fahigkeiten, selbst zu erkennen, selbst 
zu schauen, was echte Mystik, Geistwissenschaft, An- 
throposophie und Gnosis lehren. Er muB nur die rich- 
tigen Mittel wahlen. Nur ein Wesen, das Ohren und 
Augen hat, kann Tone und Farben wahrnehmen. Und 
auch das Auge kann nichts wahrnehmen, wenn das Licht 
fehlt, das die Dinge sichtbar macht. In der Geheimwissen- 
schaft sind die Mittel gegeben, die geistigen Ohren und 
Augen zu entwickelnund das geistige Licht zu entztinden. 
Als drei Stufen konnen die Mittel der geistigen Schulung 
bezeichnet werden: 1. Die Vorbereitung. Sie entwickelt 
die geistigen Sinne. 2. Die Erleuchtung. Sie ztindet das 
geistige Licht an. 3. Die Einweihung. Sie eroffnet den' 
Verkehr mit den hoheren Wesenheiten des Geistes. 



DIE STUFEN DER EINWEIHUNG 



Die folgenden Mitteilungen sind Glieder einer geistigen 
Schulung, uber deren Namen und Wesenheit jeder sich 
klar wird, der sie richtig anwendet. Sie beziehen sich auf 
die drei Stufen, durch welche die Schule des geistigen 
Lebens zu einem gewissen Grade der Einweihung fiihrt. 
Aber nur so viel von diesen Auseinandersetzungen wird 
man hier finden, als eben offentlich gesagt werden kann. 
Es sind dies Andeutungen, welche aus einer noch viel 
tieferen, intimen Lehre herausgeholt sind. In der Geheim- 
schulung selbst wird ein ganz bestimmter Lehrgang be- 
folgt. Gewisse Verrichtungen dienen dazu, die Seele des 
Menschen zum bewuBten Verkehr mit der geistigen Welt 
zu bringen. Diese Verrichtungen verhalten sich etwa zu 
dem, was im folgenden mitgeteilt wird, wie der Unter- 
richt, den man jemandem in einer hoheren streng geregel- 
ten Schule gibt, zu der Unterweisung, die man ihm ge- 
legentlich auf einer vorbereitenden Schule zuteil werden 
laBt. Doch kann die ernste und beharrliche Verfolgung 
dessen, was man hier angedeutet findet, zur wirklichen 
Geheimschulung fiihren. Allerdings, das ungeduldige 
Probieren, ohne Ernst und Beharrlichkeit, kann zu gar 
nichts fiihren. - Von Erfolg kann das Geheimstudium 
nur sein, wenn dasjenige zunachst eingehalten wird, was 
bereits gesagt worden ist, und auf dieser Grundlage 
fortgeschritten wird. 

Die Stufen, welche die angedeutete Uberlieferung an- 
gibt, sind die folgenden drei: I. Die Vorbereitung, 2. die 
Erleuchtung, 3. die Einweihung. Es ist nicht durchaus 
notwendig, daB diese drei Stufen sich so folgen, daB man 



die erste ganz durchgemacht hat, bevor die zweite, und 
diese, bevor die dritte an die Reihe kommen. Man kann 
in bezug auf gewisse Dinge schon der Erleuchtung, ja der 
Einweihung teilhaftig werden, wenn man in bezug auf 
andere sich noch in der Vorbereitung befindet. Doch wird 
man eine gewisse Zeit in Vorbereitung zu verbringen 
haben, bevor uberhaupt eine Erleuchtung beginnen kann. 
Und wenigstens fur einiges wird man erleuchtet sein 
mtissen, wenn der Anfang mit der Einweihung gemacht 
werden soil. In der Beschreibung aber mtissen, der Ein- 
fachheit wegen, die drei Stufen hintereinander folgen. 



1. Die Vorbereitung 

Die Vorbereitung besteht in einer ganz bestimmten Pflege 
des Geftihls- und Gedankenlebens. Durch diese Pflege 
werden Seelen- und Geistesleib mit hoheren Sinneswerk- 
zeugen und Tatigkeitsorganen begabt, wie die Natur- 
krafte den physischen Leib aus unbestimmter lebendiger 
Materie mit Organen ausgertistet haben. 

Der Anfang muB damit gemacht werden, die Aufmerk- 
samkeit der Seele auf gewisse Vorgange in der uns um- 
gebenden Welt zu lenken. Solche Vorgange sind das 
sprieBende, wachsende und gedeihende Leben einerseits, 
und alle Erscheinungen, die mit Verbltihen, Verwelken, 
Absterben zusammenhangen, anderseits. Uberall, wohin 
der Mensch die Augen wendet, sind solche Vorgange 
gleichzeitig vorhanden. Und uberall rufen sie naturgemaB 
auch in dem Menschen Geftihle und Gedanken hervor. 
Aber nicht genug gibt sich, unter gewohnlichen Verhalt- 



nissen, der Mensch diesen Geflihlen und Gedanken hin. 
Dazu eilt er viel zu rasch von einem Eindruck zum ande- 
ren. Es handelt sich darum, daB er intensiv die Aufmerk- 
samkeit ganz bewuBt auf diese Tatsachen lenke. Er muB, 
wo er Bllihen und Gedeihen einer ganz bestimmten Art 
wahrnimmt, alles andere aus seiner Seele verbannen und 
sich kurze Zeit ganz allein diesem einen Eindrucke tiber- 
lassen. Er wird sich bald liberzeugen, daB ein Geflihl, das 
in einem solchen Falle durch seine Seele frliher nur 
durchgehuscht ist, anschwillt, daB es eine kraftige und 
energische Form annimmt. Diese Geftihlsform muB er 
dann ruhig in sich nachklingen lassen. Er muB dabei ganz 
still in seinem Innern werden. Er muB sich abschlieBen 
von der ubrigen AuBenwelt und ganz allein dem folgen, 
was seine Seele zu der Tatsache des Bltihens und Ge- 
deihens sagt. 

Dabei soil man nur ja nicht glauben, daB man weit 
kommt, wenn man seine Sinne etwa stumpf macht gegen 
die Welt. Erst schaue man so lebhaft, so genau, als es nur 
irgend moglich ist, die Dinge an. Dann erst gebe man sich 
dem in der Seele auflebenden Geftihle, dem aufsteigen- 
den Gedanken hin. Worauf es ankommt, ist, daB man auf 
beides, im volligen inneren Gleichgewicht, die Aufmerk- 
samkeit richte. Findet man die notige Ruhe und gibt man 
sich dem hin, was in der Seele auflebt, dann wird man, 
nach entsprechenderZeit, das Folgende erleben. Man wird 
neue Arten von Geflihlen und Gedanken in seinem In- 
nern aufsteigen sehen, die man vorher nicht gekannt hat. 
Je ofter man in einer solchen Weise die Aufmerksamkeit 
auf etwas Wachsendes, Bltihendes und Gedeihendes und 
damit abwechselnd auf etwas Welkendes, Absterbendes 



lenkt, desto lebhafter werden diese Gefiihle werden. Und 
aus den Gefiihlen und Gedanken, die so entstehen, bauen 
sich die Hellseherorgane ebenso auf, wie sich durch Na- 
turkrafte aus belebtem Stoffe Augen und Ohren des phy- 
sischen Korpers aufbauen. .Eine ganz bestimmte Gefiihls- 
form kniipft sich an das Wachsen und Werden; eine an- 
dere ganz bestimmte an das Verwelken und Absterben. 
Aber nur dann, wenn die Pflege dieser Gefiihle auf die 
beschriebene Art angestrebt wird. Es ist moglich, an- 
nahernd richtig zu beschreiben, wie diese Gefiihle sind. 
Eine vollstandige Vorstellung kann sich davon jeder selbst 
verschaffen, indem er diese inneren Erlebnisse durch- 
macht. Wer oft die Aufmerksamkeit auf den Vorgang des 
Werdens, des Gedeihens, des Bliihens gelenkt hat, der 
wird etwas fiihlen, was der Empfindung bei einem Son- 
nenaufgang entfernt dhnlich ist. Und aus dem Vorgang 
des Welkens, Absterbens wird sich ihm ein Erlebnis er- 
geben, das in ebensolcher Art mit dem langsamen Auf- 
steigen des Mondes im Gesichtskreis zu vergleichen ist. 
Diese beiden Gefiihle sind zwei Krafte, die bei gehoriger 
Pflege, bei immer lebhafter werdender Ausbildung zu den 
bedeutsamsten geistigen Wirkungen fiihren. Wer sich 
immer wieder und wieder planmaBig, mit Vorsatz, sol- 
chen Gefiihlen uberlaBt, dem eroffnet sich eine neue Welt. 
Die Seelenwelt, der sogenannte astrale Plan, beginnt vor 
ihm aufzudammern. Wachsen und Vergehen bleiben fiir 
ihn nicht mehr Tatsachen, die ihm solch unbestimmte 
Eindriicke machen wie vorher. Sie formen sich vielmehr 
zu geistigen Linien und Figuren, von denen er vorher 
nichts ahnte. Und diese Linien und Figuren haben fiir die 
verschiedenen Erscheinungen auch verschiedene Gestal- 



ten. Eine bliihende Blume zaubert vor seine Seele eine 
ganz bestimmte Linie, ebenso ein im Wachsen begriffenes 
Tieroderein im AbsterbenbefindlicherBaum. DieSeelen- 
welt (der astrale Plan) breitet sich langsam vor ihm aus. 
Nichts Willkiirliches liegt in diesen Linien und Figuren. 
Zwei Geheimschiiler, die sich auf der entsprechenden 
Stufe der Ausbildung befinden, werden bei dem gleichen 
Vorgange stets dieselben Linien und Figuren sehen. So ge- 
wiB zwei richtig sehende Menschen einen runden Tisch 
rund sehen, und nicht einer rund und der andere vier- 
eckig, so gewiB stellt sich vor zwei Seelen beim Anblicke 
einer bliihenden Blume dieselbe geistige Gestalt. - So 
wie die Gestalten der Pflanzen und Tiere in der gewohn- 
lichen Naturgeschichte beschrieben werden, so beschreibt 
oder zeichnet der Kenner der Geheimwissenschaft die 
geistigen Gestalten der Wachstums- und Absterbens- 
vorgange nach Gattungen und Arten. 

Wenn der Schiiler so weit ist, daB er solch geistige Ge- 
stalten von Erscheinungen sehen kann, die sich seinem 
auBeren Auge auch physisch zeigen: dann wird er auch 
nicht weit entfernt sein von der Stufe, Dinge zu sehen, 
die kein physisches Dasein haben, die also dem ganz ver- 
borgen (okkult) bleiben miissen, der keine Unterweisung 
in der Geheimlehre erhalten hat. 

Zu betonen ist, daB der Geheimforscher sich nicht in 
ein Nachsinnen verlieren soil, was dieses oder jenes Ding 
bedeutet. Durch solche Verstandesarbeit bringt er sich nur 
von dem rechten Wege ab. Er soil frisch, mit gesundem 
Sinne, mit scharfer Beobachtungsgabe in die Sinnenwelt 
sehen und dann sich seinen Gefiihlen iiberlassen. Was die 
Dinge bedeuten, das soil nicht er mit spekulierendem 



Verstande ausmachen wollen, sondern er soil es sich von 
den Dingen selbst sagen lassen." 

Ein Weiteres, worauf es ankommt, ist das, was die Ge- 
heimwissenschaft die Orientierung in den hoheren Wel- 
ten nennt. Man gelangt dazu, wenn man sich ganz von 
dem BewuBtsein durchdringt, daB Geftihle und Gedan- 
ken wirkliche Tatsachen sind, genau so wie Tische und 
Sttihle in der physisch-sinnlichen Welt. In der seelischen 
und in der Gedankenwelt wirken Geftihle und Gedanken 
aufeinander wie in der physischen die sinnlichen Dinge. 
Solange jemand nicht lebhaft von diesem BewuBtsein 
durchdrungen ist, wird er nicht glauben, daB ein verkehr- 
ter Gedanke, den er hegt, auf andere Gedanken, die den 
Gedankenraum beleben, so verheerend wirken kann wie 
eine blindlings losgeschossene Flintenkugel fur die physi- 
schen Gegenstande, die sie trifft. Ein solcher wird sich 
vielleicht niemals erlauben, eine physisch-sichtbare Hand- 
lung zu begehen, die er fur sinnlos halt. Er wird aber nicht 
davor zuruckschrecken, verkehrte Gedanken oder Geftihle 
zu hegen. Denn diese erscheinen ihm ungefahrlich fur die 
iibrige Weh. In der Geheimwissenschaft kann man aber 
nur vorwartskommen, wenn man auf seine Gedanken 
und Geftihle ebenso achtet, wie man auf seine Schritte in 
der physischen Welt achtet. Wenn jemand eine Wand 
sieht, so versucht er nicht, geradewegs durch dieselbe 
durchzurennen; er lenkt seine Schritte seitwarts. Er rich- 

::. Bemerkt soli werden, daB kunstlerisches Empfinden, gepaart mit 
einer stillen, in sich versenkten Natur, die beste Vorbedingung fur die 
Entwickelung der geistigen Fahigkeiten ist. Dieses Empfinden dringt ja 
durch die Oberflache der Dinge hindurch und gelangt dadurch zu deren 
Geheimnissen. 



tet sich eben nach den Gesetzen der physischen Weh. - 
Solche Gesetze gibt es nun auch fur die Geflihls- und Ge- 
dankenwelt. Nur konnen sie dem Menschen da nicht von 
auBen sich aufdrangen. Sie mlissen aus dem Leben seiner 
Seele selbst flieBen. Man gelangt dazu, wenn man sich 
jederzeit verbietet, verkehrte Geflihle und Gedanken zu 
hegen. Alles willklirliche Hin- und Hersinnen, alles spie- 
lerische Phantasieren, alle zufallig auf-und abwogenden 
Geflihle muB man sich in dieser Zeit verbieten. Man 
macht sich dadurch nicht geftihlsarm. Man wird namlich 
bald finden, daB man reich an Geflihlen, schopferisch in 
wahrer Phantasie erst wird, wenn man in solcher Art sein 
Inneres regelt. An die Stelle kleinlicher Geftihlsschwel- 
gerei und spielerischer Gedankenverkntipfung treten be- 
deutsame Geflihle und fruchtbare Gedanken. Und diese 
Geflihle. und Gedanken flihren den Menschen dazu, sich 
in der geistigen Welt zu orientieren. Er kommt in richtige 
Verhaltnisse zu den Dingen der Geisteswelt. Eine ganz 
bestimmte Wirkung tritt fur ihn ein. Wie er als physi- 
scher Mensch seinen Weg findet zwischen den physischen 
Dingen, so flihrt ihn jetzt sein Pfad zwischen Wachsen 
und Absterben, die er ja auf dem oben bezeichneten Weg 
kennenlernt, hindurch. Er folgt dann allem Wachsenden, 
Gedeihenden und auch anderseits allem Verwelkenden' 
und Absterbenden so, wie es zu seinem und der Welt 
Gedeihen erforderlich ist. 

Eine weitere Pflege hat der Geheimschuler der Weit 
der Tone angedeihen zu lassen. Man unterscheide da zwi- 
schen dem Tone, der durch das sogenannte Leblose (einen 
fallenden Korper, eine Glocke oder ein Musikinstrument) 
hervorgebracht wird, und dem, welcher von Lebendigem 



(einem Tiere oder Menschen) stammt. Wer eine Glocke 
hort, wird den Ton. wahrnehmen und ein angenehmes 
Gefiihl daran kniipfen; wer den Schrei eines Tieres hort, 
wird auBer diesem Gefiihl in dem Tone noch die Offen- 
barung eines inneren Erlebnisses des Tieres, Lust oder 
Schmerz, verspiiren. Bei der letzteren Art von Tonen hat 
der GeheimschuTer einzusetzen. Er soil seine ganze Auf- 
merksamkeit darauf lenken, daB der Ton ihm etwas ver- 
kiindet, was auBer der eigenen Seele liegt. Und er soil sich 
versenken in dieses Fremde. Er soil sein Gefiihl innig ver- 
binden mit dem Schmerz oder der Lust, die ihm durch den 
Ton verkiindet werden. Er soil dariiber hinweg sich setzen, 
was fur ihn der Ton ist, ob er ihm angenehm oder un- 
angenehm ist, wohlbehaglich oder miBfallig; nur das soil 
seine Seele erfiillen, was in dem Wesen vorgeht, von dem 
der Ton kommt. Wer planmaBig und mit Vorbedacht 
solche Ubungen macht, der wird sich dadurch die Fahig- 
keit aneignen, mit einem Wesen, sozusagen, zusammen- 
zuflieBen, von dem der Ton ausgeht. Einem musikalisch 
empfindenden Menschen wird solche Pflege seines Ge- 
miitslebens leichter sein als einem unmusikalischen. Doch 
darf niemand glauben, daB der musikalische Sinn schon 
diese Pflege ersetzt. Man muB, als Geheimschiiler, in die- 
ser Art der ganzen Natur gegeniiber empfinden lernen. - 
Und dadurch senkt sich in Gefiihls- und Gedankenwelt 
eine neue Anlage. Die ganze Natur fangt an, dem Men- 
sehen durch ihr Ertonen Geheimnisse zuzuraunen. Was 
vorher seiner Seele unverstandlicher Schall war, wird da- 
durch sinnvolle Sprache der Natur. Und wobei er vorher 
nur Ton gehorthat, beimErklingen des sogenanntenLeb- 
losen, vernimmt er jetzt eine neue Sprache der Seele. 



Schreitet er in solcher Pflege seiner Geftihle vorwarts, 
dann wird er bald gewahr, daB er horen kann, wovon er 
vorher nichts vermutet hat. Er fangt an, mit derSeele zu 
horen. 

Dazu muB dann noch etwas anderes kommen, um zum 
Gipfel zu gelangen, der auf diesem Gebiete zu erreichen 
ist. - Was fur die Ausbildung des Geheimschlilers ganz 
besonders wichtig ist, das ist die Art, wie er anderen Men- 
schen beim Sprechen zuhdrt. Er muB sich daran gewoh- 
nen, dies so zu tun, daB dabei sein eigenes Innere voll- 
kommen schweigt. Wenn jemand eine Meinung auBert, 
und ein anderer hort zu, so wird sich im Innern des letz- 
teren im allgemeinen Zustimmung oder Widerspruch 
regen. Viele Menschen werden wohl auch sofort sich ge- 
drangt flihlen, ihre zustimmende und namentlich ihre 
widersprechende Meinung zu auBern. Alle solche Zustim- 
mung und alien solchen Widerspruch muB der Geheim- 
schuler zum Schweigen bringen. Es kommt dabei nicht 
darauf an, daB er plotzlich seine Lebensart so andere, daB 
er solch inneres, grundliches Schweigen fortwahrend zu 
erreichen sucht. Er wird damit den Anfang machen mtis- 
sen, daB er es in einzelnen Fallen tut, die er sich mit Vor- 
satz auswahlt. Dann wird sich ganz langsam und allmah- 
lich, wie von selbst, diese ganz neue Art des Zuhorens in 
seine Gewohnheiten einschleichen. - In der Geistesfor- 
schung wird solches planmaBig getibt. Die Schtiler flihlen 
sich verpflichtet, libungsweise zu gewissen Zeiten sich die 
entgegengesetztesten Gedanken anzuhoren und dabei alle 
Zustimmung und namentlich alles abfallige Urteilen voll- 
standig zum Verstummen zu bringen. Es kommt darauf 
an, daB dabei nicht nur alles verstandesmaBige Urteilen 



schweige, sondern auch alle Gefiihle des MiBfallens, der 
Ablehnung oder auch Zustimmung. Insbesondere muB 
sich der Schuler stets sorgfaltig beobachten, ob nicht 
solche Gefiihle, wenn auch nicht an der Oberflache, so 
doch im intimsten Innern seiner Seele vorhanden seien. Er 
muB sich z. B. die Ausspriiche von Menschen anhoren, die 
in irgendeiner Beziehung weit unter ihm stehen, und muB 
dabei jedes Gefiihl des Besserwissens oder der Uberlegen- 
heit unterdrucken. - Niitzlich ist es fiir jeden, in solcher 
Art Kindern zuzuhoren. Auch der Weiseste kann un- 
ermeBlich viel von Kindern lernen. - So bringt es der 
Mensch dazu, die Worte des anderen ganz selbstlos zu 
horen, mit vollkommener Ausschaltung seiner eigenen 
Person, deren Meinung und Gefiihlsweise. Wenn er sich 
so tibt, kritiklos zuzuhoren, auch dann, wenn die vollig 
entgegengesetzte Meinung vorgebracht wird, wenn das 
«Verkehrteste» sich vor ihm abspielt, dann lernt er nach 
und nach mit dem Wesen eines anderen vollstandig zu 
verschmelzen, ganz in dasselbe aufzugehen. Er hort dann 
durch die Worte hindurch in des anderen Seele hinein. 
Durch anhaltende Ubung solcher Art wird erst der Ton 
das rechte Mittel, um Seele und Geist wahrzunehmen. 
Allerdings gehort dazu die allerstrengste Selbstzucht. 
Aber diese fiihrt zu einem hohen Ziele. Wenn diese Ubun- 
gen namlich in Verbindung mit den anderen getrieben 
werden, die angegeben worden sind beziiglich des Tonens 
in der Natur, so erwachst der Seele ein neuer Horsinn. Sie 
wird imstande, Kundgebungen aus der geistigen Weit 
wahrzunehmen, die nicht ihren Ausdruck finden in auBe- 
ren Tonen, die fiir das physische Ohr wahrnehmber sind. 
Die Wahrnehmung des «inneren Wortes» erwacht. Dem 



Geheimschuler offenbaren 'sich allmahlich von der Gei- 
steswelt aus Wahrheiten. Er hort auf geistige Art zu sich 
sprechen." - Alle hoheren Wahrheiten werden durch 
solches «inneres Einsprechen» erreicht. Und was man aus 
dem Munde eines wahren Geheimforschers horen kann, 
das hat er durch diese Art in Erfahrung gebracht. - Damit 
aber soli nicht gesagt sein, daB es unnotig sei, sich mit 
geheimwissenschaftlichen Schriften zu befassen, bevor 
man selbst in solcher Weise «inneres Einsprechen» ver- 
nehmen kann. Im Gegenteil: das Lesen solcher Schriften, 
das Anhoren der Geheimforscherlehren sind selbst Mit- 
tel, auch zu eigener Erkenntnis zu gelangen. Jeder Satz 
der Geheimwissenschaft, den der Mensch hort, ist geeig- 
net, den Sinn dahin zu lenken, wohin er gelangen muB, 
soil die Seele wahren Fortschritt erleben. Zu all dem Ge- 
sagten muB vielmehr eifriges Studium dessen treten, was 
die Geheimforscher der Welt mitteilen. Bei aller Geheim- 
schulung gehort solches Studium zur Vorbereitung. Und 
wer alle sonstigen Mittel anwenden wollte, er kame zu 
keinem Ziele, wenn er nicht die Lehren der Geheim- 
forscher in sich aufnahme. Denn weil diese Lehren aus 
dem lebendigen «inneren Worte», aus der «lebendigen 
Einsprechung» geschopft sind, haben sie selbst geistiges 
Leben. Sie sind nicht bloB Worte. Sie sind lebendige 
Krafte. Und wahrend du den Worten eines Geheimkun- 
digen folgst, wahrend du ein Buch liest, das einer wirk- 

* Nur wer durch selbstloses Zuhoren es dahin bringt, daB er wirklich 
von innen aufnehmen kann, still, ohne Regung einer personlichen Mei- 
nimg oder eines personlichen Gefiihls, zu dem konnen die hoheren 
Wesenheiten sprechen, von denen man in der Geheimwissenschaft spricht. 
Solange man noch irgendeine Meinung, irgendein Gefiihl dem zu Horen- 
den entgegenschleudert, schweigen die Wesenheiten der Geisteswelt. 



liehen inneren Erfahrung entstammt, wirken in deiner 
Seele Krafte, welche dich ebenso hellsehend machen, wie 
die Naturkrafte aus lebendigem Stoffe deine Augen und 
Ohren gebildet haben. 



2. Die Erleuchtung 

Die Erleuchtung geht von sehr einfachen Vorgangen aus. 
Auch dabei handelt es sich darum, gewisse Gefiihle und 
Gedankenzu entwickeln, die in jedemMenschen schlum- 
mern und die erwachen miissen. Nur wer mit voller Ge- 
duld, streng und anhaltend die einfachen Vorgange durch- 
nimmt, den konnen sie zur Wahrnehmung der inneren 
Lichterscheinungen fiihren. Der erste Anfang wird damit 
gemacht, in einer bestimmten Art verschiedene Natur- 
wesen zu betrachten, und zwar zumBeispiele: einen durch- 
sichtigen, schon geformten Stein (Kristall), eine Pflanze 
und ein Tier. Man suche zuerst seine ganze Aufmerksam- 
keit auf einen Vergleich des Steines mit dem Tier in fol- 
gender Art zu lenken. Die Gedanken, die hier angefiihrt 
werden, miissen, von lebhaften Gefiihlen begleitet, durch 
die Seele ziehen. Und kein anderer Gedanke, kein an- 
deres Gefiihl diirfen sich einmischenund die intensiv auf- 
merksame Betrachtung storen. Man sage sich: «Der Stein 
hat eine Gestalt; das Tier hat auch Gestalt. Der Stein 
bleibt ruhig an seinem Ort. Das Tier verandert seinen Ort. 
Es ist der Trieb (die Begierde), welcher das Tier veranlaBt, 
seinen Ort zu andern. Und die Triebe sind es auch, denen 
die Gestalt des Tieres dient. Seine Organe, seine Werk- 
zeuge sind diesen Trieben gemaB ausgebildet. Die Gestalt 



des Steins ist nicht nach Begierden, sondern durch be- 
gierdelose Kraft gebildet.»* Wenn man sich intensiv in 
diese Gedanken versenkt und dabei mit gespannter Auf- 
merksamkeit Stein und Tier betrachtet: dann leben in der 
Seele zwei ganz verschiedene Gefuhlsarten auf. Aus dem 
Stein stromt die eine Art des Gefuhls, aus dem Tiere die 
andere Art in unsere Seele. Die Sache wird wahrschein- 
lich im Anfange nicht gelingen: aber nach und nach, bei 
wirklicher geduldiger Ubung, werden sich diese Gefiihle 
einstellen. Man muB nur immerfort und fort iiben. Erst 
sind die Gefiihle nur so lange vorhanden, als die Betrach- 
tung dauert, spater wirken sie nach. Und dann werden 
sie zu etwas, was in der Seele lebendig bleibt. Der Mensch 
braucht sich dann nur zu besinnen: und die beiden Ge- 
fiihle steigen immer, auch ohne Betrachtung eines auBe- 
ren Gegenstandes, auf. - Aus diesen Gefiihlen und den 
mit ihnen verbundenen Gedanken bilden sich Hellseher- 
organe. - Tritt dann in der Betrachtung noch die Pflanze 
hinzu, so wird man bemerken, daB das von ihr ausgehende 
Gefiihl, seiner Beschaffenheit und auch seinem Grade 
nach, in der Mitte liegt zwischen dem vom Stein und dem 
vom Tier ausstromenden. Die Organe, welche sich auf 
solche Art bilden, sind Geistesaugen. Man lernt mit ihnen 
allmahlich etwas wie seelische und geistige Farben zu 
sehen. Solange man nur das sich angeeignet hat, was als 

* Die hier gemeinte Tatsache, insofern' sie sich auf Kristallbeobach- 
tung bezieht, ist von solchen, die nur in auBerlicher Weise (exoterisch) 
davon gehort haben, in mancherlei Art verdreht worden, woraus Ver- 
richtungen wie «Kristallsehen» usw. entstanden sind. Derlei Manipulatio- 
nen beruhen auf MiBverstandnissen. Sie sind in vielen Biichern beschrieben 
worden. Aber sie bilden niemals den Gegenstand wahren (esoterischen) 
Geheimunterrichtes. 



«Vorbereitung» beschrieben worden ist, bleibt die geistige 
Weh mit ihren Linien und Figuren dunkel; durch die Er- 
leuchtung wird sie hell. - Auch hier muB bemerkt wer- 
den, daB die Worte «dunkel» und «hell» sowie die ande- 
ren gebrauchten Ausdriicke nur annahernd aussprechen, 
was gemeint ist. Will man sich aber der gebrauchlichen 
Sprache bedienen, so ist nichts anderes moglich. Diese 
Sprache ist ja nur fiir die physischen Verhaltnisse geschaf- 
fen. - Die Geheimwissenschaft bezeichnet nun das, was 
fiir das Hellseherorgan vom Stein ausstromt, als «blau» 
oder «blaurot». Dasjenige, was vom Tier empfunden 
wird, als «rot» oder «rotgelb». In der Tat sind es Farben 
«geistiger Art», die da gesehen werden. Die von der 
Pflanze ausgehende Farbe ist «griin», das nach und nach 
in ein helles atherisches Rosarot iibergeht. Die Pflanze ist 
namlich dasjenige Naturwesen, welches in hoheren Wel- 
ten in einer gewissen Beziehung ihrer Beschaffenheit in 
der physischen Welt gleicht. Nicht dasselbe ist aber bei 
Stein und Tier der Fall. - Nun muB man sich klar sein, 
daB mit den oben genannten Farben nur die Hauptschat- 
tierungen des Stein-, Pflanzen- und Tierreiches angegeben 
sind. In Wirklichkeit sind alle moglichen Zwischenschat- 
tierungen vorhanden. Jeder Stein, jede Pflanze, jedes Tier 
hat seine ganz bestimmte Farbennuance. Dazu kommen 
die Wesen der hoheren Welten, die niemals sich physisch 
verkorpern, mit ihren oft wundervollen, oft auch graB- 
lichen Farben. In der Tat ist der Farbenreichtum in die- 
sen hoheren Wehen unermeBlich viel groBer als in der 
physischen Welt. 

Hat der Mensch einmal die Fahigkeit erworben, mit 
«Geistesaugen» zu sehen, so begegnet er auch, iiber kurz 



oder lang, den genannten hoheren, zum Teil auch tiefe- 
ren Wesen, als. der Mensch ist, die niemals die physische 
Wirklichkeit betreten. 

Hat der Mensch es so weit gebracht, wie hier beschrie- 
ben ist, so stehen ihm die Wege zu vielem offen. Aber es 
ist keinem anzuraten, noch weiter zu gehen ohne sorgfal- 
tige Beachtung des vom Geistesforscher Gesagten oder 
sonst von ihm Mitgeteilten. Und auch fur das schon Ge- 
sagte ist eine Beachtung solcher kundigen Fiihrerschaft 
das Allerbeste. Hat iibrigens der Mensch in sich die Kraft 
und Ausdauer, es so weit zu bringen, wie es den angegebe- 
nen elementaren Stufen der Erleuchtung entspricht, so wird 
er ganz gewiB auch die rechte Fiihrung suchenund finden. 

Eine Vorsicht ist aber unter alien Umstanden notwen- 
dig, und wer sie nicht anwenden will, der soil am besten 
alle Schritte in die Geheimwissenschaft unterlassen. Es ist 
notwendig, daB der Mensch, der'Geheimschiiler wird, 
nichts verliere von seinen Eigenschaften als edler, guter 
und fiir alles physisch Wirkliche empfanglicher Mensch. 
Er muB im Gegenteile seine moralische Kraft, seine 
innere Lauterkeit, seine Beobachtungsgabe wahrend der 
Geheimschiilerschaft fortwahrend steigern. Um ein Ein- 
zelnes zu erwahnen: Wahrend der elementaren Erleuch- 
tungsiibungen muB der Geheimschiiler dafiir sorgen, daB 
er sein Mitgefiihl fiir die Menschen- und Tierwelt, seinen 
Sinn fiir Schonheit der Natur immerfort vergroBere. 
Sorgt er nicht dafiir, so stumpfen sich jenes Gefiihl und 
dieser Sinn durch solche Ubungen fortwahrend ab. Das 
Herz wiirde hart, der Sinn stumpf. Und das miiBte zu 
gefahrlichen Ergebnissen fiihren. 

Wie sich die Erleuchtung gestaltet, wenn man im Sinne 



der obigen Ubungen iiber Stein, Pflanze und Tier zum 
Menschen heraufsteigt, und wie, nach der Erleuchtung, 
der ZusammenschluB der Seele mit der geistigen Weh 
unter alien Umstanden sich einmal einstellt und zur 
Einweihung hingeleitet: davon wird in den nachsten 
Abschnitten gesprochen werden, soweit das sein kann. 

Es wird in unserer Zeit von vielen Menschen der Weg 
zur Geheimwissenschaft gesucht. Auf mancherlei Art 
wird das getan; und viele gefahrliche, ja verwerfliche Pro- 
zeduren werden probiert. Deshalb sollen diejenigen, die 
etwas Wahrhaftes von diesen Dingen zu wissen meinen, 
anderen die Moglichkeit geben, einiges aus der Geheim- 
schulung kennenzulernen. Nur soviel ist hier mitgeteilt 
worden, als solcher Moglichkeit entspricht. Es ist notwen- 
dig, daB etwas von dem Wahren bekannt werde, damit 
nicht das Irrttimliche groBen Schaden anrichte. Durch die 
hier vorgezeichneten Wege kann niemand Schaden neh- 
men, der nichts forciert. Nur das eine muB beobachtet 
werden: niemand darf mehr Zeit und Kraft auf solche 
Ubungen verwenden, als ihm nach seiner Lebensstellung, 
nach seinen Pflichten zur Verftigung stehen. Niemand 
darf durch den Geheimpfad irgend etwas in seinen auBe- 
ren Lebensverhaltnissen augenblicklich andern. Will man 
wirkliche Ergebnisse, dann muB man Geduld haben; man 
muB nach wenigen Minuten der Ubung aufhoren konnen 
und ruhig seiner Tagesarbeit nachgehen. Und nichts darf 
sich von Gedanken an die Ubungen in die Tagesarbeit 
mischen. Wer nicht im hochsten und besten Sinne warten 
gelernt hat, der taugt nicht zum Geheimschuler und wird 
auch niemals zu Ergebnissen kommen, die einen erheb- 
lichen Wert haben. 



Kontrolle der Gedanken und Gefuhle 



Wenn jemand die Wege zur Geheimwissenschaft in der 
Art sucht, wie es in dem vorhergehenden Kapitel be- 
schrieben worden ist, dann darf er nicht versaumen, sich 
wahrend der ganzen Arbeit durch einen fortwirkenden 
Gedanken zu starken. Er muB sich namlich stets vor Au- 
gen halten, daB er nach einiger Zeit schon ganz erhebliche 
Fortschritte gemacht haben kann, ohne daB sie sich ihm 
in der Weise zeigen, wie er es vielleicht erwartet hat. Wer 
dies nicht bedenkt, wird leicht die Beharrlichkeit verlieren 
und nach kurzer Zeit alle Versuche aufgeben. Die Krafte 
und Fahigkeiten, welche man zu entwickeln hat, sind an- 
fanglich von sehr zarter Art. Und ihre Wesenheit ist etwas 
ganz anderes als das, wovon sich der Mensch vorher Vor- 
stellungen gemacht hat. Er war ja nur gewohnt, sich mit 
der physischen Welt zu beschaftigen. Die geistige und see- 
lische entzog sich seinen Blicken und auch seinen Begrif- 
fen. Es ist daher gar nicht zu verwundern, daB er jetzt, wo 
sich in ihm geistige und seelische Krafte entwickeln, diese 
nicht sogleich bemerkt. - Darinnen liegt die Moglichkeit 
einer Beirrung fur den, welcher sich, ohne sich an die Er- 
fahrungen zu halten, welche kundige Forscher gesammelt 
haben, auf den Geheimpfad begibt. Der Geheimforscher 
kennt die Fortschritte, welche der Schiiler macht, lange 
bevor dieser sich selbst ihrer bewuBt wird. Er weiB, wie 
die zarten geistigen Augen sich heranbilden, ehe der Schii- 
ler etwas davon weiB. Und ein groBerTeil der Anweisun- 
gen dieses Geheimforschers besteht eben darinnen, das 
zum Ausdrucke zu bringen, was bewirkt, daB der Schiiler 
das Vertrauen, die Geduld, die Ausdauer nicht verliere, 



bevor er zur eigenen Erkenntnis seiner Fortschritte ge- 
langt. Geben kann ja der Geheimkundige seinem Zogling 
nichts, was in diesem nicht - auf verborgene Art - schon 
liegt. Er kann nur anleiten zur Entwickelung von schlum- 
mernden Fahigkeiten. Aber, was er aus seinen Erfahrun- 
gen mitteilt, wird eine Stlitze sein dem, der sich aus dem 
Dunkel zum Lichte durchringen will. 

Gar viele verlassen den Pfad zur Geheimwissenschaft 
bald, nachdem sie ihn betreten haben, weil ihnen ihre 
Fortschritte nicht sogleich bemerklich werden. Und selbst, 
wenn die ersten fur den Zogling wahrnehmbaren hohe- 
ren Erfahrungen auftreten, so betrachtet sie dieser oft als 
Illusionen, weil er sich ganz andere Vorstellungen von 
dem gemacht hat, was er erleben soil. Er verliert den Mut, 
weil er entweder die ersten Erfahrungen fur wertlos halt 
oder weil sie ihm doch so unscheinbar vorkommen, daB 
er nicht glaubt, sie konnten ihn in absehbarer Zeit zu 
irgend etwas Erheblichem ftihren. Mut und Selbstver- 
trauen sind aber zwei Lichter, die auf dem Wege zur Ge- 
heimwissenschaft nicht erloschen dtirfen. Wer es nicht 
iiber sich bringen kann, eine Ubung, die scheinbar un- 
zahligemal miBgltickt ist, immer wieder und wieder 
geduldig fortzusetzen, der kann nicht weit kommen. 

Viel frtiher als eine deutliche Wahrnehmung von den 
Fortschritten tritt ein dunkles Geftihl auf, daB man auf 
dem rechten Wege sei. Und dieses Geftihl sollte man 
hegen'und pflegen. Denn es kann zu einem sicheren Fiih- 
rer werden. Vor allem muB man den Glauben ausrotten, 
als ob es ganz absonderliche, geheimnisvolle Verrichtun- 
gen sein muBten, durch die man zu hoheren Erkenntnis- 
sen gelangt. Man muB sich klarmachen, daB von den 



Gefiihlen und Gedanken ausgegangen werden muB, mit 
denen der Mensch ja fortwahrend lebt, und daB er diesen 
Gefiihlen und Gedanken nur eine andere Richtung geben 
muB, als die gewohnte ist. Ein jeder sage sich zunachst: in 
meiner eigenen Gefiihls- und Gedankenwelt liegen die 
hochsten Geheimnisse verborgen: ich habe sie bisher nur 
noch nicht wahrgenommen. Alles beruht schlieBlich dar- 
auf, daB der Mensch fortwahrend Leib, Seele und Geist 
mit sich herumtragt, daB er sich aber nur seines Leibes 
im ausgesprochenen Sinne bewufit ist, nicht seiner Seele 
und seines Geistes. Und der Geheimschiiler wird sich der 
Seele und des Geistes bewuBt, wie sich der gewohnliche 
Mensch seines Leibes bewuBt ist. 

Deshalb kommt es darauf an, die Gefiihle und Gedan- 
ken in die rechte Richtung zu bringen. Dann entwickelt 
man die Wahrnehmungen flir das im gewohnlichen 
Leben Unsichtbare. Hier soil einer der Wege angegeben 
werden, wie man das macht. Eine einfache Sache ist es 
wieder, wie fast alles, was bisher mitgeteilt worden ist. 
Aber von den groBten Wirkungen ist sie, wenn sie beharr- 
lich durchgefiihrt wird und wenn der Mensch vermag, 
mit der notigen intimen Stimmung sich ihr hinzugeben. 

Man lege ein kleines Samenkorn einer Pflanze vor sich 
hin. Es kommt darauf an, sich vor diesem unscheinbaren 
Ding die rechten Gedanken intensiv zu machen und 
durch diese Gedanken gewisse Gefiihle zu entwickeln. 
Zuerst mache man sich klar, was man wirklich mit Au- 
gen sieht. Man beschreibe fur sich Form, Farbe und alle 
sonstigen Eigenschaften des Samens. Dann iiberlege man 
folgendes. Aus diesem Samenkorn wird eine vielgestaltige 
Pflanze entstehen, wenn es in die Erde gepflanzt wird. 



Man vergegenwartige sich diese Pflanze. Man baue sie 
sich in der Phantasie auf. Und dann denke man: Was ich 
mir jetzt in meiner Phantasie vorstelle, das werden die 
Krafte der Erde und des Lichtes spater wirklich aus dem 
Samenkorn hervorlocken. Wenn ich ein kunstlich geform- 
tes Ding vor mir hatte, das ganz tauschend dem Samen- 
korn nachgeahmt ware, so daB es meine Augen nicht von 
einem wahren unterscheiden konnten, so wlirde keine 
Kraft der Erde und des Lichtes aus diesem eine Pflanze 
hervorlocken. Wer sich diesen Gedanken ganz klar macht, 
wer ihn innerlich erlebt, der wird sich auch den folgenden 
mit dem richtigen Gefuhle bilden konnen. Er wird sich 
sagen: in dem Samenkorn ruht schon auf verborgene Art 
- als Kraft der ganzen Pflanze - das, was spater aus ihm 
herauswachst. In der kunstlichen Nachahmung ruht diese 
Kraft nicht. Und doch sind/wr meine Augen beide gleich. 
In dem wirklichen Samenkorn ist also etwas unsichtbar 
enthalten, was in der Nachahmung nicht ist. Auf dieses 
Unsichtbare lenke man nun Geftihl und Gedanken." Man 
stelle sich vor: dieses Unsichtbare wird sich spater in die 
sichtbare Pflanze verwandeln, die ich in Gestaltund Farbe 
vor mir haben werde. Man hange dem Gedanken nach: 
das Unsichtbare wird sichtbar werden. Konnte ich nicht 
denken, so konnte sich mir auch nicht schon jetzt an- 
ktindigen, was erst spater sichtbar werden wird. 

* Wer da einwenden wollte, daB bei einer genaueren mikroskopischen 
Untersuchung sich ja doch die Nachahmung von dem wirklichen Samen- 
korn unterscheide, der zeigte nur, daB er nicht erfaBt hat, worauf es an- 
kommt. Es handelt sich nicht darum, was man genau wirklich in sinnen- 
falliger Weise vor sich hat, sondern darum, daB man daran seelisch-gei- 
stige Krafte entwickele. 



Besonders deutlich sei es betont: Was man da denkt, 
muB man auch intensiv juhlen. Man muB in Ruhe, ohne 
alle storenden Beimischungen anderer Gedanken, den 
einen oben angedeuteten in sich erleben. Und man muB 
sich Zeit lassen, so daB sich der Gedanke und das Geftihl, 
das sich an ihn knlipft, gleichsam in die Seele einbohren. 
- Bringt man das in der rechten Weise zustande, dann 
wird man nach einiger Zeit - vielleicht erst nach vielen 
Versuchen - eine Kraft in sich versptiren. Und diese Kraft 
wird eine neue Anschauung erschaffen. Das Samenkorn 
wird wie in einer kleinen Lichtwolke eingeschlossen er- 
scheinen. Es wird auf sinnlich-geistige Weise als eine Art 
Flamme empfunden werden. Gegentiber der Mitte dieser 
Flamme empfindet man so, wie man beim Eindruck der 
Farbe Lila empfindet; gegentiber dem Rande, wie man der 
Farbe Blaulich gegentiber empfindet. - Da erscheint das, 
was man vorher nicht gesehen hat und was die Kraft des 
Gedankens und der Geftihle geschaffen hat, die man in 
sich erregt hat. Was sinnlich unsichtbar war, die Pflanze, 
die erst spater sichtbar werden wird, das offenbart sich 
da auf geistig-sichtbare Art. 

Es ist begreiflich, daB mancher Mensch das alles fur 
Illusion halten wird. Viele werden sagen: «Was sollen 
mir solche Gesichte, solche Phantasmen?» Und manche 
werden abfallen und den Pfad nicht fortsetzen. Aber ge- 
rade darauf kommt es an: in diesen schwierigen Punkten 
der menschlichen Entwickelung nicht Phantasie und gei- 
stige Wirklichkeit miteinander zu verwechseln. Und fer- 
ner darauf, den Mut zu haben, vorwarts zu dringen und 
nicht furchtsam und kleinmutig zu werden. Auf der an- 
deren Seite aber muB allerdings betont werden, daB der 



gesunde Sinn, der Wahrheit und Tauschung unterschei- 
det, fortwahrend gepflegt werden muB. Der Mensch darf 
wahrend all dieser Ubungen nie die voile bewufite Herr- 
schaft uber sich selbst verlieren. So sicher, wie er iiber die 
Dinge und Vorgange des Alltagslebens denkt, so muB er 
auch hier denken. Schlimm ware es, wenn er in Traumerei 
verfiele. Verstandesklar, urn nicht zu sagen: ntichtern, 
muB er in jedem Augenblicke bleiben. Und der groBte 
Fehler ware gemacht, wenn der Mensch durch solche 
Ubungen sein Gleichgewicht verlore, wenn er abgehalten 
wlirde, so gesund und klar liber die Dinge des Alltags- 
lebens zu urteilen, wie er das vorher getan hat. Immer 
wieder soil sich der Geheimschliler daher prlifen, ob er 
nicht etwa aus seinem Gleichgewicht herausgefallen ist, 
ob er derselbe geblieben ist innerhalb der Verhaltnisse, in 
denen er lebt. Festes Ruhen in sich selbst, klarer Sinn fur 
alles, das muB er sich bewahren. Allerdings ist streng zu 
beachten, daB man sich nicht jeder beliebigen Traumerei 
hingeben soil, sich nicht alien moglichen Ubungen tiber- 
lassen soil. Die Gedankenrichtungen, die hier angegeben 
werden, sind seit Urzeiten in den Geheimschulen erprobt 
und gelibt. Und nur solche werden hier mitgeteilt. Wer 
solche anderer Art anwenden wollte, die er sich selbst bil- 
det oder von denen er da oder dort hort und liest, der muB 
in die Irre gehen und wird sich bald auf dem Pfade ufer- 
loser Phantastik befinden. 

Eine weitere Ubung, die sich an die beschriebene anzu- 
schlieBen hat, ist die folgende. Man stelle sich einer 
Pflanze gegentiber, die sich auf der Stufe der vollen Ent- 
wickelung befindet. Nun erftille man sich mit dem Ge- 
danken, daB die Zeit kommen werde, wo diese Pflanze 



abstirbt, Nichts wird von dem mehr sein, was ich jetzt vor 
mir sehe. Aber diese Pflanze wird dann Samenkorner aus 
sich entwickelt haben, die wieder zu neuen Pflanzen wer- 
den. Wieder werde ich gewahr, daB in dem, was ich sehe, 
etwas verborgen runt, was ich nicht sehe. Ich erfiille mich 
ganz mit dem Gedanken: diese Pflanzengestalt mit ihren 
Farben wird kunftig nicht mehr sein. Aber die Vorstel- 
lung, daB sie Samen bildet, lehrt mich, daB sie nicht in 
Nichts verschwinden werde. Was sie vor dem Verschwin- 
denbewahrt, kann ich jetzt ebensowenig mit Augen sehen, 
wie ich friiher die Pflanze im Samenkorn habe sehen kon- 
nen. Es gibt also in ihr etwas, was ich nicht mit Augen 
sehe. Lasse ich diesen Gedanken in mir leben und verbin- 
det sich das entsprechende Geflihl in mir mit ihm, dann 
entwickelt sich wieder, nach angemessener Zeit, in meiner 
Seele eine Kraft, die zur neuen Anschauung wird. Aus der 
Pflanze wachst wieder eine Art von geistiger Flammen- 
bildung heraus, Diese ist natiirlich entsprechend groBer 
als die vorhin geschilderte. Die Flamme kann etwa in 
ihrem mittleren Teile griinlichblau und an ihrem auBe- 
ren Rande gelblichrot empfunden werden. 

Es muB ausdrucklich betont werden, daB man, was hier 
als «Farben» bezeichnetwird, nicht so sieht, wiephysische 
Augen die Farben sehen, sondern daB man durch die gei- 
stige Wahrnehmung Ahnliches empfindet, wie wenn man 
einen physischen Farbeneindruck hat. Geistig «blau» 
wahrnehmen heiBt etwas empfinden oder erfuhlen, was 
ahnlich dem ist, was man empfindet, wenn der Blick des 
physischen Auges auf der Farbe «Blau» ruht. Dies muB 
berucksichtigen, wer allmahlich wirklich zu geistigen 
Wahrnehmungen aufsteigen will. Er erwartet sonst, im 



Geistigen nur eine Wiederholung des Physischen zu fin- 
den. Das miiBte ihn auf das bitterste beirren. 

Wer es dahin gebracht hat, solches geistig zu sehen, hat 
viel gewonnen. Denn die Dinge enthiillen sich ihm nicht 
nur im gegenwartigen Sein, sondern auch in ihrem Ent- 
stehen und Vergehen. Er fangt an, iiberall den Geist zu 
schauen, von dem die sinnlichen Augen nichts wissen 
konnen. Und damit hat er die ersten Schritte dazu getan, 
um allmahlich durch eigene Anschauung hinter das Ge- 
heimnis von Geburt und Tod zu kommen. Fur die auBe- 
ren Sinne entsteht ein Wesen bei der Geburt;' es vergeht 
im Tode. Dies ist aber nur deshalb, weil diese Sinne den 
verborgenen Geist des Wesens nicht wahrnehmen. Fur 
den Geist sind Geburt und Tod nur eine Verwandlung, 
wie das HervorsprieBen der Blume aus der Knospe eine 
Verwandlung ist, die sich vor den sinnlichen Augen 
abspielt. Will man das aber durch eigene Anschauung 
kennenlernen, so muB man in der angedeuteten Art erst 
den geistigen Sinn dafiir erwecken. 

Um gleich noch einen Einwand hinwegzunehmen, den 
manche Menschen machen konnten, die einige seelische 
(psychische) Erfahrung haben, sei dieses gesagt. Es soil 
gar nicht bestritten werden, daB es kiirzere, einfachere 
Wege gibt, daB manche aus eigener Anschauung die Er- 
scheinungen von Geburt und Tod kennenlernen, ohne 
erst alles das, was hier beschrieben wird, durchgemacht zu 
haben. Es gibt eben Menschen, welche bedeutende psy- 
chische Anlagen haben, die nur eines kleinen AnstoBes 
bediirfen, um entwickelt zu werden. Aber das sind Aus- 
nahmen. Der hier angegebene Weg ist jedoch ein all- 
gemeiner und sicherer. Man kann sich ja auch einige 



chemische Kenntnisse auf einem ausnahmsweisen Weg 
erwerben; will man aber Chemiker werden, dann muB 
man den allgemeinen und sicheren Weg gehen. 

Ein folgenschwerer Irrtum wiirde sich ergeben, wenn 
jemand glauben wollte, er konne, urn bequemer zum Ziele 
zu gelangen, sich das besprochene Samenkornchen oder 
die Pflanze blofi vorstellen, bloB in der Phantasie vorhal- 
ten. Wer dies tut, kann wohl auch zum Ziele kommen, 
doch nicht so sicher wie auf die angegebene Art. Die An- 
schauung, zu der man kommt, wird in den meisten Fallen 
nur ein Blendwerk der Phantasie sein. Bei ihr miiBte dann 
die Umwandlung in geistige Anschauung erst abgewartet 
werden. Denn darauf kommt es an, daB nicht ich in blo- 
Ber Willkiir mir Anschauungen schaffe, sondern darauf, 
daB die Wirklichkeit sie in mir erschafft. Aus den Tiefen 
meiner eigenen Seele muB die Wahrheit hervorquellen; 
aber nicht mein gewohnliches Ich darf selbst der Zauberer 
sein, der die Wahrheit hervorlocken will, sondern die 
Wesen miissen dieser Zauberer sein, deren geistige Wahr- 
heit ich schauen will. 

Hat der Mensch durch solcherlei Ubungen in sich die 
ersten Anfange zu geistigen Anschauungen gefunden, so 
darf er aufsteigen zur Betrachtung des Menschen selbst. 
Einfache Erscheinungen des menschlichen Lebens miissen 
zunachst gewahlt werden. - Bevor man aber dazu schrei- 
tet, ist es notwendig, besonders ernstlich an der vollen 
Lauterkeit seines moralischen Charakters zu arbeiten. Man 
muB jeden Gedanken daran entfernen, daB man etwa auf 
diese Art erlangte Erkenntnis zum personlichen Eigen- 
nutz anwenden werde. Man muB mit sich dariiber einig 
sein, daB man niemals eine Macht iiber seine Mitmen- 



sehen, die man etwa erlangen werde, im Sinne des Bosen 
ausnutzen werde. Deshalb muB jeder, der Geheimnisse 
uber die menschliche Natur durch eigene Anschauung 
sucht, die goldene Regel der wahren Geheimwissenschaf- 
ten befolgen. Und diese goldene Regel ist: wenn du einen 
Schritt vorwarts zu machen versuchst in der Erkenntnis 
geheimer Wahrheiten, so mache zugleich drei vorwarts in 
der Vervollkommnung deines Charakters zum Guten.- 
Wer diese Regel befolgt, der kann solche Ubungen ma- 
chen, wie nunmehr eine beschrieben werden soil. 

Man vergegenwartige sich einen Menschen, von dem 
man einmal beobachtet hat, wie er nach irgendeiner Sache 
verlangt hat. Auf die Begierde soil die Aufmerksamkeit 
gerichtet werden. Am besten ist es, den Zeitpunkt in der 
Erinnerung wachzurufen, in dem die Begierde am lebhaf- 
testen war und in dem es ziemlich unentschieden war, ob 
der Mensch das Verlangte erhalten werde oder nicht. Und 
nun gebe man sich der Vorstellung an das, was man in der 
Erinnerung beobachtet, ganz hin. Man stelle die denkbar 
groBte innere Ruhe der eigenen Seele her. Man versuche 
so viel, als nur moglich ist, blind und taub zu sein fiir alles 
andere, was ringsherum vorgeht. Und man achte beson- 
ders darauf, daB durch die angeregte Vorstellung in der 
Seele ein Gefuhl erwache. Dieses Gefiihl lasse man in sich 
heraufziehen, wie eine Wolke, die an dem sonst ganz 
leeren Horizont heraufzieht. Es ist ja nun natiirlich, daB 
in der Regel die Beobachtung dadurch unterbrochen wird, 
daB man den Menschen, auf den man die Aufmerksam- 
keit lenkt, nicht lange genug in dem geschilderten Seelen- 
zustand beobachtet hat. Man wird wahrscheinlich Hun- 
derte und Aberhunderte von vergeblichen Versuchen 



anstellen. Man darf eben die Geduld nicht verlieren. Nach 
vielen Versuchen wird man es dahin bringen, daB man in 
der eigenen Seele ein Gefiihl erlebt,. das dem Seelen- 
zustand des. beobachteten Menschen entspricht. Dann 
wird man aber auch nach einiger Zeit bemerken, daB 
durch dieses Gefiihl in der eigenen Seele eine Kraft er- 
wachst, die zur geistigen Anschauung des Seelenzustandes 
des anderen wird. Im Gesichtsfelde wird ein Bild auftre- 
ten, das man wie etwas Leuchtendes empfindet. Und dieses 
geistig leuchtende Bild ist die sogenannte astrale Verkor- 
perung des beobachteten Seelenzustandes der Begierde. 
iWieder als flammenahnlich empfunden kann dieses Bild 
beschrieben werden. Es wird in der Mitte wie gelbrot sein 
und amRande wie rotlichblau oder lila empfunden werden. 
- Viel kommt darauf an, daB man mit solcher geistigen 
Anschauung zartumgehe. Man tut am besten, wenn man 
zunachst zu niemand davon spricht als nur etwa zu seinem 
Lehrer, wenn man einen solchen hat. Denn versucht man 
eine solche Erscheinung durch ungeschickte Worte zu be- 
schreiben, so gibt man sich meistens argen Tauschungen 
hin. Man gebraucht die gewohnlichen Worte, die doch fur 
solche Dinge nicht bestimmt und daher fiir sie zu grob 
und schwerfallig sind. Die Folge ist dann, daB man durch 
den eigenen Versuch, die Sache in Worte zu kleiden, ver- 
fiihrt wird, sich in die wahren Anschauungen allerlei 
Phantasieblendwerke hineinzumischen. Wieder. ist eine 
wichtige Regel fiir den Geheimschiiler: Verstehe iiber 
deine geistigen Gesichte zu schweigen. Ja, schweige sogar 
vor dir selber dariiber. Versuche nicht, was du im Geiste 
erschaust, in Worte zu kleiden oder mit dem ungeschick- 
ten Verstande zu ergriibeln. Gib dich unbefangen deiner 



geistigen Anschauung hin und store sie dir nicht durch 
vieles Nachdenken dariiber. Denn du muBt bedenken, daB 
dein Nachdenken anfangs ganz und gar nicht deinem 
Schauen gewachsen ist. Dieses Nachdenken hast du dir in 
deinem bisherigen, bloB auf die physisch-sinnliche Welt 
beschrankten Leben erworben; und was du dir jetzt er- 
wirbst, geht dariiber hinaus. Suche also nicht, an das neue 
Hohere den MaBstab des alten anzulegen. Nur wer schon 
einige Festigkeit hat im Beobachten innerer Erfahrungen, 
der kann dariiber reden, um durch solches Reden seine 
Mitmenschen anzuregen. 

Zu der beschriebenen Ubung mag eine erganzende 
kommen. Man beobachte in der gleichen Art, wie einem 
Menschen die Befriedigung irgendeines Wunsches, die 
Erfiillung einerErwartung zuteil geworden ist. Gebraucht 
man dabei dieselben Regeln und Vorsichten, die eben fur 
den anderen Fall angegeben worden sind, so wird man 
auch da zu einer geistigen Anschauung gelangen. Man 
wird eine geistige Flammenbildung bemerken, die in der 
Mitte als gelb sich fiihlt und die wie mit einem griinlichen 
Rande empfunden wird. 

Leicht kann der Mensch durch solche Beobachtung 
seiner Mitmenschen in einen moralischen Fehler verfallen. 
Er kann lieblos werden. DaB dies nicht der Fall sei, muB 
eben mit alien nur erdenkbaren Mitteln angestrebt wer- 
den. Beobachtet man so, dann soil man eben durchaus 
schon auf der Hohe stehen, in der es einem zur volligen 
GewiBheit geworden ist, daB Gedanken wirkliche Dinge 
sind. Man darf sich da nicht mehr gestatten, iiber seinen 
Mitmenschen so zu denken, daB die Gedanken mit der 
hochsten Achtung der Menschenwiirde und der Men- 



schenfreiheit nicht vertraglich waren. DaB ein Mensch 
nur ein Beobachtungsobjekt fur uns sein konnte: dieser 
Gedanke darf uns nicht einen Augenblick erfullen. Hand 
in Hand mit jeder Geheimbeobachtung iiber die mensch- 
liche Natur muB die Selbsterziehung dahin gehen, die 
voile Selbstgeltung eines jedenMenschen uneingeschrankt 
zu schatzen und das als etwas Heiliges, von uns Unan- 
tastbares- auchinGedankenundGefuhlen- zubetrachten, 
was in dem Menschen wohnt. Ein Gefiihl von heiliger 
Scheu vor allem Menschlichen, selbst wenn es nur als 
Erinnerung gedacht wird, muB uns erfullen. 

Nur an den zwei Beispielen sollte vorlaufig hier gezeigt 
werden, wie man sich zur Erleuchtung iiber die mensch- 
liche Natur durchringt. Daran konnte aber wenigstens 
der Weg gezeigt werden, der zu betreten ist. Wer die not- 
wendige innere Stille und Ruhe findet, die zu solcher 
Beobachtung gehoren, dessen Seele wird schon dadurch 
eine groBe Verwandlung durchmachen. Das wird bald so 
weit gehen, daB die innere Bereicherung, die sein Wesen 
erfahrt, ihm Sicherheit und Ruhe gibt auch in seinem. 
auBeren Verhalten. Und dieses verwandelte auBere Ver- 
halten wird wieder zuriickwirken auf seine Seele. Und so 
wird er sich weiter helfen. Er wird Mittel und Wege fin- 
den, immer mehr von der menschlichen Natur zu entdek- 
ken, was den auBeren Sinnen verborgen ist; und er wird 
dann auch reif werden, einen Einblick zu tun in die ge- 
heimnisvollen Zusammenhange zwischen der Menschen- 
natur und all dem, was sonst noch im Weltall vorhanden 
ist. - Und auf diesem Wege naht sich der Mensch immer 
mehr dem Zeitpunkte, wo er die ersten Schritte der Ein- 
weihung bewerkstelligen kann. Bevor diese aber getan 



werden konnen, ist noch, eines notwendig. Es ist dies 
etwas, dessen Notwendigkeit der Geheimschiiler zunachst 
vielleicht am wenigsten einsehen wird. Spater aber wird 
er dies. 

Was namlich der Einzuweihende mitbringen muB, ist 
ein in gewisser Beziehung ausgebildeter Mut und Furcht- 
losigkeit. Der Geheimschiiler muB geradezu die Gelegen- 
heiten aufsuchen, durch welche diese Tugenden ausgebil- 
det werden. In der Geheimschulung sollten sie ganz syste- 
matisch herangebildet werden. Aber auch das Leben selbst 
ist namentlich nach dieser Richtung hin eine gute Ge- 
heimschule; vielleicht die beste. Einer Gefahr ruhig ins 
Auge schauen, Schwierigkeiten ohne Zagen iiberwin- 
den wollen: solches muB der Geheimschiiler konnen. Er 
muB z. B. einer Gefahr gegeniiber sich sofort zu der 
Empfindung aufraffen: meine Angst niitzt nach gar kei- 
ner Seite; ich darf sie gar nicht haben; ich muB nur an das 
denken, was zu tun ist. Und er muB es so weit bringen, 
daB fur Gelegenheiten, in denen er vorher angstlich war, 
«Angsthaben», «Mutloswerden» flir ihn wenigstens im 
eigentlichen innersten Empfinden unmogliche Dinge wer- 
den. Durch die Selbsterziehung nach dieser Richtung ent- 
wickelt namlich der Mensch in sich ganz bestimmte 
Krafte, die er braucht, wenn er in hohere Geheimnisse 
eingeweiht werden soil. So wie der physische Mensch 
Nervenkraft braucht, um seine physischen Sinne zu be- 
nutzen, so bedarf der seelische Mensch jener Kraft, die 
nur entwickelt wird in mutvollen und furchtlosen Na- 
turen,' - Wer zu den hoheren Geheimnissen vordringt, 
der sieht namlich Dinge, welche dem gewohnlichen 
Menschen durch die Tauschungen der Sinne verborgen 



bleiben. Denn, wenn die physischen Sinne uns auch die 
hohere Wahrheit nicht schauen lassen, so sind sie eben da- 
durch auch des Menschen Wohltater. Durch sie verber- 
gen sich fur ihn Dinge, welche ihn, unvorbereitet, in maB- 
lose Bestiirzung versetzen miiBten, deren Anblick er nicht 
ertragen konnte. Diesem Anblick muB der Geheimschii- 
ler gewachsen werden. Er verliert gewisse Stiitzen in der 
AuBenwelt, die er eben dem Umstande verdankte, daB 
er in Tauschung befangen war. Es ist wirklich und buch- 
stablich so, wie wenn man jemand auf eine Gefahr auf- 
merksam machte, in der er schon lange geschwebt hat, 
von der er aber nichts gewuBt hat. Vorher hatte er keine 
Angst: jetzt aber, nachdem er weiB, uberkommt ihn die 
Angst, obwohl die Gefahr durch sein Wissen nicht 
groBer geworden ist. 

Die Krafte der Weit sind zerstorende und aufbauende: 
das Schicksal der auBeren Wesenheiten ist Entstehen und 
Vergehen. In das Wirken dieser Krafte, in den Gang 
dieses Schicksales soil derWissende blicken. DerSchleier, 
der im gewohnlichen Leben vor den geistigen Augen 
liegt, soil entfernt werden. Der Mensch selbst aber ist mit 
diesen Kraften, mit diesem Schicksal verwoben. In seiner 
eigenen Natur sind zerstorende und aufbauende Krafte. 
So unverhiillt die anderen Dinge vor das sehende Auge 
des Wissenden treten, so unverhiillt zeigt die eigene Seele 
sich selbst. Solcher Selbsterkenntnis gegeniiber darf der 
Geheimschiiler nicht die Kraft verlieren. Und sie wird 
ihm nur dann nicht fehlen, wenn er einen UberschuB an 
ihr mitbringt. Damit dieses der Fall sei, muB er lernen, in 
schwierigen Lebensverhaltnissen die innere Ruhe und 
Sicherheit zu bewahren; er muB in sich ein starkes Ver- 



trauen in die guten Machte des Daseins erziehen. Er muB 
darauf gefaBt sein, daB manche Triebfedern inn nicht 
mehr leiten werden; die inn bisher geleitet haben. Er wird 
ja einsehen miissen, daB er bisher manches nur getan und 
gedacht hat, weil er in Unwissenheit befangen war. Solche 
Griinde, wie er sie bisher gehabt, werden wegfallen. Er 
hat manches aus Eitelkeit getan; er wird sehen, wie unsag- 
lich wertlos alle Eitelkeit ftir den Wissenden ist. Er hat 
manches aus Habsucht getan; er wird gewahr werden, wie 
zerstorend alle Habsucht ist. Ganz neue Triebfedern zum 
Handeln und Denken wird er entwickeln miissen. Und 
eben dazu gehoren Mut und Furchtlosigkeit. 

Vorziiglich handelt es sich darum, im tiefsten Innern 
des Gedankenlebens selbst diesen Mut und diese Furcht- 
losigkeit zu pflegen. Der Geheimschiiler muB lernen, iiber 
einen MiBerfolg nicht zu verzagen. Er muB zu dem 
Gedanken fahig sein: «Ich will vergessen, daB mir diese 
Sache schon wieder miBgliickt ist, und aufs neue versu- 
chen, wie wenn nichts gewesen ware.» So ringt er sich 
durch zu der Uberzeugung, daB die Kraftquellen in der 
Welt, aus denen er schopfen kann, unversieglich sind. Er 
strebt immer wieder nach dem Geistigen, das ihn heben 
und tragen wird, wie oft auch sein Irdisches sich als kraft- 
los und schwach erwiesen haben mag. Er muB fahig sein, 
der Zukunft entgegenzuleben, und in diesem Streben sich 
durch keine Erfahrung der Vergangenheit storen lassen. - 
Hat der Mensch die geschilderten Eigenschaften bis zu 
einem gewissen Grade, dann ist er reif, die wahren 
Namen der Dinge zu erfahren, die der Schliissel zu dem 
hoheren Wissen sind. Denn darin besteht die Einweihung, 
daB man lernt, die Dinge der Welt bei demjenigen Na- 



men zu benennen, die sie im Geiste ihrer gottlichen Ur- 
heber haben. In diesen ihren Namen liegen die Geheim- 
nisse der Dinge. Deshalb sprechen die Eingeweihten eine 
andere Sprache als Uneingeweihte, weil die ersteren die 
Bezeichnung der Wesen nennen, durch welche diese selbst 
gemacht sind. - Soweit von der Einweihung (Initiation) 
selbst gesprochen werden kann, soil das im nachsten 
Kapitel folgen. 



DIE EINWEIHUNG 



Die Einweihung ist die hochste der Stufen einer Geheim- 
schulung, liber welche in einer Schrift nochAndeutungen 
gegeben werden konnen, die allgemein verstandlich sind. 
Uber alles, was darliber liegt, sind Mitteilungen schwer 
verstandlich. Aber auch dazu findet jeder den Weg, der 
durch die Vorbereitung, Erleuchtung und Einweihung bis 
zu den niederen Geheimnissen vorgedrungen ist. 

Das Wissen und Konnen, das einem Menschen durch 
die Einweihung zuteil wird, konnte er ohne eine solche 
erst in einer sehr fernen Zukunft - nach vielen Verkorpe- 
rungen - auf einem ganz anderen Wege und auch in einer 
ganz anderen Form erwerben. Werheute eingeweihtwird, 
erfahrt etwas, was er sonst viel spater, unter ganz anderen 
Verhaltnissen, erfahren wlirde. 

Ein Mensch kann von den Geheimnissen des Daseins 
nur so viel wirklich erfahren, als dem Grade seiner Reife 
entspticht. Nur deshalb gibt es Hindernisse zu den hohe- 
ren Stufen des Wissens und Konnens. Der Mensch soil 
ein SchieBgewehr nicht frtiher gebrauchen, als bis er ge- 
ntigende Erfahrung hat, um durch den Gebrauch nicht 
Unheil anzurichten. - Wiirde heute jemand ohne weiteres 
eingeweiht, so wiirde ihm die Erfahrung fehlen, die er 
durch die Verkorperungen in der Zukunft noch machen 
wird, bis ihm die entsprechenden Geheimnisse im regel- 
maBigen Verlauf seiner Entwickelung zuteil werden. Des- 
halb mlissen an der Pforte der Einweihung die Erfah- 
rungen durch etwas anderes ersetzt sein. In einem Ersatz 
fur klinftige Erfahrungen bestehen daher die ersten U nter- 
weisungen des Einweihungskandidaten. Es sind das die 



sogenannten «Proben», die er durchzumachen hat und 
die sich als regelmaBige Folge des Seelenlebens ergeben, 
wenn Ubungen, wie die in den vorhergehenden Kapiteln 
geschilderten, richtig fortgesetzt werden. 

Von diesen «Proben» wird ja auch in Biichern oft ge- 
sprochen. Aber es ist nur natiirlich, daB von ihrer Natur 
durch solche Besprechungen in der Regel ganz falsche 
Vorstellungen hervorgerufen werden miissen. Denn wer 
nicht durch die Vorbereitung und Erleuchtung hindurch- 
gegangen ist, hat ja nichts von diesen Proben jemals 
erfahren. Ein solcher kann sie auch nicht sachgemaB 
beschreiben. 

Dem Einzuweihenden miissen sich gewisse Dinge und 
Tatsachen ergeben, die den hoheren Welten angehoren. 
Er kann sie aber nur sehen und horen, wenn er die 
geistigen Wahrnehmungen wie Figuren, Farben, Tone 
usw. empfinden kann, von denen bei Besprechung der 
«Vorbereitung» und «Erleuchtung» berichtet worden ist. 

Die erste «Probe» besteht darinnen, daB er eine wah- 
rere Anschauung erlangt von den leiblichen Eigenschaf- 
ten der leblosen Korper, dann der Pflanzen, der Tiere und 
des Menschen, als sie der Durchschnittsmensch:besitzt. 
Damit ist aber nicht das gemeint, was man heute wissen- 
schaftliche Erkenntnis nennt. Denn nicht um Wissen- 
schaft, sondern um Anschauung handelt es sich. - In der 
Regel ist der Vorgang so, daB der Einzuweihende erken- 
nen lernt, wie sich die Naturdinge und Lebewesen fur 
das geistige Ohr und geistige Auge kundgeben. In einer 
gewissen Weise stehen diese Dinge dann unverhullt - 
nackt - vor dem Beschauer. Dem sinnlichen Auge und 
dem sinnlichen hre verbergen sich die Eigenschaften, 



die man da hort und sieht. Sie sind fur dieses sinnliche 
Anschauen wie mit einem Schleier verhiillt. DaB dieser 
Schleier fur den Einzuweihenden wegfallt, beruht auf 
einem Vorgang, den man als «geistigen Verbrennungs- 
prozeB» bezeichnet. Deshalb wird diese erste Probe die 
«Feuerprobe» genannt. 

Fur manche Menschen ist das gewohnliche Leben selbst 
schon ein mehr oder weniger unbewuBter Einweihungs- 
prozeB durch die Feuerprobe. Es sind das diejenigen, 
welche durch reiche Erfahrungen von solcher Art durch- 
gehen, daB ihr Selbstvertrauen, ihr Mut und ihre Stand- 
haftigkeit in gesunder Weise groB werden und daB sie 
Leid, Enttauschung, MiBlingen von Unternehmungen mit 
SeelengroBe und namentlich mit Ruhe und in ungebro- 
chener Kraft ertragen lernen. Wer Erfahrungen in dieser 
Art durchgemacht hat, der ist oft schon, ohne daB er es 
deutlich weiB, ein Eingeweihter; und es bedarf dann nur 
eines wenigen, um ihm geistige Ohren und Augen zu 
offnen, so daB er ein Hellsehender wird. Denn das istfest- 
zuhalten: es handelt sich bei einer wahren «Feuerprobe» 
nicht darum, daB die Neugierde des Kandidaten befriedigt 
werde. GewiB, er lernt auBergewohnliche Tatsachen ken- 
nen, von denen andere Menschen keine Ahnung haben. 
Aber dieses Kennenlernen ist nicht das Ziel, sondern nur 
das Mittel zum Ziel. Das Ziel aber ist, daB sich der Kan- 
didat durch die Erkenntnis der hoheren Welten groBeres 
und wahreres Selbstvertrauen, hoheren Mut und eine ganz 
andere SeelengroBe und Ausdauer erwerbe, als sie in der 
Regel innerhalb derniederen Weh erlangt werden konnen. 

Nach der «Feuerprobe» kann jeder Kandidat nochum- 
kehren. Er wird gestarkt in physischer und seelischer 



Beziehung dann sein Leben fortsetzen und wohl erst in 
einer nachsten Verkorperung die Einweihung fortsetzen. 
In seiner gegenwartigen aber wird er ein brauchbareres 
Glied der menschlichen Gesellschaft sein, als er vorher 
war. In welcher Lage er sich auch befinden mag: seine 
Festigkeit, seine Umsicht, sein giinstiger EinfluB auf 
seine Mitmenschen, seine Entschlossenheit werden zu- 
genommen haben. 

Will der Kandidat nach vollbrachter Feuerprobe die 
Geheimschulung fortsetzen, so muB ihm nunmehr ein be- 
stimmtes Schriftsystem enthiillt werden, wie solche in der 
Geheimschulung iiblich sind. In diesen Schriftsystemen 
offenbaren sich die eigentlichen Geheimlehren. Denn das- 
jenige, was in den Dingen wirklich «verborgen» (okkult) 
ist, kann weder mit den Worten der gewohnlichen Spra- 
che unmittelbar ausgesprochen, noch kann es mit den 
gewohnlichen Schriftsystemen aufgezeichnet werden. 
Diejenigen, welche von den Eingeweihten gelernt haben, 
Ubersetzen die Lehren der Geheimwissenschaft in die ge- 
wohnliche Sprache, so gut das geht. Die okkulte Schrift 
offenbart sich der Seele, wenn diese die geistige Wahrneh- 
mung erlangt hat. Denn diese Schrift steht in der geisti- 
gen Welt immer geschrieben. Man lernt sie nicht so, wie 
man eine kiinstliche Schrift lesen lernt. Man wachst viel- 
mehr in sachgemaBer Weise der hellsichtigen Erkenntnis 
entgegen, und wahrend dieses Wachsens entwickelt sich 
wie eine seelische Fahigkeit die Kraft, welche die vorhan- 
denen Geschehnisse und Wesenheiten der geistigen Welt 
wie die Charaktere einer Schrift zu entziffern sich ge- 
drangt fiihlt. Es konnte sein, daB dieseKraft und mit ihr 
das Erleben der entsprechenden «Probe» mit der fort- 



schreitenden Seelenentwickelung wie von selbst erwa- 
chen. Doch sicherer gelangt man zum Ziele, wenn man 
die Anweisungen der erfahrenen Geheimforscher befolgt, 
die Gewandtheit haben im Entziffern der okkulten Schrift. 

Die Zeichen der Geheimschrift sind nicht willklirlich 
ersonnen, sondern sie entsprechen den Kraften, welche 
in der Welt wirksam sind. Man lernt durch diese Zeichen 
die Sprache der Dinge. Dem Kandidaten zeigt sich als- 
bald, daB die Zeichen, die er kennenlernt, den Figuren, 
Farben, Tonenusw. entsprechen, die er wahrend der Vor- 
bereitung und Erleuchtung wahrzunehmen gelernt hat. 
Es zeigt sich ihm, daB alles Vorhergehende nur wie ein 
Buchstabieren war. Jetzt erst fangt er an, in der hoheren 
Welt zu lesen. In einem groBen Zusammenhang erscheint 
ihm alles, was vorher nur vereinzelte Figur, Ton, Farbe 
war. Jetzt erst gewinnt er die rechte Sicherheit im Beob- 
achten der hoheren Welten. Vorher konnte er nie mit Be- 
stimmtheit wissen, ob die Dinge, die er gesehen hat, auch 
richtig gesehen waren. Und jetzt erst kann eine geregelte 
Verstandigung zwischen dem Kandidaten und dem Ein- 
geweihten auf den Gebieten des hoheren Wissens statt- 
finden. Denn wie auch das Zusammenleben eines Einge- 
weihten mit einem anderen Menschen im gewohnlichen 
Leben gestaltet sein mag: von dem hoheren Wissen in 
unmittelbarer Gestalt kann der Eingeweihte nur in der 
erwahnten Zeichensprache etwas mitteilen. 

Durch diese Sprache wird der Geheimschliler auch be- 
kannt mit gewissen VerhaltungsmaBregeln fur das Leben. 
Er lernt gewisse Pflichten kennen, von denen er vorher 
nichts gewuBt hat. Und wenn er diese VerhaltungsmaB- 
regeln kennengelernt hat, so kann er Dinge vollbringen, 



die eine Bedeutung haben, wie sie niemals die Taten eines 
Uneingeweihten haben konnen. Er handelt von den hohe- 
ren Welten aus. Die Anweisungen zu solchen Handlun- 
gen konnen nur in der angedeuteten Schrift verstanden 
werden. 

Es muB aber betont werden, daB es Menschen gibt, die 
solche Handlungen unbewufit auszufuhren vermogen, 
trotzdem sie nicht eine Geheimschulung durchgemacht 
haben. Solche «Helfer der Welt und Menschheit» schrei- 
ten segnend und wohltuend durchs Leben. Ihnen sind 
durch Grlinde, die hier nicht zu erortern sind, Gaben ver- 
liehen worden, die ubernatlirlich erscheinen. Was sie von 
dem Geheimschliler unterscheidet, ist lediglich das, daB 
dieser mit Bewufitsein, mit voller Einsicht in den ganzen 
Zusammenhang handelt. Er erringt eben durch Schulung, 
was jenen von hoheren Machten zum Heile der Welt 
beschert worden ist. Die Gottbegnadeten kann man auf- 
richtig verehren; aber deswegen darf man die Arbeit 
der Schulung nicht fiir liberflussig halten. 

Hat der Geheimschliler die erwahnte Zeichenschrift ge- 
lernt, dann beginnt fiir ihn eine weitere «Probe». Durch 
diese muB sich erweisen, ob er sich frei und sicher in der 
hoheren Welt bewegen kann. Im gewohnlichen Leben 
wird der Mensch durch Antriebe von auBen zu seinen 
Handlungen bewogen. Er arbeitet dieses oder jenes, weil 
ihm die Verhaltnisse diese oder jene Pflichten auferlegen. 
-■ Es braucht wohl kaum erwahnt zu werden, daB der 
Geheimschliler keine seiner Pflichten im gewohnlichen 
Leben versaumen darf, weil er in hoheren Welten lebt. 
Keine Pflicht in einer hoheren Welt kann jemanden z win- 
gen, eine einzige seiner Pflichten in der gewohnlichen 



auBer acht zu lassen. DerFamilienvaterbleibt ebenso guter 
Familienvater, die Mutter ebenso gute Mutter, der Beamte 
wird von nichts abgehalten, ebensowenig der Soldat oder 
ein anderer, wenn sie Geheimschiiler werden. Im Gegen- 
teil: alle die Eigenschaften, die den Menschen im Leben 
tiichtig machen, steigern sich bei dem Geheimschiiler in 
einem MaBe, von dem sich der Uneingeweihte keinen Be- 
griff machen kann. Und wenn das dem Uneingeweihten 
auch oft - nicht immer, sogar selten - nicht so erscheint, 
dann riihrt das nur davon her, daB er den Eingeweihten 
nicht immer richtig zu beurteilen vermag. Was letzterer 
tut, ist manchmal dem anderen nicht sogleich durchsich- 
tig. Aber auch das ist, wie gesagt, nur in besonderen 
Fallen zu bemerken. 

Fur den auf der genannten Stufe der Einweihung An- 
gelangten gibt es nun Pflichten, zu denen kein aufierer 
AnstoB vorhanden ist. Er wird in diesen Dingen nicht 
durch auBere Verhaltnisse, sondern nur durch jene MaB- 
regeln veranlaBt, welche ihm in der «verborgenen» Spra- 
che offenbar werden. Nun muB er durch die zweite 
«Probe» zeigen, daB er gefiihrt von einer solchen MaB- 
regel, ebenso sicher und fest handelt, wie etwa ein Beam- 
ter seine ihm obliegenden Pflichten vollfiihrt. - Zu die- 
sem Zwecke wird durch die Geheimschulung der Kan- 
didat sich vor eine bestimmte Aufgabe gestellt fiihlen. 
Dieser soil eine Handlung ausfiihren infolge von Wahr- 
nehmungen' die er macht auf Grund dessen, was er auf 
der Vorbereitungs- und Erleuchtungsstufe gelernt hat. 
Und was er auszufiihren hat, das muB er erkennen durch 
die gekennzeichnete Schrift, die er sich angeeignet hat. Er 
kennt er seine Pflicht und handelt er richtig, dann hat er 



die Probe bestanden. Man erkennt den Erfolg an der Ver- 
anderung, die sich mit den als Figuren, Farbenund Tonen 
empfundenen Wahrnehmungen der Geistesohren und 
-augen durch die Handlung vollzieht. In den Fortschrit- 
ten der Geheimschulung wird ganz genau angegeben, 
wie diese Figuren usw. nach der Handlung aussehen, 
empfunden werden. Und der Kandidat muB wissen, wie 
er eine solche Veranderung hervorzubringen vermag. - 
Man nennt diese Probe die «Wasserprobe», weil bei der 
Tatigkeit in diesen hoheren Gebieten dem Menschen die 
Stlitze durch die auBeren Verhaltnisse so fehlt, wie beim 
Bewegen im Wasser, dessen Grund man nicht erreicht, 
die Stlitze fehlt. - Der Vorgang muB so oft wiederholt 
werden, bis der Kandidat vollige Sicherheit hat. 

Auch bei dieser Probe handelt es sich um das Erwerben 
einer Eigenschaft; und durch die Erfahrungen in der hohe- 
ren Welt bildet der Mensch diese Eigenschaft in kurzer 
Zeit in einem solch hohen Grade aus, daB er im gewohn- 
lichen Verlaufe der Entwickelung wohl durch viele Ver- 
korperungen hindurchgehen muBte, um ihn zu erreichen. 
Worauf es namlich ankommt, ist das Folgende. Der Kan- 
didat darf, um die angegebene Veranderung auf dem 
hoheren Gebiet des Daseins hervorzubringen, lediglich 
dem folgen, was sich ihm auf Grund seiner hoheren 
Wahrnehmung und als Folge seines Lesens der verbor- 
genen Schrift ergibt. Wiirde er wahrend seiner Hand- 
lung irgend etwas von seinen Wtinschen, Meinungen 
usw. einmischen, folgte er nur einen Augenblick nicht 
den Gesetzen, die er alsrichtig erkannthat, sondern seiner 
Willkur: dann wiirde etwas ganz anderes geschehen, als 
geschehen soil. In diesem Falle verlore der Kandidat so- 



fort die Richtung auf sein Ziel der Handlung, und Ver- 
wirrung trate ein. - Daher hat der Mensch durch diese 
Probe in reichlichstem MaBe Gelegenheit, seine Selbst- 
beherrschung auszubilden. Und darauf kommt es an. - 
Wieder kann daher diese Probe von denen leichter bestan- 
den werden, die vor der Einweihung durch ein Leben ge- 
gangen sind, das ihnen die Erwerbung der Selbstbeherr- 
schung gebracht hat. Wer sich die Fahigkeit erworben hat, 
hohen Grundsatzen und Idealen mit Hintansetzung der 
personlichen Laune und Willklir zu folgen, wer versteht, 
die Pflicht auch immer da zu erftillen, wo die Neigungen 
und Sympathien gar zu gerne von dieser Pflicht ablenken 
wollen: der ist unbewufit schon mitten im gewohnlichen 
Leben ein Eingeweihter. Und nur ein Geringes wird not- 
wendig sein, damit er die geschilderte Probe bestehe. Ja, 
es muB sogar gesagt werden, daB ein gewisser schon im 
Leben unbewuBt erlangter Grad von Einweihung in der 
Regel durchaus notwendig sein wird, um die zweite Probe 
zu bestehen. Denn wie es vielen Menschen, die in der Ju- 
gend nicht richtig schreiben gelernt haben, schwer wird, 
dies nachzuholen, wenn sie einmal die voile Lebensreife 
erlangt haben, so wird es auch schwer, den notwendigen 
Grad von Selbstbeherrschung beim Einblicke in die ho- 
heren Welten auszubilden, wenn man nicht schon vorher 
darinnen einen gewissen Grad im alltaglichen Leben sich 
angeeignet hat. Die Dinge der physischen Welt andern 
sich nicht, was wir auch wtinschen, begehren, was immer 
wir auch fiir Neigungen haben. In den hoheren Welten 
aber sind unsere Wtinsche, Begierden und Neigungen 
von Wirkung fur die Dinge. Wollen wir da auf die Din- 
ge in entsprechender Weise wirken, so mlissen wir uns 



ganz in unserer Gewalt haben, miissen lediglich den rich- 
tigen MaBregeln folgen und keinerlei Willkiir unter- 
werfen sein. 

Eine Eigenschaft des Menschen, die auf dieser Stufe der 
Einweihung ganz besonders in Betracht kommt, ist eine 
unbedingt gesunde und sichere Urteilskraft. Auf die Her- 
anbildung einer solchen muB schon auf alien friiheren 
Stufen gesehen werden; und auf dieser muB es sich erwei- 
sen, ob der Kandidat sie so handhabt, daB er fiir den wah- 
ren Erkenntnispfad geeignet ist. Er kann nur dann weiter- 
kommen, wenn er Illusion, wesenlose Phantasiegebilde, 
Aberglaubenund alle Art von Blendwerkvon derwahren 
Wirklichkeit unterscheiden kann. Und auf den hoheren 
Stufen des Daseins ist das zunachst schwieriger als auf den 
niederen. Da muB jedes Vorurteil, jede liebgewordene 
Meinung schwinden in bezug auf die Dinge, auf die es 
ankommt; und einzig und allein die Wahrheit muB Richt- 
schnur sein. Vollkommene Bereitschaft muB vorhanden 
sein, einen Gedanken, eine Ansicht, eine Neigung sofort 
aufzugeben, wenn das logische Denken solches fordert. 
GewiBheit in hoheren Welten ist nur zu erlangen, wenn' 
man nie die eigene Meinung schont. 

Menschen mit einer Denkungsart, die zur Phantastik, 
zum Aberglauben neigt, konnen auf dem Geheimpfade 
keinen Fortschritt machen. Ein kostbares Gut soil ja der 
Geheimjiinger erringen. Alle Zweifel an den hoheren 
Welten werden von ihm genommen. Diese enthiillen sich 
in ihren Gesetzen vor seinen Blicken. Aber er kann dieses 
Gut nicht erringen, solange er sich von Blendwerken und 
Illusionen tauschen laBt. Schlimm ware es fiir ihn, wenn 
seine Phantasie, seine Vorurteile mit seinem Verstande 



durchgingen. Traumer und Phantasten sind fur den Ge- 
heimpfad ebenso ungeeignet wie aberglaubische Perso- 
nen. Das alles kann nicht genug betont werden. Denn 
in Traumerei, Phantastik und Aberglauben lauern die 
schlimmsten Feinde auf dem Wege zu Erkenntnissen 
in hoheren Wehen. Es braucht aber auch niemand zu 
glauben, daB dem Geheimj linger die Poesie des Lebens, 
die Begeisterungsfahigkeit verlorengehe, weil liber dem 
Tore, das zur zweiten Probe der Einweihung ftihrt, die 
Worte stehen: «Alle Vorurteile mussen von dir fallen», 
und weil er an der Eingangspforte zur ersten Probe bereits 
lesen muB: «Ohne gesunden Menschenverstand sind alle 
deine Schritte vergebens.» 

1st der Kandidat in dieser Art weit genug vorgeschrit- 
ten, so wartet die dritte «Probe» auf ihn. Bei dieser wird 
ihm kein Ziel ftihlbar. Es ist alles in seine eigene Hand 
gelegt. Er befindet sich in einer Lage, wo ihn nichts zum 
Handeln veranlaBt. Er muB ganz allein aus sich seinen 
Weg finden. Dinge oder Personen, die ihn zu etwas be- 
wegen, sind nicht da. Nichts und niemand kann ihm jetzt 
die Kraft geben, die er braucht, als nur er selbst. Fande er 
diese Kraft nicht in sich selbst, so stande er sehr bald wie- 
der da, wo er vorher gestanden hat. Doch muB man sagen, 
daB nur wenige von denen, welche die vorigen Proben 
bestanden haben, hier diese Kraft nicht finden werden. 
Man bleibt entweder schon vorher zurtick, oder man be- 
steht auch hier. Alles, was notig ist, das besteht darinnen, 
rasch mit sich selbst zurecht zu kommen. Denn man muB 
hier sein «hoheres Selbst» im wahrsten Sinne des Wortes 
finden. Man muB sich rasch entschlieBen, auf die Ein- 
gebung des Geistes in alien Dingen zu horen. Zeit zu 



irgendwelchen Bedenken, Zweifeln usw. hat man hier 
nicht mehr. Jede Minute Zogerung wiirde nur beweisen, 
daB man noch nicht reif ist. Was abhalt, auf den Geist 
zu horen, muB kiihn uberwunden werden. Es kommt 
darauf an, Geistesgegenwart in dieser Lage zu beweisen. 
Und das ist auch die Eigenschaft, auf deren vollkom- 
mene Ausbildung es auf dieser Entwickelungsstufe ab- 
gesehen ist. Alle Verlockungen zum Handeln, ja selbst 
zum Denken, an die ein Mensch vorher gewohnt war, 
horen auf. Um nicht untatig zu bleiben, darf der Mensch 
sich selbst nicht verlieren. Denn nur in sich selbst kann 
er den einzigen festen Punkt finden, an den er sich zu hal- 
ten vermag. Niemand, der dies hier liest, ohne weiter mit 
den Sachen vertraut zu sein, sollte eine Antipathie emp- 
finden gegen dieses Zuruckgewiesensein auf sich selbst. 
Denn es bedeutet fur den Menschen die schonste Gliick- 
seligkeit, wenn er die geschilderte Probe besteht. 

Und nicht weniger als in den anderen Fallen ist auch 
flir diesen Punkt das gewohnliche Leben fur viele Men- 
schen schon eine Geheimschule. Personen, die es dahin 
gebracht haben, daB sie, vorplotzlich an sie herantretende 
Lebensaufgaben gestellt, ohne Zogern, ohne viel Beden- 
ken eines raschen Entschlusses fahig sind, ihnen ist das 
Leben eine solche Schulung. Die geeigneten Lagen sind 
diejenigen, wo ein erfolgreiches Handeln sofort unmog- 
lich wird, wenn der Mensch nicht rasch eingreift. Wer 
rasch bei der Hand ist, zuzugreifen, wenn ein Ungliick in 
Sicht ist, wahrend durch einige Augenblicke Zogerung 
das Ungliick bereits geschehen ware, und wer eine solche 
rasche EntschluBfahigkeit zu einer bleibenden Eigen- 
schaft bei sich gemacht hat, der hat unbewuBt die Reife 



fur die dritte «Probe» erworben. Denn auf die Heran- 
bildung der unbedingten Geistesgegenwart kommt es bei 
ihr an. - Man nennt sie in den Geheimschulen die «Luft- 
probe», weil der Kandidat bei ihr sich weder auf den 
festen Boden der auBeren Veranlassungen stiitzen kann 
noch auf dasjenige, was sich aus den Farben, Formen 
usw. ergibt, die er durch Vorbereitung und Erleuch- 
tung kennengelernt hat, sondern ausschlieBlich auf sich 
selbst. 

Hat der Geheimj linger diese Probe bestanden, dann 
darf er den «Tempel der hoheren Erkenntnisse» betre- 
ten. - Was dariiber weiter zu sagen ist, kann nur die aller- 
sparlichste Andeutung sein. - Was jetzt zu leisten ist wird 
oft so ausgedriickt, daB man sagt: der Geheimj linger habe 
einen «Eid» zu leisten, nichts von den Geheimlehren zu 
«verraten». Doch sind die Ausdriicke «Eid» und «ver- 
raten» keineswegs sachgemaB und sogar zunachst irre- 
fiihrend. Es handelt sich um keinen «Eid» im gewohn- 
lichen Sinne des Wortes. Man macht vielmehr auf dieser 
Stufe der Entwickelung eine Erfahrung. Man lernt, wie 
man die Geheimlehre anwendet, wie man sie in den 
Dienst der Menschheit stellt. Man fangt an, die Welt erst 
recht zu verstehen. Nicht auf das «Verschweigen» der 
hoheren Wahrheiten kommt es da an, sondern vielmehr 
auf die rechte Art, den entsprechenden Takt, sie zu ver- 
treten. Woriiber man «schweigen» lernt, das ist etwas 
ganz anderes. Man eignet sich diese herrliche Eigenschaft 
namlich in bezug auf vieles an, woriiber man vorher ge- 
redet hat, namentlich auf die Art, wie man geredet hat. 
Ein schlechter Eingeweihter ware der, welcher nicht die 
erfahrenen Geheimnisse in den Dienst der Welt stellte, so 



gut und soweit dies nur moglich ist. Es gibt kein anderes 
Hindernis fur die Mitteilung auf diesem Gebiete als allein 
das Nichtverstehen von seiten dessen, der empfangen soli. 
Zum beliebigen Reden dariiber eignen sich allerdings die 
hoheren Geheimnisse nicht. Aber es ist niemandem etwas 
«verboten» zu sagen, der die beschriebene Stufe der Ent- 
wickelung erlangt hat. Kein anderer Mensch und kein 
Wesen legt ihm einen dahingehenden «Eid» auf. Alles ist 
in seine eigene Verantwortlichkeit gestellt. Was er lernt, 
ist, in jeder Lage ganz durch sich selbst zu finden, was er 
zu tun hat. Und der «Eid» bedeutet nichts, als daB der 
Mensch reif geworden ist, eine solche Verantwortung 
tragen zu konnen. 

Ist der Kandidat reif geworden zudem Beschriebenen, 
dann erhalt er dasjenige, was man sinnbildlich als den 
«Vergessenheitstrunk» bezeichnet. Erwirdnamlichin das 
Geheimnis eingeweiht, wie man wirken kann, ohne sich 
durch das niedere Gedachtnis fortwahrend storen zu 
lassen. Das ist fur den Eingeweihten notwendig. Denn er 
muB stets das voile. Vertrauen in die unmittelbare Gegen- 
wart haben. Er muB die Schleier der Erinnerung zerstoren 
konnen, die sich in jedem Augenblick des Lebens um den 
Menschen ausbreiten. Wenn ich etwas, was mir heute be- 
gegnet, nach dem beurteile, was ich gestern erfahren ha- 
be, so bin ich vielfachen Irrtumern unterworfen. N atiir- 
lieh ist damit nicht gemeint, daB man seine im Leben ge- 
wonnene Erfahrung verleugne. Man soil sich sie immer 
gegenwartig halten, so gut man kann. Aber man muB als 
Eingeweihter die Fahigkeit haben, jedes neue Erlebnis 
ganz aus sich selbst zu beurteilen, es ungetriibt durch alle 
Vergangenheit auf sich wirken zu lassen. Ich muB in je- 



dem Augenblicke darauf gefaBt sein, daB mir ein jegliches 
Ding oder Wesen eine ganz neue Offenbarung bringen 
kann. Beurteile ich das Neue nach dem Alten, so bin ich 
dem Irrtum unterworfen. Gerade dadurch wird mir die 
Erinnerung an alte Erfahrungen am ntitzlichsten, daB sie 
mich befahigt, Neues zu sehen. Hatte ich eine bestimmte 
Erfahrung nicht, so wlirde ich die Eigenschaft eines Din- 
ges oder eines Wesens, die mir entgegentreten, vielleicht 
gar nicht sehen. Aber eben zum Sehen des Neuen, nicht 
zur Beurteilung des Neuen nach dem Alten soil die 
Erfahrung dienen. In dieser Beziehung erlangt der 
Eingeweihte ganz bestimmte Fahigkeiten. Dadurch ent- 
hlillen sich ihm viele Dinge, die dem Uneingeweihten 
verborgen bleiben. 

Derzweite «Trank», der dem Eingeweihten verabreicht 
wird, ist der «Cedachtnistrank». Durch ihn erlangt er die 
Fahigkeit, hohere Geheimnisse stets im Geiste gegenwar- 
tig zu haben. Dazu wlirde das gewohnliche Gedachtnis 
nicht ausreichen. Man muB ganz eins werden mit den 
hoheren Wahrheiten. Man muB sie nicht nur wissen, son- 
dern ganz selbstverstandlich in lebendigem Tun hand- 
haben, wie man als gewohnlicher Mensch iBt und trinkt. 
Ubung, Gewohnung, Neigung mlissen sie werden. Man 
muB gar nicht iiber sie in gewohnlichem Sinne nachzu- 
denken brauchen; sie mlissen sich durch den Menschen 
selbst darstellen, durch ihn flieBen wie die Lebensfunk- 
tionen seines Organismus. So macht er sich in geistigem 
Sinne immer mehr zu dem, wozu ihn im physischen die 
Natur gemacht hat. 



PRAKTISCHE GESICHTSPUNKTE 



Wenn der Mensch seine Ausbildung in bezug auf Ge- 
ftihle, Gedanken und Stimmungen so durchmacht, wie 
dies in den Kapiteln iiber Vorbereitung, Erleuchtung und 
Einweihung beschrieben worden ist, so bewirkt er in sei- 
ner Seele und in seinem Geist eine ahnliche Gliederung, 
wie sie die Natur in seinem physischen Leibe bewirkt hat. 
Vor dieser Ausbildung sind Seele und Geist ungegliederte 
Massen. Der Hellseher nimmt sie wahr als ineinander- 
greifende, spiralige Nebelwirbel, die vorzugsweise wie 
rotliche und rotlichbraune oder auch rotlichgelbe Farben 
matt glimmend empfunden werden; nach der Ausbildung 
beginnen sie wie die gelblichgrunen, grtinlichblauen Far- 
ben geistig zu erglanzen und zeigen einen regelmaBigen 
Bau. Der Mensch gelangt zu solcher RegelmaBigkeit 
und damit zu hoheren Erkenntnissen, wenn er in seine 
Geftihle, Gedanken und Stimmungen solche Ordnung 
bringt, wie sie die Natur in seine korperlichen Verrich- 
tungen gebracht hat, so daB er sehen, horen, verdauen, 
atmen, sprechen usw. kann. - Mit der Seele atmen und 
sehen usw., mit dem Geiste horen und sprechen usw. 
lernt der Geheimschuler allmahlich. 

Es sollen hier nur noch einige praktische Gesichts- 
punkte genauer ausgeftihrt werden, die zur hoheren See- 
len- und Geisteserziehung geharen. Es sind solche, die 
im Grunde jeder, ohne auf andere Regeln Rticksicht zu 
nehmen, befolgen kann und durch die er in der Geheim- 
wissenschaft eine Strecke weit gelangt. 

Eine besondere Ausbildung muB man in der Geduld 
anstreben. Jede Regung der Ungeduld wirkt lahmend, ja 



ertotend auf die im Menschen schlummernden hoheren 
Fahigkeiten. Man soil nicht verlangen, daB sich von heute 
auf morgen unermeBliche Einblicke in die hoheren Wel- 
ten eroffnen. Denn dann kommen sie in der Regel ganz 
gewiB nicht; Zufriedenheit mit dem Geringsten, das man 
erreicht, Ruhe und Gelassenheit sollen sich der Seele 
immer mehr bemachtigen. - Es ist ja begreiflich, daB der 
Lernende ungeduldig die Ergebnisse erwartet. Dennoch 
erlangt er nichts, solange er diese Ungeduld nicht be- 
meistert. Es niitzt auch nichts, wenn man diese Ungeduld 
nur in gewohnlichem Sinne des Wortes bekampft. Dann 
wird sie nur um so starker. Man tauscht sich dann liber sie 
hinweg, und in den Tiefen der Seele sitzt sie nur um so 
starker. Nur wenn man sich einem ganz bestimmten Ge- 
danken immer wieder hingibt, ihn ganz sich zu eigen 
macht, erreicht man etwas. Dieser Gedanke ist: «Ich muB 
zwar alles tun zu meiner Seelen- und Geistesausbildung; 
aber ich werde ganz ruhig warten, bis ich von hoheren 
Machten fur wtirdig befunden werde zu bestimmter Er- 
leuchtung.» Wird dieser Gedanke im Menschen so mach- 
tig, daB er zur Charakteranlage sich gestaltet, dann ist 
man auf dem rechten Wege. Schon im AuBerlichen pragt 
sich dann diese Charakteranlage aus. Der Blick des Auges 
wird ruhig, die Bewegungen sicher, die Entschltisse be- 
stimmt, und alles, was man Nervositat nennt, weicht all- 
mahlich von dem Menschen. Scheinbar unbedeutende, 
kleine Regeln kommen dabei in Betracht. Z. B. es ftigt 
uns jemand eine Beleidigung zu. Vor unserer Geheim- 
erziehung wenden wir unser Geftihl gegen den Belei- 
diger. Arger wallt in unserem Innern auf. In dem Ge- 
heimschliler aber steigt sofort bei einer solchen Gelegen- 



heit der Gedanke auf: «Eine solche Beleidigung andert 
nichts an meinem Werte»; und er tut dann, was gegen die 
Beleidigung zu unternehmen ist, mit Ruhe und Gelassen- 
heit, nicht aus dem Arger heraus. Es kommt nattirlich 
nicht darauf an, etwa jede Beleidigung einfach hinzuneh- 
men, sondern darauf, daB man so ruhig und sicher in der 
Ahndung einer Beleidigung der eigenen Person gegen- 
liber ist, wie man ware, wenn die Beleidigung einem ande- 
ren zugeftigt worden ware, bei dem man das Recht hat, sie 
zu ahnden. - Immer muB berucksichtigt werden, daB sich 
die Geheimschulung nicht in groben auBeren Vorgangen, 
sondern in feinen, stillen Umwandlungen des Geftihls- 
und Gedankenlebens vollzieht. 

Geduld wirkt anziehend auf die Schatze des hoheren 
Wissens. Ungeduld wirkt auf sie abstoBend. In Hast und 
Unruhe kann nichts auf den hoheren Gebieten des Da- 
seins erlangt werden. Vor alien Dingen mtissen Verlan- 
gen und Begierde schweigen. Das sind Eigenschaften der 
Seele, vor denen sich alles hohere Wissen scheu zurtick- 
zieht. So wertvoll auch alle hohere Erkenntnis ist: man 
darf sie nicht verlangen, wenn sie zu uns kommen soil. 
Wer sie haben will um seiner selbst willen, der erlangt sie 
nie. - Und das erfordert vor allem, daB man in tiefster 
Seele wahr gegen sich selbst sei. Man darf sich in nichts 
tiber sich selbst tauschen. Man muB seinen eigenen Feh- 
lern, Schwachen und Untauglichkeiten mit innerer Wahr- 
haftigkeit ins Antlitz schauen. - In dem Augenblicke, wo 
du irgendeine deiner Schwachen vor dir selbst entschul- 
digst, hast du dir einen Stein hingelegt auf den Weg, der 
dich aufwarts ftihren soil. Solche Steine kannst du nur 
durch Selbstaufklarung iiber dich beseitigen. Es gibt nur 



einen Weg, seine Fehler und Schwachen abzulegen, und 
der ist: sie richtig zu erkennen. Alles schlummert in der 
Menschenseele und kann erweckt werden. Auch seinen 
Verstand und seine Vernunft kann der Mensch verbes- 
sern, wenn er sich in Ruhe und Gelassenheit dariiber auf- 
klart, warum er in dieser Beziehung schwach ist. Solche 
Selbsterkenntnis ist natiirlich schwierig, denn die Ver- 
suchung zur Tauschung iiber sich selbst ist eine uner- 
meBlich groBe. Wer sich an Wahrheit gegen sich selbst 
gewohnt, offnet sich die Pforten zu hoherer Einsicht. 

Schwinden muB beim Geheimschiiler eine jegliche 
Neugierde. Er muB sich soviel wie moglich das Fragen 
abgewohnen iiber Dinge, die er nur zur Befriedigung sei- 
nes personlichen Wissensdranges wissen will. Nur das 
soil er fragen, was ihm zur Vervollkommnung seiner We- 
senheit im Dienste der Entwickelung dienen kann. Dabei 
soil in ihm aber die Freude, die Hingabe an das Wissen 
in keiner Weise gelahmt werden. Auf alles, was zu sol- 
chem Ziele dient, soil er andachtig hinhorchen und jede 
Gelegenheit zu solcher Andacht aufsuchen. 

Insbesondere ist zur Geheimausbildung eine Erziehung 
des Ww/irc/zlebensnotwendig. Man soil nichtetwawunsch- 
los werden. Denn alles, was wir erreichen sollen, sollen 
wir ja auch wiinschen. Und ein Wunsch wird immer in 
Erfiillung gehen, wenn hinter ihm eine ganz besondere 
Kraft steht. Diese Kraft kommt aus der richtigen Erkennt- 
nis. «In keiner Art zu wiinschen, bevor man das Richtige 
auf einem Gebiete erkannt hat», das ist eine der goldenen 
Regeln flir den Geheimschiiler. Der Weise lernt zuerst 
die Gesetze der Welt kennen, dann werden seine Wiinsche 
zu Kraften, welche sich verwirklichen. - Ein Beispiel, das 



deutlich wirkt, soil hier angefuhrt werden. GewiB wiin- 
schen viele, aus eigener Anschauung iiber ihr Leben vor 
ihrer Geburt etwas zu erfahren. Solcher Wunsch ist ganz 
zwecklos und ergebnislos, solange der Betreffende sich 
nicht die Erkenntnis der Gesetze durch geisteswissen- 
schaftliches Studium angeeignet hat - und zwar in ihrem 
feinsten, intimsten Charakter - von dem Wesen des 
Ewigen. Hat er sich aber diese Erkenntnis wirklich erwor- 
ben, und will er dann weiterkommen, so wird er es durch 
seinen veredelten, gelauterten Wunsch. 

Es niitzt auch nichts, zu sagen: Ja, ich will ja ge- 
rade mein vorhergehendes Leben ubersehen und zu dem 
Zwecke eben lernen. Man muB vielmehr imstande sein, 
diesen Wunsch ganz fallenzulassen, ganz von sich auszu- 
schalten, und zunachst ganz ohne diese Absicht lernen. 
Man muB die Freude, die Hingebung an dem Gelernten 
entwickeln ohne die genannte Absicht. Denn nur da- 
durch lernt man zugleich den entsprechenden Wunsch so 
zu haben, daB er seine Erfiillung nach sich zieht. 

Wenn ich zornig bin oder mich drgere, so richte ich 
einen Wall in der Seelenwelt um mich auf, und die 
Krafte konnen nicht an mich herantreten, welche meine 
seelischen Augen entwickeln sollen. Argert mich z. B. 
ein Mensch, so schickt er einen seelischen Strom in die 
Seelenwelt. Ich kann diesen Strom so lange nicht sehen, 
als ich noch fahig bin, mich zu argern. Mein Arger ver- 
deckt ihn mir. Nun darf ich auch nicht glauben, daB 
ich sofort eine seelische (astralische) Erscheinung haben 
werde, wenn ich mich nicht mehr argere. Denn dazu ist 



notwendig, daB sich erst in mir ein seelisches Auge ent- 
wickele. Aber die Anlage zu einem solchen Auge liegt 
in jedem Menschen. Es bleibt unwirksam, solange der 
Mensch fahig ist, sich zu argern. Aber es ist auch noch 
nicht sogleich da, wenn man ein wenig das Argern be- 
kampft hat. Man muB vielmehr fortfahren in dieser Be- 
kampfung des Argers und in Geduld immer wieder fort- 
fahren; dann wird man eines Tages bemerken, daB sich 
dieses seelische Auge entwickelt hat. Allerdings ist nicht 
der Arger das einzige, was man zu solchem Ziele zu be- 
kampfen hat. Viele werden ungeduldig oder zweifelnd, 
weil sie jahrelang einige Eigenschaften der Seele be- 
kampft haben und das Hellsehen doch nicht eintritt. Sie 
haben dann eben einige Eigenschaften ausgebildet und 
andere um so mehr uberwuchern lassen. Die Gabe des 
Hellsehens tritt erst dann ein, wenn alle Eigenschaften 
unterdrtickt sind, welche die entsprechenden schlum- 
mernden Fahigkeiten nicht herauskommen lassen. Aller- 
dings stellen sich Anfange des Schauens (oder Horens) 
schon frtiher ein; aber das sind zarte Pflanzchen, die leicht 
allem moglichen Irrtum unterworfen sind und die auch 
leicht absterben, wenn sie nicht sorgfaltig weiter gehegt 
und gepflegt werden. 

Zu den Eigenschaften, die z. B. ebenso bekampft 
werden mussen wie Zorn und Arger, gehoren Furcht- 
samkeit, Aberglaube und Vorurteilssucht, Eitelkeit und 
Ehrgeiz, Neugierde und unnotige Mitteilungssucht, 
das Unterschiedmachen in bezug auf Menschen nach 
auBerlichen Rang-, Geschlechts-, Stammeskennzeichen 
usw. In unserer Zeit wird man recht schwer begrei- 
fen, daB die Bekampfung solcher Eigenschaften etwas 



zu tun habe mit der Erhohung der Erkenntnisfahigkeit. 
Aber jeder Geheimwissenschafter weiB, daB von solchen 
Dingen viel mehr abhangt als von der Erweiterung der 
Intelligenz und von dem Anstellen kimstlicher Ubun- 
gen. Insbesondere kann leicht ein MiBverstandnis dar- 
iiber entstehen, wenn manche glauben, daB man sich 
tollkiihn machen solle, weil man furchtlos sein soli, daB 
man sich vor den Unterschieden der Menschen verschlie- 
Ben soil, weil man die Standes-, Rassen- usw. Vorurteile 
bekampfen soil. Man lernt vielmehr erst richtig erken- 
nen, wenn man nicht mehr in Vorurteilen befangen ist. 
Schon in gewohnlichem Sinne ist es richtig, daB mich die 
Furcht vor einer Erscheinung hindert, sie klar zu beurtei- 
len, daB mich ein Rassenvorurteil hindert, in eines Men- 
schen Seele zu blicken. Diesen gewohnlichen 'Sinn muB 
der Geheimschiiler in groBer Feinheit und Scharfe bei 
sich zur Entwickelung bringen. 

Einen Stein in den Weg der Geheimerziehung wirft 
dem Menschen auch alles, was er sagt, ohne daB er es 
grimdlich in seinem Gedanken gelautert hat. Und da- 
bei muB etwas in Betracht kommen, was hier nur durch 
ein Beispiel erlautert werden kann. Wenn mir jemand 
z. B. etwas sagt und ich habe darauf zu erwidern, so 
muB ich bemiiht sein, des anderen Meinung, Gefiihl, ja 
Vorurteil mehr zu beachten, als was ich im Augenblicke 
selbst zu der in Rede stehenden Sache zu sagen habe. Hier- 
mit ist eine feine Taktausbildung angedeutet, welcher sich 
der Geheimschiiler sorgfaltig zu widmen hat. Er muB sich 
ein Urteil dariiber aneignen, wie weit es fur den anderen 
eine Bedeutung hat, wenn er der seinigen die eigene Mei- 
nung entgegenhalt. Nicht zuruckhalten soil man deshalb 



mit seiner Meinung. Davon kann nicht im entferntesten 
die Rede sein. Aber man soil so genau als nur irgend mog- 
lich auf den anderen hinhoren und aus dem, was man ge- 
hort hat, die Gestalt seiner eigenen Erwiderung formen. 
Immer wieder steigt in einem solchen Falle in dem Ge- 
heimschiiler ein Gedanke auf; und er ist auf dem rechten 
Wege> wenn dieser Gedanke in ihm so lebt, daB er Cha- 
rakteranlage geworden ist. Dies ist der Gedanke: «Nicht 
darauf kommt es an, daB ich etwas anderes meine als der 
andere, sondern darauf, daB der andere das Richtige aus 
Eigenem finden wird, wenn ich etwas dazu beitrage,» 
Durch solche und .ahnliche Gedanken uberstromt den 
Charakter und die Handlungsweise des Geheimschiilers 
das Geprage der Milde, die ein Hauptmittel aller Geheim- 
schulung ist. Harte verscheuchtum dich herum die Seelen- 
gebilde, die dein seelisches Auge erwecken sollen; Milde 
schafft dir die Hindernisse hinweg und offnet deine 
Organe. 

Und mit der Milde wird sich alsbald ein anderer Zug 
in der Seele ausbilden: das ruhige Achten auf alle Fein- 
heiten des seelischen Lebens in der Umgebung bei volli- 
ger Schweigsamkeit der eigenen Seelenregungen. Und 
hat es ein Mensch zu diesem gebracht, dann wirken die 
Seelenregungen seiner Umgebung auf ihn so ein, daB die 
eigene Seele wachst und wachsend sich gliedert, wie die 
Pflanze gedeiht im Sonnenlichte. Milde und Schweigsam- 
keit in 'wahrer Geduld offnen die Seele der Seelenwelt, 
den Geist dem Geisterlande. - «Verharre in Ruhe und Ab- 
geschlossenheit, schlieBe die Sinne fiir das, was sie dir vor 
deiner Geheimschulung uberliefert haben, bringe alle 
Gedanken zum Stillstand, die nach deinen vorherigen Ge- 



wohnheiten in dir auf- und abwogten, werde ganz still 
und schweigsam in deinem Innern und warte in Geduld, 
dann fangen hohere Wehen an, deine Seelenaugen und 
Geistesohren auszubilden. Du darfst nicht erwarten, daB 
du sogleich siehstund horst in der Seelen- und Geisterwelt. 
Denn was du tust, tragt nur bei, deine hoheren Sinne aus- 
zubilden. Seelisch sehen und geistig horen aber wirst du 
erst, wenn du diese Sinne haben wirst. Hast du eine Weile 
so in Ruhe und Abgeschlossenheit verharrt, so gehe an 
deine gewohnten Tagesgeschafte, indem. du dir vorher 
noch tief den Gedanken eingepragt: es wird mir einmal 
werden, was mir werden soil, wenn ich dazu reif bin. Und 
unterlasse es streng, etwas von den hoheren Gewalten 
durch deine Willkiir an dich zu ziehen» Das sind Anwei- 
sungen, die jeder Geheimschiiler von seinem Lehrer im 
Beginne des Weges erhalt. Beobachtet er sie, dann ver- 
vollkommnet er sich. Beobachtet er sie nicht, dann ist 
alles Arbeiten vergebens. Aber sie sind nur fiir den schwie- 
rig, der nicht Geduld und Standhaftigkeit hat. Es gibt 
keine anderen Hindernisse, als diejenigen sind, die sich ein 
jeder selbst in den Weg wirft und die auch jeder vermei- 
den kann, wenn er wirklich will. Das muB immer wieder 
betont werden, weil sich viele eine ganz falsche Vorstel- 
lung bilden iiber die Schwierigkeiten des Geheimpfades. 
Es ist in gewissem Sinne leichter, die ersten Stufen dieses 
Pfades zu uberschreiten, als ohne Geheimschulung mit 
den alleralltaglichsten Schwierigkeiten des Lebens fertig 
zu werden. - AuBerdem durften hier nur solche Dinge 
mitgeteilt werden, die von keinerlei Art von Gefahren be- 
gleitet sind fiir die korperliche und seelische Gesundheit. 
Es gibt ja auch andere Wege, die schneller zum Ziele fun- 



ren; aber mit diesen hat, was hier gemeint ist, nichts zu 
tun, weil sie gewisse Wirkungen auf den Menschen haben 
konnen, die ein erfahrener Geheimkundiger nicht an- 
strebt. Da einiges von solchen Wegen doch immer wieder 
in die Offentlichkeit dringt, so muB ausdrticklich davor 
gewarnt werden, sie zu betreten. Aus Grtinden, die nur 
der Eingeweihte verstehen kann, konnen diese Wege nie 
in ihrer wahren Gestalt offentlich bekanntgegeben wer- 
den. Und die Bruchstticke, die dort und da erscheinen, 
konnen zu nichts Gedeihlichem, wohl aber zur Unter- 
grabungvon Gesundheit, GltickundSeelenfrieden ftihren. 
Wer sich nicht ganz dunklen Machten anvertrauen will, 
von deren wahrem Wesen und Ursprung er nichts wissen 
kann, der vermeide es, sich auf solche Dinge einzulassen. 

Es kann noch einiges gesagt werden tiber die Um- 
gebung, in welcher die Ubungen der Geheimschulung 
vorgenommen werden sollen. Denn darauf kommt eini- 
ges an. Doch liegt die Sache fast fur jeden Menschen an- 
ders. Wer in einer Umgebung tibt, die nur von selbststich- 
tigen Interessen, z. B. von dem modernen Kampfe urns 
Dasein, erftillt ist, der muB sich bewuBt sein, daB diese 
Interessen nicht ohne EinfluB bleiben auf die Ausbildung 
seiner seelischen Organe. Zwar sind die inneren Gesetze 
dieser Organe so stark, daB dieser EinfluB nicht ein allzu 
schadlicher werden kann. Sowenig eine Lilie durch eine 
noch so unangemessene Umgebung zu einer Distel wer- 
den kann, so wenig kann sich das seelische Auge zu etwas 
anderem bilden, als wozu es bestimmt ist, auch wenn die 
selbststichtigen Interessen der modernen Stadte darauf 
einwirken. Aber gut ist es unter alien Umstanden, wenn 
der Geheimschuler ab und zu den stillen Frieden und die 



innere Wiirde und Anmut der Natur zu seiner Umgebung 
macht. Besonders giinstig liegt die Sache bei dem, der 
seine Geheimschulung ganz in der griinen Pflanzenwelt 
oder zwischen sonnigen Bergen und dem lieben Weben 
der Einfalt vornehmen kann. Das treibt die inneren 
Organe in einer Harmonie heraus, die niemals in der mo- 
dernen Stadt entstehen kann. Etwas besser als der bloBe 
Stadtmensch ist auch schon derjenige gestellt, welcher 
wenigstens wahrend seiner Kindheit Tannenluft atmen, 
Schneegifel schauen und das stille Treiben der Wald- 
tiere und Insekten beobachten durfte. Keiner derjenigen 
aber, denen es aufgegeben ist, in der Stadt zu leben, darf es 
unterlassen, seinen in Bildung begriffenen Seelen- und 
Geistesorganen als Nahrung die inspirierten Lehren der 
Geistesforschung zuzufiihren. Wessen Auge nicht jeden 
Friihling die Walder Tag fur Tag in ihrem Grlin verfol- 
gen kann, der sollte dafiir seinem Herzen die erhabenen 
Lehren der Bhagavad-Gita, des Johannes-Evangeliums, 
des Thomas von Kempen und die Darstellungen der gei- 
steswissenschaftlichen Ergebnisse zufiihren. Viele Wege 
gibt es zum Gipfel der Einsicht; aber eine richtige Wahl 
ist unerlaBlich. - Der Geheimkundige weiB gar manches 
iiber solche Wege zu sagen, was dem Uneingeweihten 
absonderlich erscheint. Es kann z. B. jemand sehr weit 
auf dem Geheimpfade sein. Er kann sozusagen unmit- 
telbar vor dem Offnen der seelischen Augen und gei- 
stigen Ohren stehen; und dann hat er das Gliick, eine 
Fahrt iiber das ruhige oder vielleicht auch das wildbewegte 
Meer zu machen, und eine Binde lost sich von seinen See- 
lenaugen: plotzlich wird er sehend. - Ein anderer ist eben- 
falls so weit, daB diese Binde sich nur zu losen braucht; 



es geschieht durch einen starken Schicksalsschlag. Auf 
einen anderen Menschen hatte dieser Schlag wohl den 
EinfluB gehabt, daB er seine Kraft lahmte, seine Energie 
imtergriibe; fur den Geheims chiller wird er zum AnlaB 
der Erleuchtung. - Ein dritter harrt in Geduld aus; Jahre 
hindurch hat er so geharrt, ohne eine merkliche Frucht. 
Plotzlich in seinem ruhigen Sitzen in der stillen Kammer 
wird es geistig Licht um ihn, die Wande verschwinden, 
werden seelisch durchsichtig, und eine neue Weh breitet 
sich vor seinem sehend gewordenen Auge aus oder er- 
klingt seinem horend gewordenen Geistesohre. 



DIE BEDINGUNGEN ZUR GEHEIMSCHULUNG 

Die Bedingungen zum Antritt der Geheimschulung sind 
nicht solche, die von irgend jemand durch Willklir fest- 
gesetzt werden. Sie ergeben sich aus dem Wesen des Ge- 
heimwissens. Wie ein Mensch nicht Maler werden kann, 
der keinen Pinsel in die Hand nehmen will, so kann nie- 
mand eine Geheimschulung empfangen, der nicht erftil- 
len will, was die Geheimlehrer als notwendige Forderung 
angeben. Im Grunde kann der Geheimlehrer nichts geben 
als Ratschlage. Und in diesem Sinne ist auch alles aufzu- 
nehmen, was er sagt. Erhat die vorbereitenden Wege zum 
Erkennen der hoheren Wehen durchgemacht. Er weiB aus 
Erfahrung, was notwendig ist. Es hangt ganz von dem 
freien Willen des einzelnen ab, ob er die gleichen Wege 
wandeln will oder nicht. Wenn jemand verlangen wollte, 
daB ihm ein Lehrer eine Geheimschulung zukommen 
lieBe, ohne die Bedingungen erflillen zu wollen, so gliche 
eine solche Forderung eben durchaus der: lehre mich ma- 
len, aber befreie mich davon, einen Pinsel zu berlihren. - 
Der Geheimlehrer kann auch niemals etwas bieten, wenn 
ihm nicht der freie Wille des Aufnehmenden entgegen- 
kommt. Aber es muB betont werden, daB der allgemeine 
Wunsch nach hoherem Wissen nicht genligt. Diesen 
Wunsch werden nattirlich viele haben. Wer nur diesen 
Wunsch hat, ohne auf die besonderen Bedingungen der 
Geheimschulung eingehen zu wollen, von dem kann zu- 
nachst nichts erreicht werden. Das sollen diejenigen be- 
denken, die sich darliber beklagen, daB die Geheimschu- 
lung ihnen nicht leicht wird. Wer die strengen Bedingun- 
gen nicht erflillen kann oder will, der mufi eben vorlaufig 



auf Geheimschulungverzichten. Zwar sind die Bedingun- 
gen streng, aber nicht hart, da ihre Erfiillung nicht nur 
eine freie Tat sein soil, sondern sogar sein muB. 

Wer das nicht bedenkt, ftir den konnen die Forderun- 
gen der Geheimschulung leicht als Seelen- oder Gewis- 
senszwang erscheinen. Denn die Schulung beruht ja auf 
einer Ausbildung des inneren Lebens; der Geheimlehrer 
muB also Ratschlage erteilen, die sich auf dieses innere 
Leben beziehen. Aber nichts kann als Zwang aufgefaBt 
werden, was als AusfluB eines freien Entschlusses gefor- 
dert wird. - Wenn jemand von dem Lehrer forderte: teile 
mir deine Geheimnisse mit, aber lasse mich bei meinen 
gewohnten Empfindungen, Gefiihlen und Vorstellungen, 
so verlangt er eben etwas ganz Unmogliches. Er will dann 
nichts weiter als die Neugierde, den Wissenstrieb befrie- 
digen. Bei einer solchen Gesinnung kann aber Geheim- 
wissen nie erlangt werden. 

Es sollen nun der Reihe nach die Bedingungen fur den 
Geheimschiiler entwickelt werden. Es muB betont wer- 
den, daB bei keiner dieser Bedingungen eine vollstandige 
Erfiillung verlangt wird, sondern lediglich das Streben 
nach einer solchen Erfiillung. Ganz erfiillen kann die Be- 
dingungen niemand; aber sich auf den Weg zu ihrer Er- 
fiillung begeben kann jeder. Nur auf den Willen, auf die 
Gesinnung, sich auf diesen Weg zu begeben, kommt es an. 

Die erste Bedingung ist: man richte sein Augenmerk 
darauf, die korperliche und geistige Gesundheit zu for- 
dern. Wie gesund ein Mensch ist, das hangt zunachst 
natiirlich nicht von ihm ab. Danach trachten, sich nach 
dieser Richtung zu fordern, das kann ein jeder. Nur aus 
einem gesunden Menschen kann gesunde Erkenntnis 



kommen. Die Geheimschulung weist einen nicht gesun- 
den Menschen nicht zuriick; aber sie muB verlangen, daB 
der Schiiler den Willen habe, gesund zu leben. - Dar- 
innen muB der Mensch die moglichste Selbstandigkeit 
erlangen. Die guten Ratschlage anderer, die - zumeist un- 
gefragt - jedem zukommen, sind in der Regel ganz iiber- 
fliissig. Ein jeder muB sich bestreben, selbst auf sich zu 
achten. - Vielmehr wird es sich in physischer Beziehung 
darum handeln, schadliche Einfliisse abzuhalten, als urn 
anderes. Um unsere Pflichten zu erfiillen, mils sen wir uns 
ja oft Dinge auferlegen, die unserer Gesundheit nicht for- 
derlich sind. Der Mensch muB verstehen, im rechten Falle 
die Pflicht hoher zu stellen als die Sorge um die Gesund- 
heit. Aber was kann nicht alles unterlassen werden bei 
einigem guten Willen! Die Pflicht muB in vielen Fallen 
hoher stehen als die Gesundheit, ja oft hoher als das Le- 
ben; der Genufi darfes bei dem Geheimschiiler nie. Bei 
ihm kann der GenuB nur ein Mittel fur Gesundheit und 
Leben sein. Und es ist in dieser Richtung durchaus not- 
wendig, daB man ganz ehrlich und wahrhaftig gegen sich 
selbst sei. Nichts niitzt es, ein asketisches Leben zu fiihren, 
wenn dieses aus ahnlichen 'Beweggriinden entspringt wie 
andere Geniisse. Es kann jemand an dem Asketismus ein 
Wohlgefallen haben wie ein anderer am Weintrinken. Er 
kann aber nicht hoffen, daB ihm dieser Asketismus etwas 
zu hoherer Erkenntnis niitze. - Viele schieben alles, was 
sie scheinbar hindert, sich nach dieser Richtung zu for- 
dern, auf ihre Lebenslage. Sie sagen: «Bei meinen Lebens- 
verhaltnissen kann ich mich nicht entwickeln.» Es mag 
fur viele in anderer Beziehung wiinschenswert sein, ihre 
Lebenslage zu andern; zum Zwecke der Geheimschulung 



braucht dies kein Mensch zu tun. Zu diesem Ziele braucht 
man nur gerade in der Lage, in der man ist, so viel fiir 
seine leibliche und seelische Gesundheit zu tun, als mog- 
lichist. EinejeglicheArbeitkanndemGanzenderMensch- 
heit dienen; und es ist viel groBer von der Menschenseele, 
sich klarzumachen, wie notwendig eine kleinliche, viel- 
leicht haBliche Arbeit fiir dieses Ganze ist, als zu glauben: 
«Diese Arbeit ist fiir mich zu schlecht, ich bin zu ande- 
rem berufen.» - Besonders wichtig fiir den Geheimschii- 
ler ist das Streben nach volliger geistiger Gesundheit. Un- 
gesundes Gemiits- und .Denkleben bringt auf alle Falle 
von den Wegen zu hoheren Erkenntnissen ab. Klares, ru- 
higes Denken, sicheres Empfinden und Fiihlen sind hier 
die Grundlage. Nichts' soil ja dem Geheimschiiler ferner 
liegen als die Neigung zum Phantastischen, zum auf- 
geregten Wesen, zur Nervositat, zur Exaltation, zum Fa- 
natismus. Einen gesunden Blick fiir alle Verhaltnisse des 
Lebens soil er sich aneignen; sicher soil er sich im Leben 
zurechtfinden; ruhig soil er die Dinge zu sich sprechen 
und auf sich wirken lassen. Er soil sich bemiihen, iiberall, 
wo es notig ist, dem Leben gerecht zu werden. Alles Uber- 
spannte, Einseitige soil in seinem Urteilen und Empfin- 
den vermieden werden. Wiirde diese Bedingung nicht er- 
fiillt, so kame der Geheimschiiler statt in hohere Welten 
in diejenige seiner eigenen Einbildungskraft; statt der 
Wahrheit machten sich Lieblingsmeinungen bei ihm 
geltend. Besser ist es fiir den Geheimschiiler, «niichtern» 
zu sein als exaltiert und phantastisch. 

Die zweite Bedingung ist, sich als ein Glied des ganzen 
Lebens zu fiihlen. In der Erfiillung dieser Bedingung ist 
viel eingeschlossen. Aber ein jederkann sie nur auf seine 



eigene Art erftillen. Bin ich Erzieher und mein Zogling 
entspricht nicht dem, was ich wtinsche, so soil ich mein 
Geflihl zunachst nicht gegen den Zogling richten, son- 
dern gegen mich selbst. Ich soil mich so weit als eins mit 
meinem Zogling ftihlen, daB ich mich frage: «Ist das, was 
beim Zogling nicht gentigt, nicht die Folge meiner eige- 
nen Tat?» Statt mein Geflihl gegen ihn zu richten, werde 
ich dann vielmehr dartiber nachdenken, wie ich mich 
selbst verhalten soil, damit in Zukunft der Zogling mei- 
nen Forderungen besser entsprechen konne. Aus solcher 
Gesinnungsart heraus andert sich allmahlich die ganze 
Denkungsart des Menschen. Das gilt fur das Kleinste wie 
fur das GroBte. Ich sehe aus solcher Gesinnung heraus 
z. B. einen Verbrecher anders an als ohne dieselbe. 
Ich halte zurtick mit meinem Urteile und sage mir: 
«Ich bin nur ein Mensch wie dieser. Die Erziehung, die 
durch die Verhaltnisse mir geworden ist, hat mich viel- 
leicht allein vor seinem Schicksale bewahrt.» Ich komme 
dann wohl auch zu dem Gedanken, daB dieser Menschen- 
bruder ein anderer geworden ware, wenn die Lehrer, die 
ihre Mtihe auf mich verwendet haben, sie hatten ihm an- 
gedeihen lassen. Ich werde bedenken, daB mir etwas zu- 
teil geworden ist, was ihm entzogen war, daB ich mein 
Gutes gerade dem Umstand verdanke, daB es ihm ent- 
zogen worden ist. Und dann wird mir die Vorstellung 
auch nicht mehr feme liegen, daB ich nur ein Glied in der 
ganzen Menschheit bin und mitverantwortlich fur alles, 
was geschieht. Es soil hier nicht gesagt werden, daB ein 
solcher Gedanke sich sofort in auBere agitatorische Taten 
umsetzen soil. Aber still in der Seele soil er gepflegt wer- 
den. Dann wird er sich ganz allmahlich in dem auBeren 



Verhalten eines Menschen auspragen. Und in solchen 
Dingen kann doch jedernur bei sich selbst zu reformieren 
anfangen. Nichts fruchtet es, im Sinne solcher Gedanken 
allgemeine Forderungen an die Menschheit zu stellen. Wie 
die Menschen sein sollen: dariiber ist leicht ein Urteil ge- 
bildet; der Geheimschiiler aber arbeitet in der Tiefe, nicht 
an der Oberflache. Es ware daher ganz unrichtig, wenn 
man die hier angedeutete Forderung der Geheimlehrer 
mit irgendeiner auBerlichen, etwa gar einer politischen 
Forderung in Verbindung brachte, mit der die Geistes- 
schulung nichts zu tun haben kann. Politische Agitatoren 
«wissen» in der Regel, was von anderen Menschen zu 
«fordern» ist; von Forderungen an sich selbst ist bei 
ihnen weniger die Rede. 

Und damit hangt die dritte Bedingung fur die Geheim- 
schulung unmittelbar zusammen. Der Zogling muB sich 
zu der Anschauung emporringen konnen, daB seine Ge- 
danken und Gefiihle ebenso Bedeutung fur die Weh 
haben wie seine Handlungen. Es muB erkannt werden, 
daB es ebenso verderblich ist, wenn ich meinen Mit- 
menschen hasse, wie wenn ich ihn schlage. Dann komme 
ich auch zu der Erkenntnis, daB ich nicht nur fur mich 
etwas tue, wenn ich mich selbst vervollkommene, sondern 
auch fur die Weh. Aus meinen reinen Gefiihlen und Ge- 
danken zieht die Welt ebensolchen Nutzen wie aus mei- 
nem Wohlverhalten. Solange ich nicht glauben kann an 
diese Weltbedeutung meines Innern, so lange tauge ich 
nicht zum Geheimschiiler. Erst dann bin ich von dem 
rechten Glauben an die Bedeutung meines Inneren, mei- 
ner Seele erfiillt, wenn ich an diesem Seelischen in der 
Art arbeite, als wenn es zum mindesten ebenso wirklich 



ware wie alles AuBere. Ich muB zugeben, daB mein Ge- 
fiihl ebenso eine Wirkung hat wie eine Verrichtung 
meiner Hand. 

Damit ist eigentlich schon die vierte Bedingung aus- 
gesprochen: die Aneignung der Ansicht, daB des Men- 
schen eigentliche Wesenheit nicht im AuBerlichen, son- 
dern im Inneren liegt. Wer sich nur als ein Produkt der 
AuBenwelt ansieht, als ein Ergebnis der physischen Welt, 
kann es in der Geheimschulung zu nichts bringen. Sich 
als seelisch-geistiges Wesen fiihlen ist eine Grundlage fur 
solche Schulung. Wer zu solchem Gefiihle vordringt, der 
ist dann geeignet zu unterscheiden zwischen innerer Ver- 
pflichtung und dem auBeren Erfolge. Er lernt erkennen, 
daB das eine nicht unmittelbar an "dem anderen gemessen 
werden kann. Der Geheimschuler muB die rechte Mitte 
finden zwischen dem, was die auBeren Bedingungen vor- 
schreiben, und dem was er als das Richtige fur sein Ver- 
halten erkennt. Er soil nicht seiner Umgebung etwas auf- 
drangen, wofiir diese kein Verstandnis haben kann; aber 
er soil auch ganz frei sein von der Sucht, nur das zu tun, 
was von dieser Umgebung anerkannt werden kann. Die 
Anerkennung fur seine Wahrheiten muB er einzig und 
allein in der Stimme seiner ehrlichen, nach Erkenntnis 
ringenden Seele suchen. Aber lernen soil er von seiner 
Umgebung, soviel er nur irgend kann, um herauszu- 
finden, was ihr frommt und niitzlich ist. So wird er in sich 
selbst das entwickeln, was man in der Geheimwissen- 
schaft die «geistige Waage» nennt. Auf einer ihrer Waage- 
schalen liegt ein «offenes Herz» fiir die Bediirfnisse der 
AuBenwelt, auf der anderen «innere Festigkeit und un- 
erschiitterliche Ausdauer». 



Und damit ist auf die fiinfte Bedingung gedeutet: die 
Standhaftigkeit in der Befolgung eines einmal gefaBten 
Entschlusses. Nichts darf den Geheimschiiler dazu brin- 
gen, von einem gefaBten EntschluB abzukommen, als 
lediglich die Einsicht, daB er im Irrtume befangen ist. 
Jeder EntscWuB ist eine Kraft, und wenn diese Kraft auch 
nicht einen unmittelbaren Erfolg da hat, wohin sie zu- 
nachst gewandt ist, sie wirkt in ihrer Weise. Der Erfolg ist 
nur entscheidend, wenn man eine Handlung aus Begierde 
vollbringt. Aber alle Handlungen, die aus Begierde voll- 
bracht werden, sind wertlos gegeniiber der hoheren Weit. 
Hier entscheidet allein die Liebe zu einer Handlung. In 
dieser Liebe soil sich ausleben alles, was den Geheimschii- 
ler zu einer Handlung treibt. Dann wird er auch nicht 
erlahmen, einen EntscWuB immer wieder in Tat umzu- 
setzen, wie oft er ihm auch miBlungen sein mag. Und so 
kommt er dazu, nicht erst die aufieren Wirkungen sei- 
ner Taten abzuwarten, sondern sich an den Handlungen 
selbst zu befriedigen. Er wird lernen, seine Taten, ja sein 
ganzes Wesen der Weit zu opfern, wie auch immer diese 
sein Opfer aufnehmen mag. Zu solchem Opferdienst muB 
sich bereit erklaren, wer Geheimschiiler werden will. 

Eine sechste Bedingung ist die Entwickelung des Ge- 
fiihles der Dankbarkeit gegeniiber allem, was dem Men- 
schen zukommt. Man muB wissen, daB das eigene Dasein 
ein Geschenk des ganzen Weltalls ist. Was ist alles not- 
wendig, damit jeder von uns sein Dasein empfangen und 
fristen kann! Was verdanken wir der Natur und anderen 
Menschen! Zu solchen Gedanken miissen diejenigen ge- 
neigt sein, die Geheimschulung wollen. Wer, sich ihnen 
nicht hingeben kann, der vermag nicht in sich jene All- 



liebe zu entwickeln, die notwendig ist, um zu hoherer Er- 
kenntnis zu kommen. Etwas, das ich nicht liebe, kann sich 
.mir nicht offenbaren. Und eine jede Offenbarung muB 
mich mit Dank erflillen, denn ich werde durch sie reicher. 

Alle die genannten Bedingungen mlissen sich in einer 
siebenten vereinigen: das Leben unablassig in dem Sinne 
aufzufassen, wie es diese Bedingungen fordern. Dadurch 
schafft sich der Zogling die Moglichkeit, seinem Leben 
ein einheitliches Geprage zu geben. Seine einzelnen Le- 
bensauBerungen werden miteinander im Einklang, nicht 
im Widerspruche stehen. Er wird zu der Ruhe vorbereitet 
sein, zu welcher er kommen muB wahrend der ersten 
Schritte in der Geheimschulung. 

Hat jemand den ernsten und ehrlichen Willen, die an- 
gegebenen Bedingungen zu erflillen, dann mag er sich zur 
Geistesschulung entschlieBen. Er wird sich dann bereit- 
finden, die angeftihrten Ratschlage zu befolgen. Es mag 
gar manchem vieles an diesen Ratschlagen wie etwas 
AuBerliches erscheinen. Ein solcher wird vielleicht sagen, 
er hatte erwartet, daB die Schulung in weniger strengen 
Formen verlaufen sollte. Aber alles Innere muB sich in 
einem AuBeren ausleben. Und ebensowenig, wie ein Bild 
schon da ist, wenn es bloB im Kopf des Malers existiert, 
ebensowenig kann eine Geheimschulung ohne auBeren 
Ausdruck sein. Nur diejenigen achten die strengen For- 
men gering, welche nicht wissen, daB im AuBeren das 
Innere zum Ausdruck kommen muB. Es ist wahr, daB es 
auf den Geist einer Sache ankommt und nicht auf die 
Form. Aber so wie die Form ohne den Geist nichtig ist, 
so ware der Geist tatenlos, wenn er sich nicht eine Form 
erschlife. 



Die gestelltenBedingungen sind geeignet, den Geheim- 
schliler stark genug zu machen, urn auch die weiteren 
Forderungen zu erftillen, welche die Geistesschulungan 
ihn stellen muB. Fehlen ihm diese Bedingungen, dann 
wird er vor jeder neuen Anforderung mit Bedenken 
stehen. Er wird ohne sie das Vertrauen nicht zu den Men- 
schen haben konnen, das fur ihn notwendig ist. Und auf 
Vertrauen und wahre Menschenliebe muB alles Wahr- 
heitsstreben gebaut sein. Es muB darauf gebaut sein, ob- 
gleich es nicht daraus entspringen, sondern nur aus der 
eigenen Seelenkraft quellen kann. Und die Menschenliebe 
muB sich allmahlich erweitern zur Liebe zu alien Wesen, 
ja zu allem Dasein. Wer die genannten Bedingungen 
nicht erftillt, wird auch nicht die voile Liebe zu allem 
Aufbauen, zu allem Schaffen haben, und die Neigung, 
alle Zerstorung, alles Vernichten als solche zu unterlas- 
sen. Der Geheimschuler muB so werden, daB er nie etwas 
vernichtet um des Vernichtens willen, nicht in Handlun- 
gen, aber auch nicht in Worten, Geftihlen und Gedanken. 
Fur ihn soil es Freude am Entstehen, am Werden geben; 
und nur dann darf er die Hand bieten zu einer Vernich- 
tung, wenn er auch imstande ist, aus und durch die Ver- 
nichtung neues Leben zu fordern. Damit ist nicht gemeint, 
daB der Geheimschuler zusehen darf, wie das Schlechte 
uberwuchert; aber er soil sogar am Schlechten diejenigen 
Seiten suchen, durch die er es in ein Gutes wandeln kann. 
Er wird sich immer klarer dartiber, daB die richtigste 
Bekampfung des Schlechten und Unvollkommenen das 
Schaffen des Guten und Vollkommenen ist. Der Geheim- 
schuler weiB, daB aus dem Nichts nicht etwas geschaffen 
werden kann, daB aber das Unvollkommene in ein Voll- 



kommenes umgewandelt werden kann. Wer in sich die 
Neigung zum Schaffen entwickelt, der findet auch bald 
die Fahigkeit, sich dem Schlechten gegentiber richtig zu 
verhalten. 

Wer in eine Geheimschulung sich einlaBt, muB sich 
klarmachen, daB durch sie gebaut und nicht zerstort wer- 
den soil. Er soil daher den Willen zur ehrlichen, hinge- 
bungsvollen Arbeit, nicht zur Kritik und zum Zerstoren 
mitbringen. Er soil der Andacht fahig sein, denn man soil 
lernen, was man noch nicht weiB. Man soil andachtig zu 
dem blicken, was sich erscWieBt. Arbeit und Andacht: das 
sind Grundgeftihle, die von dem Geheimschuler gefor- 
dert werden mtissen. Mancher wird erfahren mtissen, daB 
er in der Schulung nicht vorwartskommt, trotzdem er, 
nach seiner Ansicht, rastlos tatig ist. Es kommt davon her, 
daB er die Arbeit und Andacht nicht im rechten Sinne 
erfaBt hat. Diejenige Arbeit wird den geringsten Erfolg 
haben, die um dieses Erfolges willen unternommen wird, 
und dasjenige Lernen wird am wenigsten vorwartsbrin- 
gen, das ohne Andacht verlauft. Die Liebe zur Arbeit, 
nicht zum Erfolg, bringt allein vorwarts. Und wenn der 
Lernende gesundes Denken und sicheres Urteilen sucht, 
so braucht er sich nicht durch' Zweifel und MiBtrauen 
die Andacht zu verkummern. 

Man braucht nicht zu sklavischer Abhangigkeit im Ur- 
teilen zu kommen, wenn man einer Mitteilung, die man 
empfangt, nicht zuerst die eigene Meinung, sondern eine 
ruhige Andacht und Hingabe entgegenbringt. Diejeni- 
gen, welche in der Erkenntnis einiges erlangt haben, wis- 
sen, daB sie nicht dem eigensinnigen personlichen Urteile, 
sondern dem ruhigen Hinhorchen und Verarbeiten alles 



verdanken. - Man soil stets im Auge behalten, daB man 
das nicht mehr zu lernen braucht, was man schon beurtei- 
len kann. Will man also ni/rurteilen, so kann man iiber- 
haupt nicht mehr lernen. In der Geheimschulung kommt 
es aber auf das Lernen an. Man soil da ganz und gar den 
Willen haben, ein Lernender zu sein. Kann man etwas 
nicht verstehen, dann urteile man lieber gar nicht, als daB 
man verurteile. Man lasse sich dann das Verstandnis fur 
eine spatere Zeit. - Je hoher man die Stufen der Erkennt- 
nis hinansteigt, desto mehr hat man dieses ruhige, andach- 
tige Hinhorchen notig. Alles Erkennen der Wahrheit, 
alles Leben und Handeln in der Welt des Geistes wird auf 
hoheren Gebieten subtil, zart im Vergleich mit den Ver- 
richtungen des gewohnlichen Verstandes und des Lebens 
in der physischen Welt. Je mehr sich die Kreise des Men- 
schen erweitern, desto feiner werden die Verrichtungen, 
die er vorzunehmen hat. - Weil dies so ist, deshalb kom- 
men die Menschen in bezug auf hohere Gebiete zu so ver- 
schiedenen «Ansichten» und «Standpunkten». Allein, es 
gibt auch iiber hohere Wahrheiten in Wirklichkeit nur 
eine Meinung. Man kann zu dieser einen Meinung kom- 
men, wenn man sich durch Arbeit und Andacht dazu er- 
hoben hat, die Wahrheit wirklich zu schauen. Nur der- 
jenige kann zu einer Ansicht kommen, die von der einen 
wahren abweicht, der, nicht geniigend vorbereitet, nach 
seinen Lieblingsvorstellungen, seinen gewohnten Ge- 
danken usw. urteilt. Wie es nur eine Ansicht iiber 
einen mathematischen Lehrsatz gibt, so auch iiber die 
Dinge der hoheren Welten, Aber man muB sich erst vor- 
bereiten, um zu einer solchen «Ansicht» kommen zu kon- 
nen. Wenn man das bedenken wollte, so wiirden fur nie- 



mand die Bedingungen der Geheimlehrer etwas Uber- 
raschendes haben. Es ist durchaus richtig, daB die Wahr- 
heit und das hohere Leben in jeder Menschenseele woh- 
nen und daB sie ein jeder selbst finden kann und muB. 
Aber sie liegen tief und konnen nur nach Hinwegrau- 
mung von Hindernissen aus ihren tiefen Schachten her- 
aufgeholt werden. Wie man das vollbringt, darliber kann 
nur raten, wer Edahrung in der Geheimwissenschaft hat. 
Solchen Rat gibt die Geisteswissenschaft. Sie drangt nie- 
mand eine Wahrheit auf, sie verktindet kein Dogma; sie 
zeigt aber einen Weg. Zwar konnte jeder - vielleicht aber 
erst nach vielen Verkorperungen - diesen Weg auch allein 
finden; doch ist es eine Verktirzung des Weges, was in der 
Geheimschulung erreicht wird. Der Mensch gelangt da- 
durch frliher zu einem Punkte, auf dem er mitwirken 
kann in den Wehen, wo das Menschenheil und die Men- 
schenentwickelung durch geistige Arbeit gefordert wer- 
den. 

Damit sind die Dinge angedeutet,welche zunachst iiber 
die Erlangung hoherer Weltedahrung mitgeteilt werden 
sollen. Im nachsten Kapitel sollen diese Ausftihrungen 
dadurch fortgesetzt werden, daB gezeigt wird, was in den 
hoheren Gliedern der Menschennatur (im Seelenorganis- 
mus oder Astralleib und im Geiste oder Gedankenleib) 
vorgeht wahrend dieser Entwickelung. Dadurch werden 
diese Mitteilungen in eine neue Beleuchtung gertickt, und 
es wird in einem tieferen Sinne in sie eingedrungen wer- 
den konnen. 



UBER EINIGE WIRKUNGEN DER EINWEIHUNG 

Es gehort zu den Grundsatzen wahrer Geheimwissen- 
schaft, daB derjenige, welcher sich ihr widmet, dies mit 
vollem BewuBtsein tue. Er soil nichts vornehmen, nicht 
tiben, wovon er nicht weiB, was es fur eine Wirkung hat. 
Ein Geheimlehrer, der jemand einen Rat oder eine An- 
weisung gibt, wird immer zugleich sagen, was durch die 
Befolgung in Leib, Seeleoder Geist desjenigen eintritt, der 
nach hoherer Erkenntnis strebt. 

Hier sollen nun einige Wirkungen auf die Seele des 
Geheimschlilers angegebenwerden. Erstwer solcheDinge 
kennt, wie sie hier mitgeteilt werden, kann in vollem Be- 
wuBtsein die Ubungen vornehmen, welche zur Erkenntnis 
libersinnlicher Wehen flihren. Und nur ein solcher ist ein 
echter Geheimschliler. Alles Tappen im dunkeln ist bei 
wirklicher Geheimschulung streng verpont. Wer nicht 
mit offenen Augen seine Schulung vollziehen will, mag 
Medium werden; zum Hellseher im Sinne der Geheim- 
wissenschaft kann er es nicht bringen. 

Bei dem, welcher in diesem Sinne die in den vorher- 
gehenden Abschnitten (liber Erwerbung libersinnlicher 
Erkenntnisse) beschriebenen Ubungen macht, gehen zu- 
nachst gewisse Veranderungen im sogenannten Seelen- 
organismus vor sich. Dieser ist nur fur den Hellseher 
wahrnehmbar. Man kann ihn mit einer mehr oder weni- 
ger geistig-seelisch leuchtenden Wolke vergleichen, in 
deren Mitte der physische Korper des Menschen sich 
befindet." In diesem Organismus werden die Triebe, 
Begierden, Leidenschaften, Vorstellungen usw. geistig 

* Eine Beschreibung findet man in des Verfassers «Theosophie». 



sichtbar. Sinnliche Begierde z. B. empfindet man dar- 
innen wie dunkelrotliche Ausstrahlungen von bestimm- 
ter Form. Ein reiner; edler Gedanke findet seinen Aus- 
druck wie in einer rotlichvioletten Ausstrahlung. Der 
scharfe Begriff, den der logische Denker faBt, ftihlt sich 
wie eine gelbliche Figur mit ganz bestimmten Umrissen. 
Der verworrene Gedanke des unklaren Kopfes tritt als 
Figur mit unbestimmten Umrissen auf. Die Gedanken der 
Menschen mit einseitigen, verbohrten Ansichten erschei- 
nen in ihren Umrissen scharf, unbeweglich, diejenigen 
solcher Personlichkeiten, welche zuganglich fur .die 
Ansichten anderer sind, sieht man in beweglichen, sich 
wandelnden Umrissen usw. usw." 

Je weiter nun der Mensch in seiner Seelenentwicke- 
lung fortschreitet, desto regelmaBiger gegliedert wird sein 
Seelenorganismus. Beim Menschen mit einem unentwik- 
kelten Seelenleben ist er verworren, ungegliedert. Aber 
auch in einem solchen ungegliederten Seelenorganismus 
kann der Hellseher ein Gebilde wahrnehmen, das sich 
deutlich von der Umgebung abhebt. Es verlauft vom In- 
nern des Kopfes bis zurMitte des physischen Korpers. Es 
nimmt sich aus wie eine Art selbstandiger Leib, welcher 
gewisse Organe hat. Diejenigen Organe, die hier zunachst 
besprochen werden sollen, werden in der Nahe folgender 

* Man muB bei alien folgenden Schilderungen darauf achten, daB 
z. B. beim «Sehen» einer Farbe geistiges Sehen (Schauen) gemeint 
ist. Wenn die hellsichtige Erkenntnis davon spricht: «ich sehe rot», 
so bedeutet dies: «ich habe im Seelisch-Geistigen ein Tirlebnis, welches 
gleichkommt dem physischen Erlebnis beim Eindruck der roten Farbe. » 
Nur weil es der hellsichtigen Erkenntnis in einem solchen Falle ganz 
naturgemaB ist, zu sagen: «ich sehe rot», wird dieser Ausdruck ange- 
wandt. Wer dies nicht bedenkt, kann leicht eine Farbenvision mit einem 
wahrhaft hellsichtigen Erlebnis verwechseln. 



physischer Korperteile geistig wahrgenommen: das erste 
zwischen den Augen, das zweite in der Nahe des Kehl- 
kopfes, das dritte in der Gegend des Herzens, das vierte 
liegt in der Nachbarschaft der sogenannten Magengrube, 
das ftinfte und sechste haben ihren Sitz im Unterleibe. 
Diese Gebilde werden von den Geheimkundigen «Rader» 
(Chakrams) oder auch «Lotusblumen» genannt. Sie hei- 
Ben so wegen der Ahnlichkeit mit Radern oder Blumen; 
doch muB man sich nattirlich klar darliber sein, daB ein 
solcher Ausdruck nicht viel zutreffender ist, als wenn man 
die beiden Lungenteile «Lungenflugel» nennt. Wie man 
sich hier klar ist, daB man es nicht mit «Flligeln» zu tun 
hat, so muB man auch dort nur an eine vergleichsweise 
Bezeichnung denken. Diese «Lotusblumen» sind nun 
beim unentwickelten Menschen von dunklen Farben und 
ruhig, unbewegt. Beim Hellseher aber sind sie in Bewe- 
gung und von leuchtenden Farbenschattierungen. Auch 
beim Medium ist etwas Ahnliches der Fall, doch in an- 
derer Art. Darauf soil hier nicht naher eingegangen wer- 
den. - Wenn nun ein Geheimschuler mit seinen Ubungen 
beginnt, so ist das erste, daB sich die Lotusblumen aufhel- 
len; spater beginnen sie sich zu drehen. Wenn dies letztere 
eintritt, so beginnt die Fahigkeit des Hellsehens. Denn 
diese «Blumen» sind die Sinnesorgane der Seele.* Und 
ihre Drehung ist der Ausdruck daftir, daB im Ubersinn- 
lichen wahrgenommen wird. Niemand kann etwas Uber- 
sinnliches schauen, bevor sich seine astralen Sinne in 
dieser Art ausgebildet haben. 

* Auch in bezug auf diese Wahrnehmungen des «Drehens», ja der 
«Lotusblumen» selbst, gilt, was in der vorigen Anmerkung iiber das 
«Sehen der Farben» gesagt worden ist. 



Das geistige Sinnesorgan, welches sich in der Nahe des 
Kehlkopfes befindet, macht es moglich, hellseherisch 
die Gedankenart eines anderen Seelenwesens zu durch- 
schauen, es gestattet auch einen tieferen Einblick in die 
wahren Gesetze der Naturerscheinungen. - Das Organ in 
der Nachbarschaft des Herzens eroffnet eine hellsehe- 
rische Erkenntnis der Gesinnungsart anderer Seelen. Wer 
es ausgebildet hat, kann auch bestimmte tiefere Krafte bei 
Tieren und Pflanzen erkennen. Durch den Sinn in der 
Nahe der sogenannten Magengrube erlangt man Kennt- 
nis von den fdhigkeiten und Talenten der Seelen; man 
kann durchschauen, welche Rolle Tiere, Pflanzen, Steine, 
Metalle, atmospharische Erscheinungen usw. im Haus- 
halte der Natur spielen. 

Das Organ in der Nahe" des Kehlkopfes hat sechzehn 
«Blumenblatter» oder «Radspeichen», das in der Nahe 
des Herzens deren zwolf, das in der Nachbarschaft der 
Magengrube liegende deren zehn. 

Nun hangen gewisse seelische Verrichtungen mit der 
Ausbildung dieser Sinnesorgane zusammen. Und wer 
diese Verrichtungen in einer ganz bestimmten Weise aus- 
ubt, der tragt etwas bei zur Ausbildung der betreffenden 
geistigen Sinnesorgane. Von der «sechzehnblatterigen 
Lotusblume» sind acht Blatter auf einer friiheren Entwik- 
kelungsstufe des Menschen in urferner Vergangenheit be- 
reits ausgebildet gewesen. Zu dieser Ausbildung hat der 
Mensch selbst nichts beigetragen. Er hat sie als eine 
Naturgabe erhalten, als er noch in einem Zustande traum- 
haften, dumpfen BewuBtseins war. Auf der damaligen 
Stufe der Menschheitsentwickelung waren sie auch in 
Tatigkeit. Jedoch vertrug sich diese Art von Tatigkeit 



eben nur mit jenem dumpfen BewuBtseinszustande. Als 
dann das BewuBtsein sich aufhellte, verfinsterten sich die 
Blatter und stellten ihre Tatigkeit ein. Die anderen acht 
kann der Mensch selbst durch bewuBte Ubungen ausbil- 
den. Dadurch wird die ganze Lotusblume leuchtend und 
beweglich. Von der Entwickelung eines jeden der sech- 
zehn Blatter hangt die Erwerbung gewisser Fahigkeiten 
ab. Doch, wie bereits angedeutet, kann der Mensch nur 
acht davon bewuBt entwickeln; die anderen acht erschei- 
nen dann von selbst. 

Die Entwickelung geht in folgender Art vor sich. Der 
Mensch muB auf gewisse Seelenvorgange Aufmerksam- 
keit und Sorgfalt verwenden, die er gewohnlich sorglos 
und unaufmerksam ausfiihrt. Es gibt acht solche Vor- 
gange. Der erste ist die Art und Weise, wie man sich 
Vorstellungen aneignet. Gewohnlich uberlaBt sich in die- 
ser Beziehung der Mensch ganz dem Zufall. Er hort dies 
und das, sieht das eine und das andere und bildet sich da- 
nach seine Begriffe. Solange er so verfahrt, bleibt seine 
sechzehnblatterige Lotusblume ganz unwirksam. Erst 
wenn er seine Selbsterziehung nach dieser Richtung in 
die Hand nimmt, beginnt sie wirksam zu werden. Er muB 
zu diesem Zwecke auf seine Vorstellungen achten. Eine 
jede Vorstellung soil fur ihn Bedeutung gewinnen. Er soil 
in ihr eine bestimmte Botschaft, eine Kunde iiber Dinge 
der AuBenwelt sehen. Und er soil nicht befriedigt sein 
von Vorstellungen, die nicht eine solche Bedeutung ha- 
ben. Er soil sein ganzes Begriffsleben so lenken, daB es ein 
treuer Spiegel der AuBenwelt wird. Sein Streben soil da- 
hin gehen, unrichtige Vorstellungen aus seiner Seele zu 
entfernen. - Der zweite Seelenvorgang betrifft in einer 



ahnlichen Richtung die Entschltisse des Menschen. Er soil 
nur aus gegrtindeter, voller Uberlegung selbst zu dem 
Unbedeutendsten sich entschlieBen. Alles gedankenlose 
Handeln, alles bedeutungslose Tun soil er von seiner 
Seele fernhalten. Zu allem soil er wohlerwogene Grlinde 
haben. Und er soil unterlassen, wozu kern' bedeutsamer 
Grund drangt. - Der dritte Vorgang bezieht sich auf das 
Reden. Nur was Sinn und Bedeutung hat, soil von den 
Lippen des Geheimschlilers kommen. Alles Reden um des 
Redens willen bringt ihn von seinem Wege ab. Die ge- 
wohnliche Art der Unterhaltung, wo wahllos und bunt 
alles durcheinander geredet wird, soil der Geheimschliler 
meiden. Dabei aber soil er sich nicht etwa ausschlieBen 
von dem Verkehr mit seinen Mitmenschen. Gerade im 
. Verkehr soil sein Reden sich zur Bedeutsamkeit ent- 
wickeln. Er steht jedem Rede und Antwort, aber er tut 
es gedankenvoll, nach jeder Richtung tiberlegt. Niemals 
redet er unbegrlindet. Er versucht nicht zuviel und nicht 
zuwenig Worte zu machen. - Der vierte Seelenvorgang 
ist die Regelung des aufieren Handeins. Der Geheim- 
schliler versucht sein Handeln so einzurichten, daB es 
zu den Handlungen seiner Mitmenschen und zu den Vor- 
gangen seiner Umgebung stimmt. Er unterlaBt Hand- 
lungen, welche fur andere storend sind oder die im Wider- 
spruche stehen mit dem, was um ihn herum vorgeht. Er 
sucht sein Tun so einzurichten, daB es sich harmonisch 
eingliedert in seine Umgebung, in seine Lebenslage usw. 
Wo er durch etwas anderes veranlaBt wird zu handeln, da 
beobachtet er sorgfaltig, wie er der Veranlassung am 
besten entsprechen konne. Wo er aus sich heraus handelt, 
da erwagt er die Wirkungen seiner Handlungsweise auf 



das deutlichste. - Das fiinfte, was hierin Betracht kommt, 
liegt in der Einrichtung des ganzen Lebens. Der Geheim- 
schiiler versuchtnatur- und geistgemaB zu leben. Eriiber- 
hastet nichts und ist nicht trage. Ubergeschaftigkeit und 
Lassigkeit liegen ihm gleich feme. Er sieht das Leben 
als ein Mittel der Arbeit an und richtet sich dementspre- 
chend ein. Gesundheitspflege, Gewohnheiten usw. rich- 
tet er fur sich so ein, daB ein harmonisches Leben die 
Folge ist. - Das sechste betrifft das menschliche Streben. 
Der Geheimschiiler priift seine Fahigkeiten, sein Konnen 
und vernal t sich im Sinne solcher Selbstkenntnis. Er ver- 
sucht nichts zu tun, was auBerhalb seiner Krafte liegt; 
aber auch nichts zu unterlassen, was innerhalb derselben 
sich befindet. Anderseits stellt er sich Ziele, die mit den 
Idealen, mit den groBen Pflichten eines Menschen zusam- 
menhangen. Er fiigt sich nicht bloB gedankenlos als ein 
Rad ein in das Menschentriebwerk, sondern er sucht seine 
Aufgaben zu begreifen, iiber das Alltagliche hinauszu- 
blicken. Er strebt danach, seine Obliegenheiten immer 
besser und vollkommener zu machen. - Das siebente in 
seinem Seelenleben betrifft das Streben, moglichst viel 
vom Leben zu lernen. Nichts geht an dem Geheimschiiler 
vorbei, was ihm nicht AnlaB gibt, Erfahrung zu sammeln, 
die ihm niitzlich ist fur das Leben. Hat er etwas unrichtig 
und unvollkommen verrichtet, so wird das ein AnlaB, 
ahnliches spater richtig oder vollkommen zu machen. 
Sieht er andere handeln, so beobachtet er sie zu einem 
ahnlichen Ziele. Er versucht, sich einen reichen Schatz 
von Erfahrungen zu sammeln und ihn stets sorgfaltig zu 
Rate zu ziehen. Und er tut nichts, ohne auf Erlebnisse zu- 
.riickzublicken, die ihm eine Hilfe sein konnen bei seinen 



Entschliissen und Verrichtungen. - Das achte endlich ist: 
der Geheimschiiler muB von Zeit zu Zeit Blicke in sein 
Inneres tun; er muB sich in sich selbst versenken, sorg- 
sam mit sich zu Rate gehen, seine Lebensgrundsatze 
bilden und priifen, seine Kenntnisse in Gedanken durch- 
laufen, seine Pflichten erwagen, iiber den Inhalt und 
Zweck des Lebens nachdenken usw. Alle diese Dinge 
sind ja in den vorhergehenden Abschnitten schon bespro- 
chen worden. Hier werden sie nur aufgezahlt im Hinblick 
auf die Entwickelung der sechzehnblatterigen Lotus- 
blume. Durch ihre Ubung wird diese immer vollkomme- 
ner und vollkommener. Denn von solchen Ubungen 
hangt die Ausbildung der Hellsehergabe ab. Je mehr 
z. B. dasjenige, was ein Mensch denkt und redet, mit 
denVorgangen in der AuBenweltzusammenstimmt, desto 
schneller entwickelt sich diese Gabe. WerUnwahres denkt 
oder redet, totet etwas in dem Keime der sechzehnblatte- 
rigen Lotusblume. Wahrhaftigkeit, Aufrichtigkeit, Ehr- 
lichkeit sind in dieser Beziehung aufbauende, Liigenhaf- 
tigkeit, Falschheit, Unredlichkeit sind zerstorende Krafte. 
Und der Geheimschiiler muB wissen, daB es hierbei nicht 
allein auf die «gute Absicht», sondern auf die wirkliche 
Tat ankommt. Denke und sage ich etwas, was mit der 
Wirklichkeit nicht ubereinstimmt, so zerstore ich etwas 
in meinem geistigen Sinnesorgan, auch wenn ich dabei 
eine noch so gute Absicht zu haben glaube. Es ist wie mit 
dem Kinde, das sich verbrennt, wenn es ins Feuer greift, 
auch wenn dies aus Unwissenheit geschieht. - Die Ein- 
richtung der besprochenen Seelenvorgange in der charak- 
terisierten Richtung laBt die sechzehnblatterige Lotus- 
blume in herrlichen Farben erstrahlen und gibt ihr eine 



gesetzmaBige Bewegung. - Doch ist dabei zu beachten, 
daB die gekennzeichnete Hellsehergabe nicht friiher auf- 
treten kann, als ein bestimmter Grad von Ausbildung der 
Seele erlangt ist. Solange es noch Miihe macht, das Leben 
in dieser Richtung zu fiihren, so lange zeigt sich diese 
Gabe nicht. Solange man auf die geschilderten Vorgange 
noch besonders achten muB, ist man nicht reif. Erst wenn 
man es so weit gebracht hat, daB man in der angegebenen 
Art lebt, wie es der Mensch sonst gewohnheitsmaBig tut, 
dann zeigen sich die ersten Spuren des Hellsehens. Die 
Dinge diirfen dann nicht mehr miihevoll sein, sondern 
miissen selbstverstandliche Lebensart geworden sein. Man 
darf nicht notig haben, sich fortwahrend zu beobachten, 
sich anzutreiben, daB man so lebe. Alles muB Gewohn- 
heit geworden sein. - Es gibt gewisse Anweisungen, wel- 
che die sechzehnblatterige Lotusblume auf andere Art zur 
Entfaltung bringen. Alle solchen Anweisungen verwirft 
die wahre Geheimwissenschaft. Denn sie fiihren zur Zer- 
storung der leiblichen Gesundheit und zum moralischen 
Verderben. Sie sind leichter durchzufiihren als das Ge- 
schilderte. Dieses ist langwierig und miihevoll. Aber es 
fiihrt zu sicherem Ziele und kann nur moralisch kraftigen. 

Die verzerrte Ausbildung einer Lotusblume hat nicht 
nur Illusionen und phantastische Vorstellungen im Fall 
des Auftretens einer gewissen Hellsehergabe zur Folge, 
sondern auch Verirrungen und Haltlosigkeit im gewohn- 
lichen Leben. Man kann durch eine solche Ausbildung 
furchtsam, neidisch, eitel, hochfahrend, eigenwillig 
usw. werden, wahrend man vorher alle diese Eigen- 
schaften nicht hatte. - Es ist gesagt worden, daB acht von 
den Blattern der sechzehnblatterigen Lotusblume bereits 



in urferner Vergangenheit entwickelt waren und daB 
diese bei der Geheimschulung von selbst wieder auftreten. 
Es muB nun bei der Bestrebung des Geheimschiilers alle 
Sorgfalt auf die acht anderen Blatter verwendet werden. 
Bei verkehrter Schulung treten leicht die friiher entwik- 
kelten allein auf und die neu zu bildenden bleiben ver- 
kiimmert. Dies wird insbesondere der Fall sein, wenn bei 
der Schulung zu wenig auf logisches, verniinftiges Den- 
ken gesehen wird. Es ist von der allergroBten Wichtigkeit, 
daB der Geheimschiiler ein verstandiger, auf klares Den- 
ken haltender Mensch ist. Und von weiterer Wichtigkeit 
ist" daB er sich der groBten Klarheit befleiBigt im Sprechen. 
Menschen, die anfangen etwas vom Ubersinnlichen zu 
ahnen, werden gerniiber diese Dinge gesprachig. Dadurch 
halten sie ihre richtige Entwickelung auf. Je weniger man 
iiber diese Dinge redet, desto besser ist es. Erst wer bis zu 
einem gewissen Grade der Klarheit gekommen ist, sollte 
reden. - Im Beginne des Unterrichts sind Geheimschiiler 
in der Regel erstaunt, wie wenig «neugierig» der schon 
geistig Geschulte ist gegeniiber den Mitteilungen ihrer 
Erlebnisse. Am heilsamsten fur sie ware es eben, wenn sie 
sich iiber ihre Erlebnisse ganz ausschwiegen und weiter 
nichts besprechen wollten, als wie gut oder wie schlecht 
es ihnen gelingt, ihre Ubungen durchzufiihren oder die 
Anweisungen zu befolgen. Denn der schon geistig Ge- 
schulte hat ganz andere Quellen zur Beurteilung der Fort- 
schritte als ihre direkten Mitteilungen. Die acht in Frage 
kommenden Blatter der sechzehnblatterigen Lotusblume 
werden durch solche Mitteilungen immer etwas verhartet, 
wahrend sie weich und biegsam erhalten werden sollten. 
Es soil ein Beispiel angefiihrt werden, um das zu erlau- 



tern. Dies moge nicht vom ubersinnlichen, sondern der 
Deutlichkeit halber vom gewohnlichen Leben hergenom- 
men werden. Angenommen, ich hore eine Nachricht und 
bilde mir darliber sogleich ein Urteil. In einer kurzen Zeit 
darauf bekomme ich, liber dieselbe Sache eine weitere 
Nachricht, die mit der ersteren nicht stimmt. Ich bin da- 
durch genotigt, das schon gebildete Urteil umzubilden. 
Die Folge davon ist ein ungtinstiger EinfluB auf meine 
sechzehnblatterige Lotusblume. Ganz anders ware die 
Sache, wenn ich zuerst mit meinem Urteil zurlickhaltend 
gewesen ware, wenn ich zu der ganzen Angelegenheit in- 
nerlich in Gedanken und auBerlich in Worten «geschwie- 
gen» hatte, bis ich ganz sichere Anhaltspunkte fur mein 
Urteil gehabt hatte. Behutsamkeitim Bildenund Ausspre- 
chen von Urteilen wird allmahlich zum besonderen 
Kennzeichen des Geheimschlilers. Dagegen wachst seine 
Empfanglichkeit fur Eindrlicke und Erfahrungen, die er 
schweigsam an sich vorliberziehen laBt, um moglichst 
viele Anhaltspunkte sich zu schaffen, wenn er zu urteilen 
hat. Es sind blaulich-rotliche und rosenrote Nuancen in 
den Lotusblumenblattern, die durch solche Behutsamkeit 
auftreten, wahrend im anderen Falle dunkelrote und 
orangefarbige Nuancen auftreten. 

In einer ahnlichen Art wie die sechzehnblatterige" wird 
auch die zwolfblatterige Lotusblume, in der Nahe des 

:; ' Der Kundige wird in den Bedingimgen fiir die Entwickelung der 
«sechzehnblatterigen Lotusblume» wiedererkennen die Anweisungen, 
welche der Buddha seinen Jungern fiir den «Pfad» gegeben hat. Doch 
handelt es sich hier nicht darum, «Buddhismus» zu lehren, sondern Ent- 
wickelungsbedingungen zu schildern, die aus der Geisteswissenschaft 
selbst sich ergeben. DaB sie mit gewissen Lehren des Buddha iiberein- 
stimmen, kann nicht hindern, sie an sich fiir wahr zu finden. 



Herzens, gestaltet. Auch von ihr war die Halfte der Blat- 
ter in einem vergangenen Entwickelungszustande des 
Menschen bereits vorhanden und in Tatigkeit. Diese sechs 
Blatter brauchen daher bei der Geheimschulung nicht be- 
sonders ausgebildet zu werden; sie erscheinen von selbst 
und beginnen sich zu drehen, wenn an den anderen sechs 
gearbeitet wird. - Wieder muB, um diese Entwickelung 
zu fordern, der Mensch gewissen Seelentatigkeiten in 
bewuBter Weise eine bestimmte Richtung geben. 

Man muB sich nun klarmachen, daB die Wahrneh- 
mungen der einzelnen geistigen oder Seelensinne einen 
verschiedenen Charakter tragen. Die Lotusblume mit 
zwolf Blattern vermittelt eine andere Wahrnehmung als 
die sechzehnblatterige. Diese letztere nimmt Gestalten 
wahr. Die Gedankenart, die eine Seele hat, die Gesetze, 
nach denen eine Naturerscheinung sich vollzieht, treten 
fur die sechzehnblatterige Lotusblume in Gestalten auf. 
Das sind aber nicht starre, ruhige Gestalten, sondern be- 
wegte, mit Leben erftillte Formen. Der Hellseher, bei 
dem sich dieser Sinn entwickelt hat, kann fur jede Ge- 
dankenart, fur jedes Naturgesetz eine Form nennen, in 
denen sie sich auspragen. Ein Rachegedanke z. B. kleidet 
sich in eine pfeilartige, zackige Figur, ein wohlwollen- 
der Gedanke hat oft die Gestalt einer sich offnenden 
Blume usw. Bestimmte, bedeutungsvolle Gedanken 
sind regelmaBig, symmetrisch gebildet, unklare Begriffe 
haben gekrauselte Umrisse. - Ganz andere Wahrneh- 
mungen treten durch die zwolfblatterige Lotusblume 
zutage. Man kann die Art dieser Wahrnehmungen an- 
nahernd charakterisieren, wenn man sie als Seelenwarme 
und Seelenkalte bezeichnet. Ein mit diesem Sinn aus- 



gestatteter Hellseher flihlt von den Figuren, die er durch 
die sechzehnblatterige Lotusblume wahrnimmt, solche 
Seelenwarme oder Seelenkalte .ausstromen. Man stelle 
sich einmal vor, ein Hellseher hatte nur die sechzehn- 
blatterige, nicht aber die zwolfblatterige Lotusblume ent- 
wickelt. Dann wlirde er bei einem wohlwollenden Ge- 
danken nur die oben beschriebene Figur sehen. Ein ande- 
rer, der beide Sinne ausgebildet hat, bemerkt auch noch 
diejenige Ausstromung dieses Gedankens, die man eben 
nur mit Seelenwarme bezeichnen kann. - Nur nebenbei 
soil bemerkt werden, daB in der Geheimschulung nie der 
eine Sinn ohne den anderen ausgebildet wird, so daB das 
obige nur als eine Annahme zur Verdeutlichung anzu- 
sehen ist. - Dem Hellseher eroffnet sich durch die Aus- 
bildung der zwolfblatterigen Lotusblume auch ein tiefes 
Verstandnis fur Naturvorgange. Alles, was auf ein Wach- 
sen, Entwickeln begrtindet ist, stromt Seelenwarme aus; 
alles, was in Vergehen, Zerstorung, Untergang begriffen 
ist, tritt mit dem Charakter der Seelenkalte auf. 

Die Ausbildung dieses Sinnes wird auf folgende Art 
gefordert. Das erste, was in dieser Beziehung der Geheim- 
schtiler beobachtet, ist die Regelung seines Gedanken- 
laufes (die sogenannte Gedankenkontrolle). So wie die 
sechzehnblatterige Lotusblume durch wahre, bedeutungs- 
volle Gedanken zur Entwickelung kommt, so die zwolf- 
blatterige durch innere Beherrschung des Gedanken- 
verlaufes. Irrlichtelierende Gedanken, die nicht in sinn- 
gemaBer, logischer Weise, sondern rein zufallig anein- 
andergeftigt sind, verderben die Form dieser Lotusblume. 
Je mehr ein Gedanke aus dem anderen folgt, je mehr 
allem Unlogischen aus dem Wege gegangen wird, desto 



mehr erhalt dieses Sinnesorgan die ihm entsprechende 
Form. Hort der Geheimschiiler unlogische Gedanken, so 
laBt er sich sogleich das Richtige durch den Kopf gehen. 
Er soil nicht lieblos sich einer vielleicht unlogischen Um- 
gebung entziehen, urn seine Entwickelung zu fordern. Er 
soil auch nicht den Drang in sich fiihlen, alles Unlogische 
in seiner Umgebung sofort zu korrigieren. Er wird viel- 
mehr ganz still in seinem Innern die von auBen auf ihn 
einstiirmenden Gedanken in eine logische, sinngemaBe 
Richtung bringen. Und er bestrebt sich, in seinen eigenen 
Gedanken iiberall diese Richtung einzuhalten. - Ein 
zweites ist, eine ebensolche Folgerichtigkeit in sein Han- 
deln zu bringen (Kontrolle der Handlungen). Alle Un- 
bestandigkeit, Disharmome im Handeln gereichen der in 
Rede stehenden Lotusblume zum Verderben. Wenn der 
Geheimschiiler etwas getan hat, so richtet er sein folgen- 
des Handeln danach ein, daB es in logischer Art aus dem 
ersten folgt. Wer heute im anderen Sinn handelt als 
gestern, wird nie den charakterisierten Sinn entwickeln. - 
Das dritte ist die Erziehung zur Ausdauer. Der Geheim- 
schiiler laBt sich nicht durch diese oder jene Einflusse von 
einem Ziel abbringen, das er sich gesteckt hat, solange er 
dieses Ziel als ein richtiges ansehen kann. Hindernisse 
sind fur ihn eine Aufforderung, sie zu iiberwinden, aber 
keine Abhaltungsgriinde. - Das vierte ist die Duldsam- 
keit (Toleranz) gegeniiber Menschen, anderen Wesen 
und auch Tatsachen. Der Geheimschiiler unterdriickt alle 
uberflussige Kritik gegeniiber dem Unvollkommenen, 
Bosen und Schlechten und sucht vielmehr alles zu be- 
greifen, was an ihn herantritt. Wie die Sonne ihr Licht 
nicht dem Schlechten und Bosen entzieht, so er nicht seine 



verstandnisvolle Anteilnahme. Begegnet dem Geheim- 
schliler irgendein Ungemach, so ergeht er sich nicht in 
abfalligen Urteilen, sondern er nimmt das Notwendige 
hin und sucht, soweit seine Kraft reicht, die Sache zum 
Guten zu wenden. Andere Meinungen betrachtet er nicht 
nur von seinem Standpunkte aus, sondern er sucht sich 
in die Lage des anderen zu versetzen. - Das-ftinfte ist die 
Unbefangenheit gegenliber den Erscheinungen des Le- 
bens. Man spricht in dieser Beziehung auch von dem 
«Glauben» oder «Vertrauen». Der Geheimschuler tritt 
jedem Menschen, jedem Wesen mit diesem Vertrauen 
entgegen. Und er erftillt sich bei seinen Handlungen mit 
solchem Vertrauen. Er sagt sich nie, wenn ihm etwas mit- 
geteilt wird: das glaube ich nicht, weil es meiner bis- 
herigen Meinung widerspricht. Er ist vielmehr in jedem 
Augenblicke bereit, seine Meinung und Ansicht an einer 
neuen zu prlifen und zu berichtigen. Er bleibt immer 
empfanglich fur alles, was an ihn herantritt. Und er ver- 
traut auf die Wirksamkeit dessen, was er unternimmt. 
Zaghaftigkeit und Zweifelsucht verbannt er aus seinem 
Wesen. Hat er eine Absicht, so hat er auch den Glauben 
an die Kraft dieser Absicht. Hundert MiBerfolge konnen 
ihm diesen Glauben nicht nehmen. Es ist dies jener 
«Glaube, der Berge zu versetzen vermag». - Das sechste 
ist die Erwerbung eines gewissen Lebensgleichgewichtes 
(Gleichmutes). Der Geheimschuler strebt an, seine gleich- 
maBige Stimmung zu erhalten, ob ihn Leid, ob ihn Er- 
freuliches trifft. Das Schwanken zwischen «himmelhoch- 
jauchzend, zu Tode betrubt» gewohnt er sich ab. Das 
Ungltick, die Gefahr finden ihn ebenso gewappnet wie 
das Gllick, die Forderung. 



Die Leser von geisteswissenschaftlichen Schriften fin- 
den das Geschilderte als die sogenannten «sechs Eigen- 
schaften» aufgezahlt, welche der bei sich entwickeln muB, 
der die Einweihung anstrebt. Hier sollte ihr Zusammen- 
hang mit dem seelischen Sinne dargelegt werden, welcher 
die zwolfblatterige Lotusblume genannt wird. - Die Ge- 
heimschulung vermag wieder besondere Anweisungen zu 
geben, welche diese Lotusblume zum Reifen bringen, 
aber auch hier hangt die Ausbildung der regelmaBigen 
Form dieses Sinnesorganes an der Entwickelung der auf- 
gezahlten Eigenschaften. Wird diese Entwickelung auBer 
acht gelassen, dann gestaltet sich dieses Organ zu einem 
Zerrbilde. Und es konnen dadurch bei Ausbildung einer 
gewissen Hellsehergabe in dieser Richtung die genannten 
Eigenschaften sich statt zum Guten zum Schlechten wen- 
den. Der Mensch kann besonders unduldsam, zaghaft, 
ablehnend gegen seine Umgebung werden. Er kann z. B. 
eine Empfindung erhalten fur Gesinnungen anderer 
Seelen und diese deswegen fliehen oder hassen. Es kann 
so weit kommen, daB er wegen der Seelenkalte, die 
ihn bei Ansichten uberstromt, welche ihm widerstreben, 
gar nicht zuhoren kann oder in abstoBender Art sich 
gebardet. 

Kommt zu allem Gesagten noch die Beobachtung ge- 
wisser Vorschriften hinzu, welche Geheimschuler von 
Geheimlehrern nur mundlich empfangen konnen, so tritt 
eine entsprechende Beschleunigung in der Entwickelung, 
der Lotusblume ein. Doch ftihren die hier gegebenen An- 
weisungen durchaus in die wirkliche Geheimschulung 
ein. Ntitzlich aber ist auch fur den, der nicht eine Geheim- 
schulung durchmachen will oder kann, die Einrichtung 



des Lebens in der angegebenen Richtung. Denn die Wir- 
kung auf den Seelenorganismus tritt auf alle Falle ein, 
wenn auch langsam. Und fur den Geheimschuler ist die 
Beobachtung dieser Grundsatze unerlaBlich. - Wiirde er 
eine Geheimschulung versuchen, ohne sie einzuhalten, so 
konnte er nur mit mangelhaftem Gedankenauge in die 
hoheren Welten eintreten; und statt die Wahrheit zu er- 
kennen, wiirde er dann nur Tauschungen und Illusionen 
unterworfen sein. Er wiirde in einer gewissen Beziehung 
hellsehend werden; aber im Grunde nur groBerer Blind- 
heit unterliegen als vorher. Denn ehedem stand er wenig- 
stens innerhalb der Sinnenwelt fest und hatte an ihr einen 
bestimmten Halt; jetzt aber sieht er hinter die Sinnenwelt 
und wird an dieser irre, bevor er sicher in einer hoheren 
Welt steht. Er kann dann vielleicht iiberhaupt nicht mehr 
Wahrheit von Irrtum unterscheiden und verliert alle 
Richtung im Leben. - Gerade aus diesem Grunde ist Ge- 
duld so notig in diesen Dingen. Man muB immer beden- 
ken, daB die Geisteswissenschaft nicht weiter mit ihren 
Anweisungen gehen darf, als voile Willigkeit zu einer 
geregelten Entwickelung der «Lotusblumen» vorliegt. Es 
wiirden sich wahre Zerrbilder dieser Blumen entwickeln, 
wenn sie zur Reife gebracht wiirden, bevor sie in ruhiger 
Weise die ihnen zukommende Form erlangt haben. Denn 
die speziellen Anweisungen der Geisteswissenschaft 
bewirken das Reifwerden, die Form aber wird durch 
die geschilderte Lebensart ihnen gegeben. 

Von besonders feiner Art ist die Seelenpflege, die zur 
Entwickelung der zehnblatterigen Lotusblume notwen- 
dig ist. Denn hier handelt es sich darum, die Sinnes- 
eindrlicke selbst in bewuBter Weise beherrschen zu ler- 



nen. Fur den angehenden Hellseher ist das ganz beson- 
ders notig. Nur dadurch vermag er einen Quell zahlloser 
Illusionen und geistiger Willkurlichkeiten zu vermeiden. 
Der Mensch macht sich gewohnlich gar nicht klar, von 
welchen Dingen seine Einfalle, seine Erinnerungen be- 
herrscht sind und wodurch sie hervorgerufen werden. 
Man nehme folgenden Fall an. Jemand fahrt in der Eisen- 
bahn. Er ist mit einem Gedanken beschaftigt. Plotzlich 
nimmt sein Gedanke eine ganz andere Wendung. Er erin- 
nert sich an ein Erlebnis, das er vor Jahren gehabt hat, 
und verspinnt es mit seinen gegenwartigen Gedanken. Er 
hat nun aber gar nicht bemerkt, daB sein Auge zum Fen- 
ster hinausgerichtet und der Blick auf eine Person gerich- 
tet war, welche Ahnlichkeit hatte mit einer anderen, die 
in das erinnerte Erlebnis hineinverwickelt war. Was er 
gesehen hat, kommt ihm gar nicht zum BewuBtsein, son- 
dern nur die Wirkung. So glaubt er, daB ihm die Sache 
«von selbst eingefallen» sei. Wieviel im Leben kommt 
nicht auf solche Art zustande. Wie spielen in unser Leben 
Dinge hinein, die wir erfahren und gelesen haben, ohne 
daB man sich den Zusammenhang ins BewuBtsein 
bringt. Jemand kann z. B. eine bestimmte Farbe nicht 
leiden; er weiB aber gar nicht, daB dies deshalb der Fall 
ist, weil der Lehrer, der ihn vor vielen Jahren gequalt hat, 
einen Rock in dieser Farbe gehabt hat. Unzahlige Illusio- 
nen beruhen auf solchen Zusammenhangen. Viele Dinge 
pragen sich der Seeleein, ohne daB sie auch dem BewuBt- 
sein einverleibt werden. Es kann folgender Fall Vorkom- 
men. Jemand liest in der Zeitung von dem Tode einer 
bekannten Personlichkeit. Und nun behauptet er ganz 
fest, er habe diesen Todesfall schon «gestern» voraus- 



geahnt, obgleich er nichts gehort und gesehen habe, was 
ihn auf diesen Gedanken hatte bringen konnen. Und es 
ist wahr, wie «von selbst» ist ihm «gestern» der Gedanke 
aufgetaucht: die betreffende Person werde sterben. Er hat 
nur eines nicht beachtet. Er ist ein paar Stunden, bevor 
ihm «gestern» der Gedanke aufgestoBen ist, bei einem 
Bekannten zu Besuch gewesen. Auf dem Tisch lag ein 
Zeitungsblatt. Er hat darin nicht gelesen. Aber unbewuBt 
fiel doch sein Auge auf die Nachricht von der schweren 
Erkrankung der in Rede stehenden Personlichkeit. Des 
Eindruckes ist er sich nicht bewuBt geworden. Aber die 
Wirkung war die «Ahnung». - Wenn man sich solche 
Dinge uberlegt, so kann man ermessen, was flir eine 
Quelle von Illusionen und Phantastereien in solchen Ver- 
haltnissen liegt. Und diese Quelle muB derjenige ver- 
stopfen, der seine zehnblatterige Lotusblume ausbilden 
will. Denn durch diese Lotusblume kann man tief verbor- 
gene Eigenschaften an Seelen wahrnehmen. Aber Wahr- 
heit ist diesen Wahrnehmungen nur dann beizumessen, 
wenn man von den gekennzeichneten Tauschungen ganz 
frei geworden ist. Es ist zu diesemZwecke notwendig, daB 
man sich zum Herrn iiber das macht, was von der AuBen- 
welt auf einen einwirkt. Man muB es dahin bringen, daB 
Eindriicke, die man nicht empfangen will, man auch wirk- 
lich nicht empfangt. Solch eine Fahigkeit kann nur durch 
ein starkes Innenleben herangezogen werden. Man muB 
es in den Willen bekommen, daB man nur die Dinge auf 
sich wirken laBt, auf die man die Aufmerksamkeit wen- 
det, und daB man sich Eindriicken wirklich entzieht, an 
die man sich nicht willkiirlich wendet. Was man sieht, 
muB man sehen wollen; und worauf man keine Aufmerk- 



samkeit wendet, muB tatsachlich fiir einen nicht da sein. 
Je lebhafter, energischer die innere Arbeit der Seele wird, 
desto mehr wird man das erreichen. - Der Geheimschiiler 
muB alles gedankenlose Herumschauen und Herumhoren 
vermeiden. Fiir ihn soil nur da sein, worauf er Ohr oder 
Auge richtet. Er muB sich darin iiben, daB er im groBten 
Trubel nichts zu horen braucht, wenn er nicht horen will; 
er soil sein Auge unempfanglich machen fiir Dinge, auf 
die er nicht besonders hinschaut. Wie mit einem seeli- 
schen Panzer muB er umgeben sein fiir alle unbewuBten 
Eindriicke. - Besonders auf das Gedankenleben selbst 
muB er nach dieser Richtung hin Sorgfalt verwenden. Er 
setzt sich einen Gedanken vor, und er versucht nur das 
weiterzudenken, was er ganz bewuBt, in volliger Freiheit, 
an diesen Gedanken angliedern kann. Beliebige Einfalle 
weist er ab. Will er den Gedanken mit irgendeinem an- 
dern in Beziehung setzen, so besinnt er sich sorgfaltig, wo 
dieser andere an ihn herangetreten ist. - Er geht noch 
weiter. Wenn er z. B. eine bestimmte Antipathie ge- 
gen irgend etwas hat, so bekampft er sie und sucht eine 
bewufite Beziehung zu dem betreffenden Dinge herzu- 
stellen. Auf diese Art mischen sich immer weniger un- 
bewuBte Elemente in sein Seelenleben hinein. Nur durch 
solche strenge Selbstzucht erlangt die zehnblatterige Lo- 
tusblume die Gestalt, die sie haben sollte. Das Seelenleben 
des Geheimschiilers muB ein Leben in Aufmerksamkeit 
werden, und worauf man keine Aufmerksamkeit verwen- 
den will oder soil, das muB man sich wirklich fernzuhal- 
ten wissen. - Tritt zu einer solchen Selbstzucht eine Me- 
ditation, welche den Anweisungen der Geisteswissen- 
schaft entspricht, dann kommt die in der Gegend der 



'Magengrube befindliche Lotusblume in der richtigen 
Weise zum Reifen, und das, was durch die vorher geschil- 
derten geistigen Sinnesorgane nur Form und Warme 
hatte, erhalt geistig Licht und Farbe. Und dadurch ent- 
htillen sich z. B. Talente und Fahigkeiten von Seelen, 
Krafte und verborgene Eigenschaften in der Natur. Die 
Farbenaura der belebten Wesen wird dadurch sichtbar; 
das, was um uns ist, klindigt dadurch seine seelenhaften 
Eigenschaften an. - Man wird zugeben, daB gerade in der 
Entwickelung auf diesem Gebiete die allergroBte Sorgfalt 
notwendig ist, denn das Spiel unbewuBter Erinnerungen 
ist hier ein unermeBlich reges. Ware das nicht der Fall, 
so wiirden viele Menschen gerade den hier in Frage kom- 
menden Sinn haben, denn er tritt fast sogleich auf, wenn 
der Mensch wirklich die Eindrticke seiner Sinne ganz und 
gar so in seiner Gewalt hat, daB sie nur mehr seiner Auf- 
merksamkeit oder Unaufmerksamkeit unterworfen sind. 
Nur 'solange die Macht der auBeren Sinne diesen seeli- 
schen Sinn in Dampfung und Dumpfheit erhalt, bleibt 
er unwirksam. ' 

Schwieriger als die Ausbildung der beschriebenen Lo- 
tusblume ist diejenige der sechsblatterigen. welche sich in 
der Korpermitte befindet. Denn zu dieser Ausbildung 
muB die vollkommene Beherrschung des ganzen Men- 
schen durch das SelbstbewuBtsein angestrebt werden, so 
daB bei ihm Leib, Seeleund Geist in einer vollkommenen 
Harmonie sind. Die Verrichtungen des Leibes, die Nei- 
gungen und Leidenschaften der Seele, die Gedanken und 
Ideen des Geistes mtissen in einen vollkommenen Ein- 
klang miteinander gebracht werden. Der Leib muB so ver- 
edelt und gelautert werden, daB seine Organe zu nichts 



drangen, was nicht im Dienste der Seele und des Geistes 
geschieht. Die Seele soil durch den Leib nicht zu Begier- 
den und Leidenschaften gedrangt werden, die einem rei- 
nen und edlen Denken widersprechen. Der Geist aber soil 
nicht wie ein Sklavenhalter mit seinen Pflichtgeboten 
und Gesetzen iiber die Seele herrschen mlissen; sondern 
diese soil aus eigener freier Neigung den Pflichten und 
Geboten folgen. Nicht wie etwas, dem er sich wider- 
willig ftigt, soil die Pflicht tiber dem Geheimschuler 
schweben, sondern wie etwas, das er vollftihrt, weil er es 
liebt. Eine freie Seele, die im Gleichgewichte zwischen 
Sinnlichkeit und Geistigkeit steht, muB 'der Geheimschu- 
ler entwickeln. Er muB es dahin bringen, daB er sich sei- 
ner Sinnlichkeit tiberlassen darf, weil diese so gelautert 
ist, daB sie die Macht verloren hat, ihn zu sich herabzu-' 
ziehen. Er soil es nicht mehr notig haben, seine Leiden- 
schaften zu ztigeln, weil diese von selbst dem Rechten 
folgen. Solange der Mensch es notig hat, sich zu kasteien, 
kann er nicht Geheimschuler auf einer gewissen Stufe 
sein. Eine Tugend, zu der man sich erst zwingen muB, ist 
fur die Geheimschulerschaft noch wertlos. Solange man 
eine Begierde noch hat, stort diese die Schlilerschaft, auch 
wenn man sich bemliht, ihr nicht zu willfahren. Und es 
ist einerlei, ob diese Begierde mehr dem Leibe oder 
mehr der Seele angehort. Wenn jemand z. B. ein be- 
stimmtes Reizmittel vermeidet, um durch die Entziehung 
des Genusses sich zu lautern, so hilft ihm dies nur dann, 
wenn sein Leib durch diese Enthaltung keine Beschwer- 
den erleidet. Ist letzteres der Fall, so zeigt es, daB der Leib 
das Reizmittel begehrt, und die Enthaltung ist wertlos. In 
diesem Falle kann es eben durchaus sein, daB der Mensch 



zunachst auf das angestrebte Ziel verzichten muB und 
warten, bis gunstigere sinnliche Verhaltnisse - vielleicht 
erst in einem anderen Leben - fur ihn vorliegen. Ein ver- 
nlinftiger Verzicht ist in einer gewissen Lage eine viel 
groBere Errungenschaft als das Erstreben einer Sache, die 
unter gegebenen Verhaltnissen eben nicht zu erreichen 
ist. Ja, es fordert solch ein vernunftiger Verzieht die 
Entwickelung mehr als das Entgegengesetzte. 

Wer die sechsblatterige Lotusblume entwickelt hat, der 
gelangt zum Verkehr mit Wesen, die den hoheren Welten 
angehoren, jedoch nur dann, wenn deren Dasein sich in 
der Seelenwelt zeigt. Die Geheimschulung empfiehlt aber 
nieht eine Entwickelung dieser Lotusblume, bevor der 
Schtiler nicht auf dem Wege weit vorgeschritten ist, durch 
den er seinen Geist in eine noch hohere Welt erheben 
kann. Dieser Eintritt in die eigentliche Geisteswelt muB 
namlich immer die Ausbildung der Lotusblumen beglei- 
ten. Sonst gerat der Schtiler in Verwirrung und Unsicher- 
heit, Er wiirde zwar sehen lernen, aber es fehlte ihm die 
Fahigkeit, das Gesehene in der richtigen Weise zu beurtei- 
len. - Nun liegt schon in dem, was zur Ausbildung der 
sechsblatterigen Lotusblume verlangt wird, eine gewisse 
Btirgschaft gegen Verwirrung und Haltlosigkeit. Denn 
nicht leicht wird jemand in diese Verwirrung zu bringen' 
sein, der das vollkommene Gleichgewicht zwischen Sinn- 
lichkeit (Leib), Leidenschaft (Seele) und Idee (Geist) er- 
langt hat. Dennoch ist noch mehr notwendig als diese 
Btirgschaft, wenn durch Entwickelung der sechsblatteri- 
gen Lotusblume dem Menschen Wesen mit Leben und 
Selbstandigkeit wahrnehmbar werden, welche einer Weit 
angehoren, die von derjenigen seiner physischen Sinne so 



durchaus verschieden ist. Um Sicherheit in diesen Wehen 
zu haben, geniigt ihm nicht das Ausbilden der Lotusblu- 
men, sondern er muB da noch hohere Organe zu seiner 
Verfiigung haben. Es soil nun iiber die Entwickelung die- 
ser noch hoheren Organe gesprochen werden; dann kann 
auch von den anderen Lotusblumen und der anderweiti- 
gen Organisation des Seelenleibes" die Rede sein. 

Die Ausbildung des Seelenleibes, wie sie eben geschil- 
dert worden ist, macht dem Menschen moglich, iibersinn- 
liche Erscheinungen wahrzunehmen. Wer sich aber in 
dieser Welt wirklich zurechtfinden will, der darf nicht auf 
dieser Stufe der Entwickelung stehenbleiben. Die bloBe 
Beweglichkeit der Lotusblumen geniigt nicht. Der Mensch 
muB in der Lage sein, die Bewegung seiner geistigen Or- 
gane selbstandig, mit vollem BewuBtsein zu regeln und 
zu beherrschen. Er wiirde sonst ein Spielball auBerlicher 
Krafte und Machte werden. Soil er das nicht werden, so 
muB er sich die Fahigkeit erwerben, das sogenannte «in- 
nere Wort» zu vernehmen. Um dazu zu kommen, muB 
nicht nur der Seelenleib, sondern auch der Atherleib ent- 
wickelt werden. Es ist dies jener feine Leib, der sich flir 
den Hellseher als eine Art Doppelganger des physischen 
Korpers zeigt. Er ist gewissermaBen eine Zwischenstufe 

* Es ist selbstverstandlich, daB, dem Wortsinne nach, der Ausdruck 
«Seelenleil» (wie mancher ahnliche der Geisteswissenschaft) einen 
Widerspruch enthalt. Doch wird dieser Ausdruck gebraucht, weil das 
hellseherische Erkennen etwas wahrnimmt, was so im Geistigen erlebt 
wird, wie im Physischen der Leib wahrgenommen wird. 



zwischen diesem Korper und demSeelenleib.* 1st man mit 
hellseherischen Fahigkeiten begabt, so kann man sich mit 
vollem BewuBtsein den physischen Korper eines Men- 
schen, der vor einem steht, absuggerieren. Es ist das auf 
einer hoheren Stufe nichts anderes als eine Ubung der 
Aufmerksamkeit auf einer niedrigeren. So wie der Mensch 
seine Aufmerksamkeit von etwas, das vor ihm ist, ablen- 
ken kann, so daB es ftir ihn nicht da ist, so vermag der 
Hellseher einen physischen Korper ftir seine Wahrneh- 
mung ganz auszuloschen, so daB er fiir ihn physisch ganz 
durchsichtig wird. Vollfiihrt er das mit einem Menschen, 
der vor ihm steht, dann bleibt vor seinem seelischen Auge 
noch der sogenannte Atherleib vorhanden, auBer dem 
Seelenleibe, der groBer als beide ist und der auch beide 
durchdringt. Der Atherleib hat anndhern d die GroBe und 
Form des physischen Leibes, so daB er ungefahr auch den- 
selben Raum ausfiillt, den auch der physische Korper ein- 
nimmt. Er ist ein auBerst zart und fein organisiertes Ge- 
bilde.?" Seine Grundfarbe ist eine andere als die im Re- 
genbogen enthaltenen sieben Farben. Wer ihn beobach- 
ten kann, lernt eine Farbe kennen, die fiir die sinnliche 
Beobachtung eigentlich gar nicht vorhanden ist. Sie laBt 
sich am ehesten mit der Farbe der jungen Pfirsichbliite 
vergleichen. Will man den Atherleib ganz allein fiir sich 
betrachten, so muB man auch die Erscheinung des Seelen- 

* Man vergleiche zu dieser Darstellimg die Schildenmg in des Ver- 
fassers «Theosophie». 

:; "* : " Den Physiker bitte ich, sich an dem Ausdruck «Atherleib» nicht 
zu stoBen. Mit dem Worte «Ather» soil nur die Feinheit des in Betracht 
kommenden Gebildes angedeutet werden. Mit dem «Ather» der physika- 
lischen Hypothesen braucht das hier Angefiihrte zunachst gar nicht zu- 
sammengebracht zu werden. 



leibes fur die Beobachtung ausloschen durch eine ahnlich 
geartete Ubung der Aufmerksamkeit wie die oben ge- 
kennzeichnete. Tut man dies nicht, dann verandert sich 
der Anblick des Atherleibes durch den ihn ganz durch- 
dringenden Seelenleib. 

Nun sind beim Menschen die Teilchen des Atherleibes 
in einer fortwahrenden Bewegung. Zahllose Stromungen 
durchziehen ihn nach alien Seiten. Durch diese Stromun- 
gen wird das Leben unterhalten und geregelt. Jeder Kor- 
per, der lebt, hat einen solchen Atherleib. Die Pflanzen 
und die Tiere haben ihn auch. Ja, selbst bei den Minera- 
lien sind Spuren fur den aufmerksamen Beobachter wahr- 
nehmbar. - Die genannten Stromungen und Bewegungen 
sind zunachst von dem Willen und BewuBtsein des Men- 
schen ganz unabhangig, wie die Tatigkeit des Herzens 
oder Magens im phy sischen Korper von der Willkur nicht 
abhangig ist. - Und solange der Mensch seine Ausbildung 
im Sinne der Erwerbung tibersinnlicher Fahigkeiten nicht 
in die Hand nimmt, bleibt diese Unabhangigkeit auch be- 
stehen. Denn gerade darin besteht die hohere Entwicke- 
lung auf einer gewissen Stufe, daB zu den vom BewuBt- 
sein unabhangigen Stromungen und Bewegungen des 
Atherleibes solche hinzutreten, welche der Mensch in 
.bewuBter Weise selbst bewirkt. 

Wenn die Geheimschulung so weit gekommen ist, daB 
die in den vorhergehenden Abschnitten gekennzeichne- 
ten Lotusblumen sich zu bewegen beginnen, dann hat der 
Schtiler auch bereits manches von dem vollzogen, was zur 
Hervorrufung ganz bestimmter Stromungen und Bewe- 
gungen in seinem Atherkorper ftihrt. Der Zweck dieser 
Entwickelung ist, daB sich in der Gegend des physischen 



Herzens eine Art Mittelpunkt bildet, von dem Stromun- 
gen und Bewegungen in den mannigfaltigsten geistigen 
Farben und Formen ausgehen. Dieser Mittelpunkt ist in 
Wirklichkeit kein bloBer Punkt, sondern ein ganz kom- 
pliziertes Gebilde, ein wunderbares Organ. Es leuchtet 
und schillert geistig in den allerverschiedensten Farben 
und zeigt Formen von groBer RegelmaBigkeit, die sich mit 
Schnelligkeit verandern konnen. Und weitere Formen und 
Farbenstromungen laufen von diesem Organ nach den Tei- 
len des iibrigen Korpers und auch noch iiber diesen hinaus, 
indem sie den ganzen Seelenleib durchziehen und durch- 
leuchten. Die wichtigsten dieser Stromungen aber gehen 
zu den Lotusblumen. Sie durchziehen die einzelnen Blat- 
ter derselben und regeln ihre Drehung; dann stromen sie 
an den Spitzen der Blatter nach auBen, um sich im auBe- 
ren Raum zu verlieren. Je entwickelter ein Mensch ist, 
desto groBer wird der Umkreis, in dem sich diese Stro- 
mungen verbreiten. 

In einer besonders nahen Beziehung steht die zwolf- 
blatterige Lotusblume zu dem geschildertenMittelpunkte. 
In sie laufen unmittelbar die Stromungen ein. Und durch 
sie hindurch gehen auf der einen Seite Stromungen zu der 
sechzehnblatterigen und der zweiblatterigen, auf der an- 
deren (unteren) Seite zu den acht-, sechs- und vierblatte- 
rigen Lotusblumen. In dieser Anordnung liegt der Grund, 
warum auf die Ausbildung der zwolfblatterigen Lotus- 
blume bei der Geheimschulung eine ganz besondere Sorg- 
falt verwendet werden muB. Wiirde hier etwas verfehlt, 
so miiBte die ganze Ausbildung des Apparates eine un- 
ordentliche sein. - Man kann aus dem Gesagten ermes- 
sen, von wie zarter und intimer Art die Geheimschulung 



ist und wie genau man vorgehen muB, wenn alles in ge- 
horiger Weise sich entwickeln soil. Ohne weiteres ist hier- 
aus auch ersichtlich, daB nur derj enige liber Anweisung 
zur Ausbildung tibersinnlicher Fahigkeiten reden kann, 
der alles, was er an einem anderen ausbilden soil, selbst 
an sich erfahren hat und der vollkommen in der Lage ist 
zu erkennen, ob seine Anweisungen auch zu dem ganz 
richtigen Erfolge flihren. 

Wenn der Geheimschuler das ausftihrt, was ihm durch 
die Anweisungen vorgeschrieben wird, dann bringt er sei- 
nem Atherleib solche Stromungen und Bewegungen bei, 
welche in Harmonie stehen mit den Gesetzen und der 
Entwickelung der Weh, zu welcher der Mensch gehort. 
Daher sind die Anweisungen stets' ein Abbild der groBen 
Gesetze der Weltentwickelung. Sie bestehen in den er- 
wahntenund ahnlichen Meditations- und Konzentrations- 
ubungen, welche, gehorig angewendet, die geschilderten 
Wirkungen haben. Der Geistesschuler rnuf in gewissen 
Zeiten seine Seele ganz mit dem Inhalte der Ubungen 
durchdringen, sich innerlich gleichsam ganz damit ausflil- 
len. Mit Einfachem beginnt es, was vor allem geeignet ist, 
das verstandige und vernunftige Denken des Kopfes zu 
vertiefen, zu verinnerlichen. Dieses Denken wird dadurch 
frei und unabhangig gemacht von alien sinnlichen Ein- 
drticken und Erfahrungen. Es wird gewissermaBen in 
einen Punkt zusammengefaBt, welchen der Mensch ganz 
in seiner Gewalt hat. Dadurch wird ein vorldufigerMit- 
telpunkt geschaffen fur die Stromungen des Atherleibes. 
Dieser Mittelpunkt ist zunachst noch nicht in der Herz- 
gegend, sondern im Kopfe. Dem Hellseher zeigt er sich 
dort als Ausgangspunkt von Bewegungen. - Nur eine 



solche Geheimschulung hat den vollen Erfolg, welche 
zuerst diesen Mittelpunkt schafft. Wiirde gleich vom An- 
fang an der Mittelpunkt in die Herzgegend verlegt, so 
konnte der angehende Hellseher zwar gewisse Einblicke 
in die hoheren Wehen tun; er konnte aber keine richtige 
Einsicht in den Zusammenhang dieser hoheren Wehen 
mit unserer sinnlichen gewinnen. Und dies ist fiir den 
Menschen auf der gegenwartigen Stufe der Weltentwicke- 
lung eine unbedingte Notwendigkeit. Der Hellseher darf 
nicht zum Schwarmer werden; er mufi den festen Boden 
unter den FiiBen behalten. 

Der Mittelpunkt im Kopfe wird dann, wenn er geho- 
rig befestigt ist, weiter nach unten verlegt, und zwar in die 
Gegend des Kehlkopfes. Das wird im weiteren Anwen- 
den der Konzentrationsiibungen bewirkt. Dann strahlen 
die charakterisierten Bewegungen des Atherleibes von 
dieser Gegend aus. Sie erleuchten den Seelenraum in 
der Umgebung des Menschen. 

Ein weiteres Uben befahigt den Geheimschiiler, die 
Lage seines Atherleibes selbst zu bestimmen. Vorher ist 
diese Lage von den Kraften abhangig, die von auBen kom- 
men und vom physischen Korper ausgehen. Durch die 
weitere Entwickelung wird der Mensch imstande, den 
.Atherleib nach alien Seiten zu drehen. Diese Fahigkeit 
wird durch Stromungen bewirkt, welche ungefahr langs 
der beiden Hande verlaufen und die ihren Mittelpunkt in 
der zweiblatterigen Lotusblume in der Augengegend 
haben. Alles dies kommt dadurch zustande, daB sich die 
Strahlungen, die vom Kehlkopf ausgehen, zu runden For- 
men gestalten, von denen eine Anzahl zu der zweiblatte- 
rigen Lotusblume hingehen, um von da aus als wellige 



Stromungen den Weg langs der Hande zu nehmen. - Eine 
weitere Folge besteht darin, daB sich diese Strome in der 
feinsten Art verasteln und verzweigen und zu einer Art 
Geflecht werden, das wie ein Netzwerk (Netzhaut) zur 
Grenze des ganzen Atherleibes sich umbildet. Wahrend 
dieser vorher nach auBen keinen AbschluB hatte, so daB 
die Lebens strome aus dem allgemeinen Lebensmeer un- 
mittelbar aus- und einstromten, miissen jetzt die Einwir- 
kungen von auBen dieses Hautchen durchlaufen. Dadurch 
wird der Mensch fur diese aufieren Stromungen empfind- 
lich. Sie werden ihm wahrnehmbar. - Nunmehr ist auch 
der Zeitpunkt gekommen, um dem ganzen Strom- und 
Bewegungssystem den Mittelpunkt in der Herzgegend zu 
geben. Das geschieht wieder durch die Fortsetzung der 
Konzentrations- und Meditationsiibung. Und damit ist 
auch die Stufe erreicht, auf welcher der Mensch mit dem 
«inneren Wort» begabt wird. Alle Dinge erhalten nun- 
mehr fur den Menschen eine neue Bedeutung. Sie werden 
gewissermaBen in ihrem innersten Wesen geistig horbar; 
sie sprechen. von ihrem eigentlichen Wesen zu dem 
Menschen. Die gekennzeichneten Stromungen setzen ihn 
mit dem Innern der Welt in Verbindung, zu welcher er 
gehort. Er beginnt das Leben seiner Umgebung mitzu- 
leben und kann es in der Bewegung seiner Lotusblumen 
nachklingen lassen. 

Damit betritt der Mensch die geistige Weh. Ist er so 
weit, so gewinnt er ein neues Verstandnis fur dasjenige, 
was die groBen Lehrer der Menschheit gesprochen ha- 
ben. Buddhas Reden und die Evangelien z, B. wirken 
jetzt in einer neuen Art auf ihn ein. Sie durchstromen ihn 
mit einer Seligkeit, die er vorher nicht geahnt hat. Denn 



der Ton ihrer Worte folgt den Bewegungen und Rhyth- 
men, die er nun selbst in sich ausgebildet hat. Er kann es 
jetzt unmittelbar wissen, daB ein solcher Mensch wie 
Buddha oder die Evangelien-Schreiber nicht seine Of- 
fenbarungen, sondern diejenigen ausspricht, welche ihm 
zugeflossen sind vom innersten Wesen der Dinge. - Es 
soil hier auf eine Tatsache aufmerksam gemacht werden, 
die wohl nur aus dem Vorhergehenden verstandlich wird. 
Den Menschen unserer gegenwartigun Bildungsstufe sind 
die vielen Wiederholungen in Buddhas Reden nicht recht 
begreiflich. Dem Geheimschiiler werden sie zu etwas, 
worauf er gern mit seinem inneren Sinne ruht. Denn sie 
entsprechen gewissen Bewegungen rhythmischer Art im 
Atherleib. Die Hingabe an sie in vollkommener innerer 
Ruhe bewirkt auch ein Zusammenklingen mit solchen 
Bewegungen. Und weil diese Bewegungen ein Abbild sind 
bestimmter Weltrhythmen, die auch in gewissen Punkten 
Wiederholung und regelmaBige Riickkehr zu friiheren 
darstellen, so lebt sich im Hinhoren auf die Weise Bud- 
dhas der Mensch in den Zusammenhang mit den Welt- 
geheimnissen hinein. 

In der Geisteswissenschaft wird von v/er Eigenschaften 
gesprochen, welche sich der;Mensch auf dem sogenannten 
Priifungspfade erwerben muB, um zu hoherer Erkenntnis 
aufzusteigen. Es ist die erste davon die Fahigkeit, in den 
Gedanken das Wahre von der Erscheinung zu scheiden, 
die Wahrheit von der bloBen Meinung. Die zweite Eigen- 
schaft ist die richtige Schatzung- des Wahren und Wirk- 
lichen gegeniiber der Erscheinung. Die dritte Fahigkeit 
besteht in der - schon im vorigen Kapitel erwahnten - 
Ausiibung der sechs Eigenschaften: Gedankenkontrolle, 



Kontrolle der Handlungen, Beharrlichkeit, Duldsamkeit, 
Glaube und Gleichmut. Die vierte ist die Liebe zur inne- 
ren Freiheit. 

Ein bloBes verstandesmaBiges Begreifen dessen, was in 
diesen Eigenschaften liegt, niitzt gar nichts. Sie miissen 
der Seele so einverleibt werden, daB sie innere Gewohn- 
heiten begriinden. Man nehme z. B. die erste Eigen- 
schaft: Die Unterscheidung des Wahren von der Erschei- 
nung. Der Mensch muB sich so schulen, daB er bei jeg- 
lichem Dinge, das ihm gegeniibertritt, ganz wie selbst- 
verstandlich unterscheidet zwischen dem, was unwesent- 
lich ist, und dem, was Bedeutung hat. Man kann sich so 
nur schulen, wenn man in aller Ruhe und Geduld bei 
seinen Beobachtungen der AuBenwelt immer wieder und 
wieder die dahingehenden Versuche macht. Zuletzt haftet 
in natiirlicher Weise der Blick ebenso an dem Wahren, 
wie er vorher an dem Unwesentlichen sich befriedigt hat. 
«Alles Vergangliche ist nur ein Gleichnis»: diese Wahrheit 
wird zu einer selbstverstandlichen Uberzeugung der 
Seele. Und so wird es mit den anderen der genannten 
vier Eigenschaften zu halten sein. 

Nun verwandelt sich tatsachlich der feine Atherleib des 
Menschen unter dem EinfluB dieser vier Seelengewohn- 
heiten. Durch die erste « Unterscheidung des Wahren von 
der Erscheinung» wird der gekennzeichnete Mittelpunkt 
im Kopfe erzeugt und der im Kehlkopf vorbereitet. Zur 
wirklichen Ausbildung sind dann allerdings die Konzen- 
trationsiibungen notwendig, von denen oben gesprochen 
worden ist. Sie bilden aus, und die vier Gewohnheiten 
bringen zur Reife. - Ist der Mittelpunkt in der Gegend 
des Kehlkopfes vorbereitet, dann wird jene angedeutete 



freie Beherrschung des Atherleibes und sein Uberziehen 
und Begrenzen mit dem Netzhautgeflecht bewirkt durch 
die richtige Schatzung des Wahren gegeniiber der unwe- 
sentlichen Erscheinung. Bringt es der Mensch zu solcher 
Schatzung, dann werden ihm allmahlich die geistigen Tat- 
sachen wahrnehmbar. Er soil aber nicht glauben, daB er 
bloB Handlungen zu vollziehen hat, welche vor einerver- 
standesmaBigen Schatzung als bedeutungsvoll erscheinen. 
Die geringste Handlung, jeder kleine Handgriff hat etwas 
Bedeutungsvolles im groBen Haushalte des Weltganzen, 
und es kommt nur darauf an, ein Bewufitsein von dieser 
Bedeuturig zu haben. Nicht auf IJnter schatzung, sondern 
auf richtige Einschatzung der alltaglichen Verrichtungen 
des Lebens kommt es an. - Von den sechs Tugenden, aus 
denen sich die dritte Eigenschaft zusammensetzt, ist be- 
reits gesprochen worden. Sie hangen zusammen mit der 
Ausbildung der zwolfblatterigen Lotusblume in der Herz- 
gegend. Dahin muB ja, wie gezeigt worden ist, in der Tat 
der Lebensstrom des Atherleibes geleitet werden. Die 
vierte Eigenschaft: das Verlangen nach Befreiung, dient 
dann dazu, das Atherorgan in der Nahe des Herzens zur 
Reifung zu bringen. Wird diese Eigenschaft zur Seelen- 
gewohnheit, dann befreit sich der Mensch von allem, was 
nur mit den Fahigkeiten seiner personlichen Natur zu- 
sammenhangt. Er hort auf, die Dinge von seinem Sonder- 
standpunkte aus zu betrachten. Die Grenzen seines engen 
Selbst, die ihn an diesen Standpunkt fesseln, verschwin- 
den. Die Geheimnisse der geistigen Welt erhalten Zu- 
gang zu seinem Innern. Dies ist die Befreiung. Denn jene 
Fesseln zwingen den Menschen, die Dinge und Wesen 
so anzusehen, wie es seiner personlichen Art entspricht. 



Von dieser personlichen Art, die Dinge zu betrachten, 
muB der Geheimschuler unabhangig,^/ werden. 4 

Man sieht hieraus, daB die Vorschriften, welche von der 
Geisteswissenschaft ausgehen, tief in die innerste Men- 
schennatur hinein bestimmend wirken. Und die Vorschrif- 
ten Uber die vier genannten Eigenschaften sind solche 
Vorschriften. Sie finden sich in der einen oder der anderen 
Form in alien mit der Geisteswelt rechnenden Welt- 
anschauungen. Nicht aus einem dunklen Gefiihl heraus 
haben die Begriinder solcher Weltanschauungen solche 
Vorschriften den Menschen gegeben. Sie haben das viel- 
mehr aus dem Grunde getan, weil sie groBe Eingeweihte 
waren. Aus der Erkenntnis heraus haben sie ihre sittlichen 
Vorschriften geformt. SiewuBten, wie diese auf die feinere 
Natur des Menschen wirken, und wollten, daB die Beken- 
ner diese feinere Natur allmahlich zur Ausbildung brin- 
gen. Im Sinne solcher Weltanschauungen. leben heiBt an 
seiner eigenen geistigen Vervollkommnung arbeiten. Und 
nur wenn der Mensch das tut, dient er dem Weltganzen. 
Sich vervollkommnen ist keineswegs Selbstsucht. Denn 
der unvollkommene Mensch ist auch ein unvollkomme- 
ner Diener der Menschheit und der Weit. Man dient dem 
Ganzen um so besser, je vollkommener man selbst ist. 
Hier gilt es: «Wenn die Rose selbst sich schmiickt, 
schmiickt sie auch den Garten. » 

Die Begriinder der bedeutungsvollen Weltanschauun- 
gen sind dadurch die groBen Eingeweihten. Das, was von 
ihnen kommt, flieBt in die Menschenseelen hinein. Und 
dadurch kommt mit der Menschheit die ganze Weit vor- 
warts. Ganz bewuBt haben die Eingeweihten an diesem 
EntwickelungsprozeB der Menschheit gearbeitet. Nur 



dann versteht man den Inhalt ihrer Anweisungen, wenn 
man beachtet, daB diese aus der Erkenntnis der tiefinner- 
sten Menschennatur heraus geschopft sind. GroBe Erken- 
ner waren die Eingeweihten, und aus ihrer Erkenntnis 
heraus haben sie die Ideale der Menschheit gepragt. Der 
Mensch aber kommt diesen Ftihrern nahe, wenn er sich 
in seiner eigenen Entwickelung zu ihren Hohen erhebt. 

Wenn bei einem Menschen die Ausbildung des Ather- 
leibes in der Art begonnen hat, wie das im Vorangegan- 
genen beschrieben ist, dann erschlieBt sich ihm ein vollig 
neues Leben. Und er muB durch die Geheimschulung 
zur richtigen Zeit die Aufklarungen erhalten, welche 
ihn befahigen, sich in diesem neuen Leben zurechtzufin- 
den. Er sieht z. B. durch die sechzehnblatterige Lotus- 
blume geistig Gestalten einer hoheren Welt. Nun muB er 
sich klarmachen, wie verschieden diese Gestalten sind, je 
nachdem sie von diesen oder jenen Gegenstanden oder 
Wesen verursacht sind. Das erste, worauf er die Aufmerk- 
samkeit wenden kann, ist, daB er auf eine gewisse Art die- 
ser Gestalten durch seine eigenen Gedanken und Emp- 
findungen einen starken EinfluB austiben kann, auf andere 
gar nicht oder doch nur in geringem MaBe. Eine Art der 
Figuren andert sich sofort, wenn der Betrachter bei ihrem 
Auftreten den Gedanken hat: «das ist schon», und dann 
im Laufe der Anschauung diesen Gedanken andert in die- 
sen: «das ist ntitzlich». - Besonders haben die Gestalten, 
welche von Mineralien oder kunstlich gemachten Gegen- 
standen herruhren, die Eigentumlichkeit, daB sie sich 
durch jeden Gedanken oder jedes Geftihl, das ihnen der 
Beschauer entgegenbringt, andern. In geringerem MaBe 
ist das schon der Fall bei den Gestalten, welche Pflanzen 



zukommen; und noch weniger findet es statt bei denen, 
welche Tieren entsprechen. Auch diese Gestalten sind be- 
weglich und voll Leben. Aber diese Beweglichkeit riihrt 
nur zum Teil von dem EinfluB der menschlichen Gedan- 
ken und Empfindungen her, zum anderen Teile wird sie 
durch Ursachen' bewirkt, auf welche der Mensch keinen 
EinfluB hat. Nun tritt aber innerhalb dieser ganzen Ge- 
staltenwelt eine Sorte von Formen auf, welche der Ein- 
wirkung von seiten des Menschen selbst zunachst fast 
ganz entzogen sind. Der Geheimschiiler kann sich davon 
iiberzeugen, daB diese Gestalten weder von Mineralien 
noch von kiinstlichen Gegenstanden, auch nicht von 
Pflanzen oder Tieren herriihren. Er muB nun, um vollig 
ins klare zu kommen, die Gestalten betrachten, von 
denen er wis sen kann, daB sie durch die Gefiihle, Triebe, 
Leidenschaften usw. von anderen Menschen verursacht 
werden. Aber auchdiesen Gestalten gegeniiber kann er 
finden, daB seine eigenen Gedanken und Empfindungen 
noch einigen, wenn auch verhaltnismaBig geringen Ein- 
fluB haben. Es bleibt innerhalb der Gestaltenwelt immer 
ein Rest, auf den dieser EinfluB verschwindend gering ist. 
- Ja, dieser Rest bildet im Anfange der Laufbahn des Ge- 
heimschiilers sogar einen sehr groBen Teil dessen, was er 
iiberhaupt sieht. Uber die Natur dieses Teiles kann er sich 
nun nur aufklaren, wenn er sich selbst beobachtet. Da 
findet er, welche Gestalten durch ihn selbst bewirkt 
worden sind. Das, was er selbst tut, will, wimscht usw., 
kommt in diesen Gestalten zum Ausdrucke. Ein Trieb, 
der in ihm wohnt, eine Begierde, die er hat, eine Absicht, 
die er hegt, usw.: alles das zeigt sich in solchen Gestal- 
ten. Ja, sein ganzer Charakter pragt sich in einer sol- 



chen Gestaltenwelt aus. Der Mensch kann somit durch 
seine bewuBten Gedanken und Geftihle einen EinfluB auf 
alle Gestalten austiben, welche nicht von ihm selbst aus- 
gehen; auf diejenigen Figuren aber, die er durch sein 
eigenes Wesen in der hoheren Welt bewirkt, hat er keinen 
EinfluB mehr, sobald sie durch ihn geschaffen worden 
sind. Es geht nun aus dem Gesagten auch hervor, daB in 
der hoheren Anschauung das menschliche Innere, die 
eigene Trieb-, Begierden- und Vorstellungswelt sich ge- 
nauso in aufieren Figuren zeigt wie andere Gegenstande 
und Wesenheiten. Die Innenwelt wird fur die hohere Er- 
kenntnis zu einem Teile der AuBenwelt. Wie wenn man 
in der physischen Weh von alien Seiten mit Spiegeln um- 
geben ware und so seine leibliche Gestalt beschauen 
konnte, so tritt in einer hoheren Welt die seelische Wesen- 
heit des Menschen diesem als Spiegelbild entgegen. 

Auf dieser Entwickelungsstufe ist fur den Geheimschti- 
ler der Zeitpunkt eingetreten, in dem er die Illusion, wel- 
che aus der personlichen Begrenztheit stammt, uberwin- 
det. Er kann jetzt das, was innerhalb seiner Personlichkeit 
ist, beobachten als AuBenwelt, wie er frtiher als AuBen- 
welt betrachtete, was auf seine Sinne einwirkte. So lernt 
er allmahlich durch die Erfahrung sich so behandeln, wie 
er frtiher die Wesen um sich her behandelte. 

Wtirde des Menschen Blick in diese Geisteswelten ge- 
offnet, ehe er in gentigender Art auf deren Wesen vorbe- 
reitet worden ist, so sttinde er zunachst vor dem charak- 
terisierten Gemalde seiner eigenen Seele wie vor einem 
Ratsel. Die Gestalten seiner eigenen Triebe und Leiden- 
schaften treten ihm da entgegen in Formen, welche er als 
tierische oder - seltener - auch als menschliche empfin- 



det. Zwar sind die Tiergestalten dieser Welt niemals ganz 
gleich denen der physischen Welt, aber sie haben doch 
eine entfernte Ahnlichkeit. Von ungeiibten Beobachtern 
werden sie wohl auch fiir gleich gehalten. - Man muB 
sich nun, wenn man diese Welt betritt, eine ganz neue 
Art des Urteilens aneignen. Denn abgesehen davon, 
daB die Dinge, die eigentlich dem menschlichen Innern 
angehoren, als AuBenwelt erscheinen, treten sie auch 
noch als das Spiegelbild dessen auf, was sie wirklich 
sind. Wenn man z. B. eine Zahl da erblickt, so muB man 
sie umgekehrt als Spiegelbild lesen. 265 z. B. bedeutet in 
Wahrheit hier 562. Eine Kugel sieht man so, wie wenn 
man in ihrem Mittelpunkte ware. Man hat sich dann diese 
Innenansicht erst in der richtigen Art zu ubersetzen. Aber 
auch seelische Eigenschaften erscheinen als Spiegelbild. 
Ein Wunsch, der sich auf etwas AuBeres bezieht, tritt als 
eine Gestalt auf, die zu dem Wiinschenden selbst sich 
hinbewegt. Leidenschaften, welche in der niederen Natur 
des Menschen ihren Sitz haben, konnen die Form von Tie- 
ren oder ahnliche Gestaltungen annehmen, die sich auf 
den Menschen losstiirzen. In Wirklichkeit streben ja diese 
Leidenschaften nach auBen; sie suchen den Gegenstand 
ihrer Befriedigung in der AuBenwelt. Aber dieses Suchen 
nach auBen stellt sich im Spiegelbild als Angriff auf den 
Trager der Leidenschaft dar. 

Wenn der Geheimschuler, bevor er zu hoherem Schauen 
aufsteigt, durch ruhige, sachliche Selbstbeobachtung seine 
eigenen Eigenschaften selber kennengelernt hat, dann 
wird er auch in dem Augenblicke, da ihm sein Inneres im 
auBeren Spiegelbilde entgegentritt, Mut und Kraft finden, 
um sich in der richtigen Art zu verhalten. Menschen, wel- 



ehe sich durch solche Selbsprufung nicht geniigend mit 
dem eigenen Innern bekannt gemacht haben, werden sich 
in ihrem Spiegelbilde nicht erkennen und dieses dann fiir 
fremde Wirklichkeit halten. Auch werden sie durch den 
Anblick angstlich und reden sich, weil sie die Sache nicht 
ertragen konnen, ein, das Ganze sei nur phantastisches 
Erzeugnis, das zu nichts fiihren konne. In beiden Fallen 
stiinde der Mensch durch sein. unreifes Ankommen auf 
einer gewissen Entwickelungsstufe der eigenen hoheren 
Ausbildung verhangnisvoll im Wege. 

Es ist durchaus notwendig, daB der Geheimschuler 
durch den geistigen Anblick seiner eigenen Seele hin- 
durchgehe, um zu Hoherem vorzudringen. Denn im eige- 
nen Selbst hat er ja doch dasjenige Geistig-Seelische, das 
er am besten beurteilen kann. Hat er sich von seiner Per- 
sonlichkeit in der physischen Weh zunachst eine tiichtige 
Erkenntnis erworben und tritt ihm zuerst das Bild dieser 
Personlichkeit in der hoheren Welt entgegen, dann kann 
er beides vergleichen. Er kann das Hohere auf ein ihm 
Bekanntes beziehen und vermag so von einem festen Bo- 
den auszugehen. Wenn ihm dagegen noch so viele andere 
geistige Wesenheiten entgegentraten, so vermochte er 
sich doch iiber ihre Eigenart und Wesenheit zunachst kei- 
nen AufschluB zu geben. Er wiirde bald den Boden unter 
den FuBen schwinden fiihlen. Es kann daher gar nicht oft 
genug betont werden, daB der sichere Zugang zur hohe- 
ren Welt derjenige ist, der iiber die gediegene Erkenntnis 
und Beurteilung der eigenen Wesenheit fiihrt. 

Geistige Bilder sind es also, welchen der Mensch zu- 
nachst auf seiner Bahn zur hoheren Weh begegnet. Denn 
die Wirklichkeit, welche diesen Bildern entspricht, ist ja 



in ihm selbst. Reif muB demnach der Geheimschiiler sein, 
urn auf dieser ersten Stufe nicht derbe Realitaten zu ver- 
langen, sondern die Bilder als das Richtige zu betrachten. 
Aber innerhalb dieser Bilderweh lernt er bald etwas 
Neues kennen. Sein niederes Selbst ist nur als Spiegel- 
gemalde vor ihm vorhanden; aber mitten in diesem Spie- 
gelgemalde erscheint die wahre Wirklichkeit des hdheren 
Selbst. Aus dem Bilde der niederen Personlichkeit her- 
aus wird die Gestalt des geistigen Ich sichtbar. Und erst 
von dem letzteren aus spinnen sich die Faden zu anderen 
hoheren geistigen Wirklichkeiten. 

Und nun ist die Zeit gekommen, um die zweiblatterige 
Lotusblume in der Augengegend zu gebrauchen. Fangt sie 
an sich zu bewegen, so findet der Mensch die Moglichkeit, 
sein hoheres Ich mit iibergeordneten geistigen Wesen- 
heiten in Verbindung zu setzen. Die Strome, welche von 
dieser Lotusblume ausgehen, bewegen sich so zu hoheren 
Wirklichkeiten hin, daB die entsprechenden Bewegungen 
dem Menschen vollig bewuBt sind. Wie das Licht dem 
Auge die physischen Gegenstande sichtbar macht, so 
diese Stromungen die geistigen Wesen hoherer Wehen. 

Durch Versenkung in der Geisteswissenschaft entstam- 
mende Vorstellungen, welche Grundwahrheiten enthal- 
ten, lernt der Schiller die Stromungen der Augenlotus- 
blume in Bewegung setzen und dirigieren. 

Was gesunde Urteilskraft, klare, logische Schulung ist, 
das erweist sich ganz besonders auf dieser Stufe der Ent- 
wickelung. Man muB nur bedenken, daB da das hohere 
Selbst, das bisher keimhaft, unbewuBt im Menschen ge- 
schlummert hat, zu bewuBtem Dasein geboren wird. 
Nicht etwa bloB im bildlichen, sondern in ganz wirk- 



lichem Sinne hat man es mit einer Geburt in der geistigen 
Welt zu tun. Und das geborene Wesen, das hohere Selbst, 
muB mit alien notwendigen Organen und Anlagen zur 
Welt kommen, wenn es lebensfahig sein soil. Wie die 
Natur vorsorgen muB, daB ein Kind mit wohlgebildeten 
Ohren und Augen zur Welt komme, so mussen die Ge- 
setze der Eigenentwickelung eines Menschen Sorge tra- 
gun, daB sein hoheres Selbst mit den notwendigen Fahig- 
keiten ins Dasein trete. Und diese Gesetze, welche die 
Ausbildung der hoheren Organe des Geistes selbst besor- 
gen, sind keine anderen als die gesunden Vernunft- und 
Moralgesetze der physischen Weh. Wie im MutterschoBe 
das Kind reift, so im physischen Selbst der geistige 
Mensch. Die Gesundheit des Kindes hangt von normaler 
Wirksamkeit der Naturgesetze im MutterschoBe ab. Die 
Gesundheit des geistigen Menschen ist in gleicher Art von 
den Gesetzen des gewohnlichen Verstandes und der im 
physischen Leben wirksamen Vernunft bedingt. Niemand 
kann ein gesundes hoheres Selbst gebaren, der nicht in 
der physischen Welt gesund lebt und denkt. N atur- und 
vernunftgemaBes Leben sind die Grundlage aller wahren 
Geistesentwickelung. - Wie das Kind im SchoBe der Mut- 
ter schon nach den Naturkraften lebt, die es nach seiner 
Geburt mit seinen Sinnesorganen wahrnimmt, so lebt das 
hohere Selbst des Menschen nach den Gesetzen der gei- 
stigen Welt schon wahrend des physischen Daseins. Und 
wie das Kind aus einem dunklen Lebensgeftihl heraus 
sich die entsprechenden Krafte aneignet, so kann es der 
Mensch mit den Kraften der geistigen Weh, bevor sein 
hoheres Selbst geboren wird. Ja, er mufi dies tun, wenn 
dies letztere als vollentwickeltes Wesen zur Welt kommen 



soil. Es ware nicht richtig, wenn jemand sagte: ich kann 
die Lehren der Geisteswissenschaft nicht annehmen, be- 
vor ich nicht selbst sehe. Denn ohne die Vertiefung in die 
Geistesforschung kann er iiberhaupt nicht zu wahrer 
hoherer Erkenntnis kommen. Er ware dann in derselben 
Lage wie ein Kind im MutterschoBe, das verweigerte, die 
Krafte zu gebrauchen, die ihm durch die Mutter zukom- 
men, und warten wollte, bis es sich dieselben selbst ver- 
schaffen kann. So wie der Kindeskeim im Lebensgefiihl 
die Richtigkeit des Dargereichten erfahrt, so der noch 
nicht sehende Mensch die Wahrheit der Lehren der Gei- 
steswissenschaft. Es gibt eine Einsicht, die auf Wahrheits- 
gefiihl und klare, gesunde, allseitig urteilende Vernunft 
gebaut ist, in diese Lehren, auch wenn man die geistigen 
Dinge noch nicht schaut. Man muB die mystischen Er- 
kenntnisse zuerst lernen und sich eben gerade durch dieses 
Lernen zum Schauen vorbereiten. Ein Mensch, der zum 
Schauen kame, bevor er in dieser Art gelernt hat, gliche 
einem Kinde, das wohl mit Augen und Ohren, aber ohne 
Gehirn geboren ware. Es breitete sich die ganze Farben- 
und Tonwelt vor ihm aus; aber es konnte nichts damit 
anfangen. 

Was also dem Menschen vorher durch sein Wahrheits- 
gefiihl, durch Verstand und Vernunft einleuchtend war, 
das wird auf der geschilderten Stufe der Geheimschiiler- 
schaft eigenes Erlebnis. Er hat jetzt ein unmittelbares Wis- 
sen von seinem hoheren Selbst. Und er lernt erkennen, 
daB dieses hohere Selbst mit geistigen Wesenheiten hohe- 
rer Art zusammenhangt und mit ihnen eine Einheit bil- 
det. Er sieht also, wie das niedere Selbst aus einer hoheren 
Weh herstammt. Und es zeigt sich ihm, daB seine hohere 



Natur die niedere iiberdauert. Er kann nunmehr selbst 
sein Vergangliches von seinem Bleibenden unterscheiden. 
Das heiBt nichts anderes, als er lernt die Lehre von der 
Einkorperung (Inkarnation) des hoheren Selbst in ein 
niederes aus eigener Anschauung verstehen. Es wird ihm 
jetzt klar, daB er in einem hoheren geistigen Zusammen- 
hange darinnen steht, daB seine Eigenschaften, seine 
Schicksale durch diesen Zusammenhang verursacht sind. 
Er lernt das Gesetz seines Lebens, Karma, erkennen. Er 
sieht ein, daB sein niederes Selbst, wie es gegenwartig sein 
Dasein ausmacht, nur eine der Gestalten ist, die sein hohe- 
res Wesen annehmen kann. Und er erblickt die Moglich- 
keit vor sich, von seinem hoheren Selbst aus an sich zu 
arbeiten, auf daB er vollkommener und immer vollkom- 
mener werde. Er kann nunmehr auch die groBen Unter- 
schiede der Menschen hinsichtlich ihrer Vollkommen- 
heitsgrade einsehen. Er wird gewahr, daB es iiber ihm ste- 
hende Menschen gibt, welche die noch vor ihm liegenden 
Stufen schon erreicht haben. Er sieht ein, daB die Lehren 
und Taten solcher Menschen von den Eingebungen aus 
einer hoheren Welt herriihren. Dies verdankt er seinem 
ersten eigenen Blick in diese hohere Welt. Was man 
«groBe Eingeweihte der Menschheit» nennt, wird jetzt 
beginnen, fur ihn Tatsache zu werden. 

Das sind die Gaben, die der Geheimschiiler dieser Stufe 
seiner Entwickelung verdankt: Einsicht in das hohere 
Selbst, in die Lehre von der Einkorperung oder Inkarna- 
tion dieses hoheren Selbst in ein niederes, in das Gesetz, 
wonach das Leben in der physischen Weh geregelt wird 
nach geistigen Zusammenhangen - Karmagesetz -, und 
endlich in das Dasein groBer Eingeweihter. 



Man sagt deshalb auch von einem Schtiler, der diese 
Stufe erreicht hat, daB ihm der Zweifel vollig geschwun- 
den sei. Konnte er sich vorher einen auf Vernunftgrlinde 
und gesundes Denken gebauten Glauben aneignen, so 
tritt jetzt an die Stelle dieses Glaubens das voile Wissen 
und die durch nichts zu erschlitternde Einsicht. 

Die Religionen haben in ihren Zeremonien, Sakramen- 
ten und Riten auBerlich sichtbare Abbilder hoherer gei- 
stiger Vorgange und Wesen gegeben. Nur wer die Tiefen 
der groBen Religionen noch nicht durchschaut hat, kann 
diese verkennen. Wer aber in die geistige Wirklichkeit 
selbst hineinschaut, der wird auch die groBe Bedeutung 
jener auBerlich sichtbaren Handlungen verstehen. Und 
fur ihn wird dann der religiose Dienst selbst ein Abbild 
seines Verkehrs mit der geistig ubergeordneten Welt. 

Man sieht, in welcher Art der Geheimschuler durch 
Erreichung dieser Stufe wirklich ein neuer Mensch gewor- 
den ist. Er kann nun allmahlich dazu heranreifen, durch 
die Stromungen seines Atherkorpers das eigentliche ho- 
here Lebenselement zu dirigieren und damit eine hohe 
Freiheit von seinem physischen Korper zu erlangen. 



VERANDERUNGEN IM TRAUMLEBEN 
DES GEHEIMSCHULERS 



Eine Anklindigung, daB der Geheimschliler die im vori- 
gen Kapitel beschriebene Stufe der Entwickelung erreicht 
hat oder doch bald erreichen werde, ist die Veranderung, 
die mit seinem Traumleben vorgeht. Vorher waren die 
Traume verworren und willklirlich. Nun fangen sie an, 
einen regelmaBigen Charakter anzunehmen. Ihre Bilder 
werden sinnvoll zusammenhangend wie die Vorstellun- 
gen des Alltagslebens. Man kann in ihnen Gesetz, Ur- 
sache und Wirkung erkennen. Und auch der Inhalt der 
Traume andert sich. Wahrend man vorher nur Nach- 
klange des taglichen Lebens, umgeformte Eindrlicke der 
Umgebung oder der eigenen Korperzustande wahrnimmt, 
treten jetzt Bilder aus einer Welt auf, mit der man vorher 
unbekannt war. Zunachst bleibt allerdings der allgemeine 
Charakter des Traumlebens bestehen, insofern sich der 
Traum vom wachen Vorstellen dadurch unterscheidet, 
daB er sinnbildlich dasjenige gibt, was er ausdrticken wilL 
Einem aufmerksamen Beurteiler des Traumlebens kann 
ja diese Sinnbildlichkeit nicht entgehen. Man traumt z, B. 
davon, daB man ein haBliches Tier gefangen und ein 
unangenehmes Geflihl in der Hand hat. Man wacht auf 
und merkt, daB man einen Zipfel der Bettdecke mit der 
Hand umschlossen halt. Die Wahrnehmung drtickt sich 
also nicht ungeschminkt aus, sondern durch das gekenn- 
zeichnete Sinnbild. - Oder man traumt, daB man vor 
einem Verfolger flieht; man empfindet dabei Angst. Beim 
Aufwachen zeigt sich, daB man von Herzklopfen wah- 
rend des Schlafes befallen war. Der Magen, welcher mit 



schwerverdaulichen Speisen erfullt ist, verursacht beang- 
. stigende Traumbilder. Auch Vorgange in der Umgebung 
des schlafenden Menschen spiegeln sich im Traume als 
Sinnbilder. Das Schlagen einer Uhr kann das Bild eines 
Soldatentrupps hervorrufen, der bei Trommelschlag vor- 
beimarschiert. Ein umfallender Stuhl kann die Veran- 
lassung zu einem ganzen Traumdrama sein, in dem 
der Schlag sich als SchuB widerspiegelt usw. - Diese 
sinnbildliche Art des Ausdruckes hat nun auch der gere- 
gelte Traum des Menschen, dessen Atherkorper sich zu 
entwickeln beginnt. Aber er hort auf, bloBe Tatsachen der 
physischen Umgebung oder des eigenen sinnlichen Leibes 
widerzuspiegeln. So wie diejenigen Traume regelmaBig 
werden, welche diesen Dingen ihren Ursprung verdan- 
ken, so mischen sich auch solche Traumbilder ein, die 
Ausdruck von Dingen und Verhaltnissen einer anderen 
Welt sind. Hier werden zuerst Erf ahrungen gemacht, wel- 
che dem gewohnlichen TagesbewuBtsein unzuganglich 
sind. - Nun darf man keineswegs glauben, daB irgendein 
wahrer Mystiker die Dinge, die er in solcher Art traum- 
haft erlebt, zur Grundlage irgendwelcher maBgebenden 
Mitteilungen einer hoheren Welt schon macht. Nur als 
die ersten Anzeichen einer hoheren Entwickelung hat man 
solche Traumeriebnisse zu betrachten. - Bald tritt auch 
als weitere Folge die Tatsache ein, daB die Bilder des trau- 
menden Geheimschulers nicht mehr wie friiher der Lei- 
tung des besonnenen Verstandes entzogen sind, sondern 
von diesem geregelt und ordnungsgemaB uberschaut wer- 
den wie die Vorstellungen und Empfindungen des Wach- 
bewuBtseins. Es verschwindet ebenimmer mehr und mehr 
der Unterschied zwischen dem TraumbewuBtsein und 



diesem Wachzustand. Der Traumende ist im vollen Sinne 
des Wortes wahrend des Traumlebens wach; das heiBt, 
er flihlt sich als Herr und Fiihrer seiner bildhaften Vor- 
stellungen. 

Wahrend des Traumens befindet sich der Mensch tat- 
sachlich in einer Welt, welche von derjenigen seiner phy- 
sischen Sinne verschieden ist. Nur vermag der Mensch 
mit unentwickelten geistigen Organen sich von dieser 
Weit keine anderen als die gekennzeichneten verworre- 
nen Vorstellungen zu bilden. Sie ist fur ihn nur so vor- 
handen, wie die sinnliche Welt fur ein Wesen da ware, 
das hochstens die allerersten Anlagen von Augen hat. 
Deshalb kann der Mensch auch nichts sehen in dieser 
Welt als die Nachbilder und Widerspiegelungen des ge- 
wohnlichen Lebens. Diese kann er,aber aus dem Grunde 
im Traume sehen, weil seine Seele ihre Tageswahrneh- 
mungen selbst als Bilder in den Stoff hineinmalt, aus dem 
jene andere Welt besteht. Man muB sich namlich klar 
dartiber sein, daB der Mensch neben seinem gewohn- 
lichen bewuBten Tagesleben noch ein zweites, unbewuB- 
tes, in der angedeuteten anderen Welt flihrt. Alles, was er 
wahrnimmt und denkt, grabt er in Abdrticken in diese 
Weit ein. Man kann diese Abdrticke eben nur sehen, wenn 
die Lotusblumen entwickelt sind. Nun sind bei jedem 
Menschen gewisse sparliche Anlagen der Lotusblumen 
immer vorhanden. Wahrend des TagesbewuBtseins kann 
er damit nichts wahrnehmen, weil die Eindrticke auf 
ihn ganz schwach sind. Es ist dies aus einem ahnlichen 
Grunde, warum man wahrend des Tages die Sterne nicht 
sieht. Sie kommen fur die Wahrnehmung gegentiber 
dem machtig wirkenden Sonnenlicht nicht auf. So kom- 



men die schwachen geistigen Eindriicke gegeniiber den 
machtvollen Eindriicken der physischen Sinne nicht zur 
Geltung. Wenn nun im Schlaf die Tore der auBeren Sinne 
geschlossen sind, so leuchten diese Eindriicke verworren 
auf. Und der Traumende wird dann der in einer anderen 
Welt gemachten Erfahrungen gewahr. Aber, wie gesagt, 
zunachst sind diese Erfahrungen nichts weiter als das- 
jenige, was das an die physischen Sinne gebundene Vor- 
stellen selbst in die geistige Welt eingegraben hat. - Erst 
die entwickelten Lotusblumen machen es moglich, daB 
Kundgebungen, welche nicht der physischen Welt an- 
gehoren, dort verzeichnet werden. Und durch den ent- 
wickelten Atherleib entsteht dann ein voiles Wissen von 
diesen aus anderen Welten herruhrenden Einzeichnun- 
gen. - Damit hat der Verkehr des Menschen in einer 
neuen Welt begonnen. Und der Mensch muB j etzt - durch 
die Anleitungen der Geheimschulung - ein Doppeltes 
zunachst erreichen. Zuerst muB es ihm moglich werden, 
ganz vollstandig wie im Wachen die im Traume gemach- 
ten Beobachtungen zu gewahren. Hat er dies erreicht, so 
wird er dazu gefiihrt, dieselben Beobachtungen auch 
wahrend des gewohnlichen Wachzustandes zu machen. 
Seine Aufmerksamkeit auf geistige Eindriicke wird da 
einfach so geregelt, daB diese Eindriicke gegeniiber den 
physischen nicht mehr zu verschwinden brauchen, son- 
dern daB er sie neben und mit diesen immerfort haben 
kann. 

Hat der Geheimschuler diese Fahigkeit erlangt, dann 
tritt eben vor seinen geistigen Augen etwas von dem Ge- 
malde auf, das im vorigen Kapitel beschrieben worden 
ist. Er kann nunmehr wahrnehmen, was in der geistigen 



Welt vorhanden ist als die Ursache fiir die physische. Und 
er kann vor allem sein hoheres Selbst innerhalb dieser 
Welt erkennen. - Seine nachste Aufgabe ist nun, in die- 
ses hohere Selbst gewissermaBen hineinzuwachsen, das 
heiBt, es wirklich als seine wahre Wesenheit anzusehen 
und auch sich dementsprechend zu verhalten. Immer 
mehr erhalt er nun die Vorstellung und das lebendige 
GefiiW davon, daB sein physischer Leib und was er vorher 
sein «Ich» genannt hat nur mehr ein Werkzeug des hohe- 
ren Ich ist. Er bekommt eine Empfindung gegeniiber dem 
niederen Selbst, wie es der auf die Sinnenwelt beschrankte 
Mensch gegeniiber einem Werkzeug oder Fahrzeug hat, 
deren er sich bedient. So wie dieser den Wagen, in dem er 
fahrt, nicht zu seinem «Ich» rechnet, auch wenn er sagt: 
«Ich fahre» wie «Ich gehe», so hat der entwickelte 
Mensch, wenn er sagt: «Ich gehe zur Tiir hinein», eigent- 
lich die Vorstellung: «Ich trage meinen Leib zur Tiir 
hinein.» Nur muB das fiir ihn ein so selbstverstandlicher 
Begriff sein, daB er nicht einen Augenblick den festen 
Boden der physischen Welt verliert, daB niemals ein Ge- 
fiihl von Entfremdung deshalb gegeniiber der Sinnenwelt 
auftritt. Soil der Geheimschiiler nicht zum Schwarmer 
oder Phantasten werden, so muB er durch das hohere Be- 
wuBtsein sein Leben in der physischen Welt nicht ver- 
armen, sondern bereichern, so wie es derjenige bereichert, 
der sich statt seiner Beine eines Eisenbahnzuges bedient, 
um einen Weg zu machen. 

Hat es der Geheimschiiler zu einem solchen Leben in 
seinem hoheren Ich gebracht, dann - oder vielmehr schon 
wahrend der Aneignung des hoheren BewuBtseins - wird 
ihm klar, wie er die geistige Wahrnehmungskraft in dem 



in derHerzgegend erzeugten Organ zumDasein erwecken 
und durch die in den vorigen Kapiteln charakterisierten 
Stromungen leiten kann. Diese Wahrnehmungskraft ist 
ein Element von hoherer Stofflichkeit, das von dem ge- 
nannten Organ ausgeht und in leuchtender Schonheit 
durch die sich bewegenden Lotusblumen und auch durch 
die anderen Kanale des ausgebildeten Atherleibes stromt. 
Es strahlt von da nach auBen in die umgebende geistige 
Welt und macht sie geistig sichtbar, wie das von aufien 
auf die Gegenstande fallende Sonnenlicht diese physisch 
sichtbar macht. 

Wie diese Wahrnehmungskraft im Herzorgane erzeugt 
wird, das kann nur allmahlich im Ausbilden selbst ver- 
standen werden. 

Deutlich als Gegenstande und Wesen wahrnehmbar 
wird die geistige Welt eigentlich erst fur einen Menschen, 
der in solcher Art das charakterisierte Wahrnehmungs- 
organ durch seinen Atherleib und nach der AuBenwelt 
senden kann, um damit die Gegenstande zu beleuchten. - 
Man sieht daraus, daB ein vollkommenes BewuBtsein 
von einem Gegenstande der geistigen Welt nur unter der 
Bedingung entstehen kann, daB der Mensch selbst das 
Geisteslicht auf ihn wirft. In Wahrheit wohnt nun das 
«Ich», welches dieses Wahrnehmungsorgan erzeugt, gar 
nicht im physischen Menschenkorper, sondern, wie ge- 
zeigt worden ist, auBerhalb desselben. Das Herzorgan ist 
nur der Ort, wo der Mensch von auBen her dieses geistige 
Lichtorgan entfacht. Wiirde er es nicht hier, sondern an 
einem anderen Orte entztinden, so hatten die durch das- 
selbe zustande gebrachten geistigen Wahrnehmungen 
keinen Zusammenhang mit der physischen Welt. Aber 



der Mensch soli ja alles hohere Geistige eben auf die 
physische Welt beziehen und durch sich in die letztere 
hereinwirken lassen. Das Herzorgan ist gerade dasjenige, 
durch welches das hohere Ich das sinnliche Selbst zu 
seinem Werkzeug macht und von dem aus dies letztere 
gehandhabt wird. 

Nun ist die Empfindung, welche der entwickelte 
Mensch gegeniiber den Dingen der geistigen Welt hat, 
eine andere als die, welche dem Sinnenmenschen gegen- 
iiber der physischen Welt eigen ist. Der letztere fiihlt sich 
an einem gewissen Orte der Sinnenwelt, und die wahr- 
genommenen Gegenstande sind fiir ihn «auBerhalb», 
Der geistig entwickelte Mensch dagegen fiihlt sich mit 
dem geistigen Gegenstande seiner Wahrnehmung wie 
vereinigt, wie «im Innern» desselben. Er wandelt in der 
Tat im Geistesraume von Ort zu Ort. Man nennt ihn des- 
halb in der Sprache der Geheimwissenschaft auch den 
«Wanderer». Er ist zunachst nirgends zu Hause. - Bliebe 
er bei dieser bloBen Wanderschaft, dann konnte er keinen 
Gegenstand im geistigen Raume wirklich bestimmen. 
Wie man einen Gegenstand oder Ort im physischen 
Raume dadurch bestimmt, daB man von einem gewissen 
Punkte ausgeht, so muB das auch in der erreichten ande- 
ren Welt der Fall sein. Man muB sich auch da irgendwo 
einen Ort suchen, den man zunachst ganz genau erforscht 
und geistig fiir sich in Besitz nimmt. In diesem Orte muB 
man sich eine geistige Heimat griinden und dann alles 
andere zu dieser Heimat in ein Verhaltnis setzen. Auch 
der in der physischen Welt lebende Mensch sieht ja alles 
so, wie es die Vorstellungen seiner physischen Heimat mit 
sich bringen. Ein Berliner beschreibt unwillkiirlich Lon- 



don anders als ein Pariser. Nur ist es mit der geistigen 
Heimat doch anders als mit der physischen. In die letztere 
ist man ohne sein Zutun hineingeboren, in ihr hat man 
wahrend der Jugendzeit eine Reihe von Vorstellungen 
instinktiv aufgenommen, von denen fortan alles unwill- 
klirlich beleuchtet wird. Die geistige Heimat hat man 
sich aber mit vollem BewuBtsein selbst gebildet. Man ur- 
teilt von ihr ausgehend deshalb auch in voller lichter 
Freiheit. - Dieses Bilden einer geistigen Heimat nennt 
man in der Sprache der Geheimwissenschaft «eine Hiitte 
bauen». 

Das geistige Schauenauf dieser Stufe erstreckt sich zu- 
nachst auf die geistigen Gegenbilder der physischen Welt, 
soweit diese Gegenbilder in der sogenannten astralen 
Welt liegen. In dieser Welt befindet sich alles dasjenige, 
was seinem Wesen nach gleich den menschlichen Trie- 
ben, Geftihlen, Begierden und Leidenschaften ist. Denn 
zu alien den Menschen umgebenden Sinnesdingen geho- 
ren auch Krafte, die mit diesen menschlichen verwandt 
sind. Ein Kristall z. B. wird in seine Form gegossen 
durch Krafte, die sich der hoheren Anschauung gegen- 
iiber ausnehmen wie ein Trieb, der im Menschen wirkt. 
Durch ahnliche Krafte wird der Saft durch die GefaBe der 
Pflanze geleitet, werden die Blliten zur Entfaltung, die 
Samenkapseln zum Aufspringen gebracht. Alle diese 
Krafte gewinnen Form und Farbe fur die entwickelten 
geistigen Wahrnehmungsorgane, wie die Gegenstande 
der physischen Welt Form und Farbe fur das physische 
Auge haben. Der Geheimschliler sieht auf der geschilder- 
ten Stufe seiner Entwickelung nicht nur den Kristall, die 
Pflanze, sondern auch die gekennzeichneten geistigen 



Krafte. Und er sieht die tierischen und menschlichen 
Triebe nicht nur durch die physischen LebensauBerungen 
ihrer Trager, sondern auch unmittelbar als Gegenstande, 
wie er in der physischen Weit Tische und Stlihle sieht. 
Die ganze Instinkt-, Trieb-, Wunsch-, Leidenschaftswelt 
eines Tieres oder Menschen wird zu der astralen Wolke, 
in welche das Wesen eingehullt wird, zur Aura. 

Weiter nimmt der Hellseher auf dieser Stufe seiner 
Entwickelung auch Dinge wahr, die sich der sinnlichen 
Auffassung fast oder vollstandig entziehen. Er kann z. B. 
den astralen Unterschied merken zwischen einem Rau- 
me, der zum groBen Teile mit niedrig gesinnten Men- 
schen erftillt ist, und einem solchen, in dem hochgesinnte 
Personen anwesend sind. In einem Krankenhause ist nicht 
nur die physische, sondern auch die geistige Atmosphare 
eine andere als in einem Tanzsaale. Eine Handelsstadt hat 
eine andere astrale Luft als ein Universitatsort. Zunachst 
wird das Wahrnehmungsvermogen des hellsehend gewor- 
, denen Menschen fur solche Dinge nur schwach entwickelt 
sein. Es wird sich zu den zuerst genannten Gegenstanden 
so verhalten wie das TraumbewuBtsein des Sinnenmen- 
schen zu seinem WachbewuBtsein. Aber allmaWich wird 
er auch auf dieser Stufe voll erwachen. 

Die hochste Errungenschaft des Hellsehers, der den 
charakterisierten Grad des Schauens erreicht hat, ist die- 
jenige, auf welcher sich ihm die astralen Gegenwirkun- 
gen der tierischen und menschlichen Triebe und Leiden- 
schaften zeigen. Eine liebevolle Handlung hat eine an- 
dere astrale Begleiterscheinung als eine solche, die vorn 
Hasse ausgeht. Die sinnlose Begierde stellt auBer sich 
selbst noch ein haBliches astrales Gegenbild dar, die auf 



Hohes gerichtete Empfindung dagegen ein schones. Diese 
Gegenbilder sind wahrend des physischen Menschen- 
lebens nur schwach zu sehen. Denn ihre Starke wird 
durch das Leben in der physischen Welt beeintrachtigt. 
Ein Wunsch nach einem Gegenstande erzeugt z. B. 
ein solches Spiegelbild auBer dem, als" welches dieser 
Wunsch selbst in der. astralen Welt erscheint. Wird aber 
der Wunsch durch das Erlangen des physischen Gegen- 
standes befriedigt oder ist wenigstens die Moglichkeit zu 
solcher Befriedigung vorhanden, so wird das Gegenbild 
nur ein sehr schwacher Schein sein. Zu seiner vollen Gel- 
tung gelangt es erst nach dem Tode des Menschen, wenn 
die Seelenoch immer, ihrer Natur nach, solchen Wunsch 
hegen muB, ihn aber nicht mehr befriedigen kann, weil 
der Gegenstand und auch das physische Organ dazu 
fehlen. Der sinnlich veranlagte Mensch wird auch nach 
seinem Tode z. B. die Gier nach GaumengenuB haben. 
Ihm fehlt jetzt aber die Moglichkeit der Befriedigung, da 
er doch keinen Gaumen mehr hat. Das hat zur Folge, daB 
der Wunsch ein besonders heftiges Gegenbild erzeugt, 
von dem die Seele dann gequalt wird. Man nennt diese 
Erfahrungen durch die Gegenbilder der niederen Seelen- 
natur nach dem Tode die Erlebnisse im Seelenreich, be- 
sonders in dem Ort der Begierden. Sie schwinden erst, 
wenn die Seele sich gelautert hat von alien nach der phy- 
sischen Weit hinzielenden Begierden. Dann steigt diese 
Seele erst in das hohere Gebiet (Geisteswelt) auf. - Wenn 
auch diese Gegenbilder beim noch physisch lebenden 
Menschen schwach sind: sie sind doch vorhanden und 
begleiten ihn als seine Begierden- Anlage, wie den Ko- 
meten sein Schwei'T begleitet. Und der Hellseher kann sie 



sehen, wenn er die entsprechende Entwickelungsstufe 
erreicht hat. 

In solchen Erfahrungen und in alien denen, welche da- 
mit verwandt sind, lebt der Geheimschiiler in dem Sta- 
dium, das beschrieben worden ist. Bis zu noch hoheren 
geistigen Erlebnissen kann er es auf dieser Entwickelungs- 
stufe noch nicht bringen. Er muB von da an noch hoher 
aufwarts steigen. 



DIE ERLANGUNG DER KONTINUITAT 
DES BEWUSSTSEINS 



Das Leben des Menschen verlauft im Wechsel von drei 
Zustanden. Diese sind: Wachsein, traumerfullter Schlaf 
und traumloser defer Schlaf. Man kann verstehen, wie 
man zu den hoheren Erkenntnissen der geistigen Welten 
gelangt, wenn man sich eine Vorstellung davon bildet, 
was fiir Veranderungen in bezug auf diese drei Zustande 
bei demjenigen Menschen vorgehen mlissen, der solche 
Erkenntnis suchen will. Bevor der Mensch eine Schulung 
fur diese Erkenntnis durchgemacht hat, wird sein BewuBt- 
sein fortwahrend unterbrochen von den Ruhepausen des 
Schlafes. In diesen Pausen weiB die Seele nichts von der 
AuBenwelt und auch nichts von sich selbst. Nur fiir ge- 
wisse Zeiten tauchen aus dem allgemeinen Meere der Be- 
wuBtlosigkeit die Traume auf, welche anknlipfen an Vor- 
gange der AuBenwelt oder an Zustande des eigenen Lei- 
bes. Zunachst sieht man in den Traumen nur eine beson- 
dere AuBerung des Schlaflebens, und man spricht daher 
wohl liberhaupt nur von zwei Zustanden: Schlafen und 
Wachen. Fiir die Geheimwissenschaft aber hat der Traum 
eine selbstandige Bedeutung neben den beiden anderen 
Zustanden. Es ist im vorigen Kapitel beschrieben worden, 
welche Veranderung in dem Traumleben des Menschen 
vorgeht, der den Aufstieg zu hoherer Erkenntnis unter- 
nimmt. Seine Traume verlieren den bedeutungslosen, un- 
regelmaBigen und zusammenhanglosen Charakter und 
werden immer mehr und mehr zu einer regelerftillten, zu- 
sammenhangenden Welt. Bei weiterer Entwickelung gibt 
dann diese aus der Traumwelt geborene neue Welt der 



auBeren sinnlichen Wirklichkeit nicht nur an innerer 
Wahrheit nichts nach, sondern in ihr offenbaren sich Tat- 
sachen, die im vollen Sinne des Wortes eine hohere Wirk- 
lichkeit darstellen. In der sinnlichen Welt sind namlich 
tiberall Geheimnisse und Ratsel verborgen. Diese Welt 
zeigt wohl die Wirkungen gewisser hoherer Tatsachen; 
allein der Mensch, der seine Wahrnehmung bloB auf seine 
Sinne beschrankt, kann nicht zu den Ursachen dringen. 
Dem Geheimschuler offenbaren sich in dem geschilder- 
ten, aus dem Traumleben herausgebildeten, aber keines- 
wegs etwa bei ihm stehenbleibenden Zustande diese U r- 
sachen teilweise. - Er darf ja allerdings diese Offenbarun- 
gen so lange nicht als wirkliche Erkenntnisse ansehen, als 
sich ihm noch nicht wahrend des gewohnlichen wachen 
Lebens dieselben Dinge zeigen. Aber auch dazu gelangt 
er. Er entwickelt sich dazu, den Zustand, den er erst aus 
dem Traumleben sich geschaffen hat, in das wache Be- 
wuBtsein heruberzunehmen. Dann ist fur ihn die Sinnen- 
welt um etwas ganz N eues bereichert. Wie ein Mensch, 
der, blind geboren und operiert, nach seinem Sehend- 
werden die Dinge der Umgebung um all die Wahrneh- 
mungen des Auges bereichert erkennt, so schaut der 
auf obige Art hellsehend gewordene Mensch die ganze 
ihn umgebende Welt mit neuen Eigenschaften, Din- 
gen, Wesen usw. Er braucht nunmehr nicht auf den 
Traum zu warten, um in einer anderen Welt zu leben, 
sondern er kann sich zu hoherer Wahrnehmung immer, 
wenn es angemessen ist, in den geschilderten Zustand ver- 
setzen. Bei ihm hat dann dieser Zustand eine ahnliche Be- 
deutung, wie im gewohnlichen Leben eine solche das 
Wahrnehmen der Dinge bei tatigen Sinnen gegentiber 



dem bei nicht tatigen Sinnen hat. Man kann eben in wah- 
rem Sinne sagen: der Geheimschiiler offnet die Sinne sei- 
ner Seele, und er schaut die Dinge, welche den leiblichen 
Sinnen verborgen bleiben miissen. 

Dieser Zustand bildet nun nur einen Ubergang zu noch 
hoheren Stufen der Erkenntnis des Geheimschiilers. Setzt 
dieser die ihm bei seiner Geheimschulung dienenden 
Ubungen fort, so wird er nach angemessener Zeit finden, 
daB nicht nur mit seinem Traumleben die beschriebene 
durchgreifende Veranderung vorgeht, sondern daB sich 
die Verwandlung auch auf den vorher traumlosen tiefen 
Schlaf ausdehnt. Er merkt, daB die vollige BewuBtlosig- 
keit, in welcher er sich friiher wahrend dieses Schlafes be- 
funden hat, unterbrochen wird von vereinzelten bewuB- 
ten Erlebnissen. Aus der allgemeinen Finsternis des Schla- 
fes tauchen Wahrnehmungen von einer Art auf, die er 
vorher nicht gekannt hat. Es ist natiirlich nicht leicht, 
diese Wahrnehmungen zu beschreiben, denn unsere Spra- 
che ist ja nur fiir die Sinneswelt geschaffen, und man kann 
daher nur annahernd Worte fiir das finden, was gar nicht 
dieser Sinnesweh angehort. Doch muB man die Worte zur 
Beschreibung der hoheren Wehen zunachst verwenden. 
Das kann nur dadurch geschehen, daB vieles in Gleich- 
nissen gesagt wird. Aber da alles in der Welt mit anderem 
verwandtist, so kann dies auch geschehen. Die Dinge und 
Wesen der hoheren Wehen sind mit denen der Sinneswelt 
wenigstens so weit verwandt, daB bei gutem Willen im- 
merhin eine Vorstellung von diesen hoheren Welten auch 
durch die fiir die Sinneswelt gebrauchlichen Worte erzielt 
werden kann. Man muB sich nur immer dessen bewuBt 
bleiben, daB vieles bei solchen Beschreibungen iibersinn- 



licher Weiten Gleichnis und Sinnbild sein muB. - Die 
Geheimschulung selbst vollzieht sich daher nur zum 
Teil in den Worten der gewohnlichen Sprache; im iibri- 
gen lernt der Schiller zu seinem Aufstieg noch eine 
sich wie selbstverstandlich ergebende sinnbildliche Aus- 
drucksart. Man muB sie sich wahrend der Geheim- 
schulung selbst aneignen. Dies hindert aber nicht, daB 
man auch durch gewohnliche Beschreibungen, wie sie 
hier gegeben werden, etwas iiber die Natur der hoheren 
Weiten erfahrt. 

Will man eine Vorstellung geben von den oben er- 
wahnten Erlebnissen, die zunachst aus dem Meere der Be- 
wuBtlosigkeit wahrend des tiefen Schlafes auftauchen, so 
kann man sie am besten mit einer Art von Horen verglei- 
chen. Von wahrgenommenen Tonen und Worten kann 
man sprechen. Wie man die Erlebnisse des Traumschlafes 
zutreffend als eine Art des Schauens im Vergleiche mit 
denWahrnehmungenderSinne bezeichnenkann, so lassen 
sich die Tatsachen des tiefen Schlafes mit den Eindriicken 
des Ohres vergleichen. (Als Zwischenbemerkung soil nur 
gesagt werden, dafi das Schauen auch rur die geistigen 
Weiten das Hohere ist. Farben sind auch in dieser Welt 
etwas Hoheres als Tone und Worte. Aber das, was der 
Geheimschiiler von dieser Welt bei seiner Schulung zuerst 
wahrnimmt, sind eben noch nicht die hoheren Farben, 
sondern die niederen Tone. Nur weil der Mensch nach 
seiner allgemeinen Entwickelung ftir die Weit schon ge- 
eigneter ist, die sich im Traumschlaf offenbart, nimmt er 
da sogleich die Farben wahr. Fur die hohere Welt, die sich 
im Tiefschlaf enthiillt, ist er noch weniger geeignet. Des- 
halb offenbart sich diese ihm zunachst in Tonen und Wor- 



ten; spater kann er auch hier zu Farben und Formen auf- 
steigen.) 

Wenn nun der Geheimschiiler merkt, daB er solche Er- 
lebnisse im tiefen Schlafe hat, dann ist es zunachst seine 
Aufgabe, sich dieselben so deutlich und klar wie moglich 
zu machen. Anfangs fallt das sehr schwer; denn die Wahr- 
nehmung des in diesem Zustande Erlebten ist zunachst 
eine auBerordentlich geringe. Man weiB nach dem Erwa- 
chen wohl, daB man etwas erlebt hat; was es aber gewesen 
ist, dariiber bleibt man vollig im unklaren. Das Wich- 
tigste wahrend dieses Anfangszustandes ist, daB man ruhig 
und gelassen bleibt und nicht einen Augenblick in irgend- 
welche Unruhe und Ungeduld verfallt. Diese miiBten 
unter alien Umstanden nur schadlich wirken. Vor allem 
konnen sie die weitere Entwickelung nie beschleunigen, 
sondern miissen sie verzogern. Man muB sich ruhig sozu- 
sagen dem uberlassen, was einem gegeben oder geschenkt 
wird; alles Gewaltsame muB unterbleiben. Kann man in 
einem Zeitpunkte Schlaferlebnisse nicht gewahr werden, 
so warte man geduldig, bis dieses moglich sein wird. Denn 
dieser Augenblick kommt gewiB einmal. Und war man 
vorher geduldig und gelassen, so bleibt dann die Wahr- 
nehmungsfahigkeit ein sicherer Besitz, wahrend sie bei 
einem gewaltsamen Vorgehen zwar einmal auftreten, aber 
sich dann wieder fiir langere Zeit vollstandig verlieren 
kann. 

Ist die Wahrnehmungsfahigkeit einmal eingetreten 
und stehen einem die Schlaferlebnisse vollkommen klar 
und deutlich vor dem BewuBtsein, dann hat man auf fol- 
gendes die Aufmerksamkeit zu richten. Unter diesen Er- 
lebnissen sind ganz genau zweierlei Arten zu unterschei- 



den. Die eine Art 'wird ganz fremd sein gegeniiber all 
dem, was man vorher jemals kennengelernt hat. An die- 
sen Erlebnissen mag man zunachst seine Freude haben; 
man mag sich an ihnen erbauen; aber man lasse sie im 
iibrigen vorlaufig auf sich beruhen. Siesind die ersten Vor- 
boten der hoheren geistigen Welt, in welcher man sich 
erst spater zurechtfnden wird. Die andere Art von Erleb- 
nissen aber wird dem aufmerksamen Betrachter eine ge- 
wisse Verwandtschaft mit der gewohnlichen Welt zeigen, 
in welcher er lebt. Woriiber er wahrend des Lebens nach- 
denkt, was er begreifen mochte an den Dingen seiner 
Umgebung, aber mit dem gewohnlichen Verstande nicht 
begreifen kann, dariiber geben ihm diese Schlaferlebnisse 
AufschluB. Der Mensch denkt wahrend des Alltagslebens 
iiber das nach, was ihn umgibt. Er macht sich Vorstellun- 
gen, urn den Zusammenhang der Dinge zu begreifen. Er 
sucht das durch Begriffe zu verstehen, was seine Sinne 
wahrnehmen. Auf solche Vorstellungen und Begriffe be- 
ziehen sich die Schlaferlebnisse. Was friiher dunkler, 
schattenhafter Begriff war, gewinnt etwas Klangvolles, 
Lebendiges, das man eben nur mit den Tonen und Wor- 
ten der Sinneswelt vergleichen kann. Es wird dem Men- 
schen immer mehr so, wie wenn ihm die Losung der Rat- 
sel, iiber die er nachdenken muB, aus einer hoheren Welt 
in Tonen und Worten zugeraunt wiirde. Und er vermag 
dann dasjenige, was ihm aus einer anderen Welt zu- 
kommt, mit dem gewohnlichen Leben zu verbinden. Was 
vorher nur sein Gedanke erreichen konnte, ist jetzt fur 
ihn Erlebnis, so lebendig und inhaltvoll wie nur irgend- 
ein Erlebnis der Sinneswelt sein kann. Die Dinge und 
Wesen dieser Sinneswelt sind eben durchaus nicht bloB 



das, als was sie der Sinneswahrnehmung erscheinen. Sie 
sind der Ausdruck und AusfluB einer geistigen Welt. 
Diese vorher verborgene Geisteswelt tont jetzt fiir den 
Geheimschiiler aus seiner ganzen Umgebung heraus. 

Es istleicht einzusehen, daB ein Segen in dieser hoheren 
Wahrnehmungsfahigkeit fiir den Menschen nur dann lie- 
gen kann, wenn in den seelischen Sinnen, die sich ihm er- 
offnethaben, alles in Ordnung ist, wie ja der Mensch auch 
seine gewohnlichen Sinneswerkzeuge zur wahren Beob- 
achtung der Welt nur gebrauchen kann, wenn sie gesetz- 
maBig eingerichtet sind. Nun bildet sich der Mensch 
selbst diese hoheren Sinne durch die Ubungen, die ihm die 
Geheimschulung anweist. - Zu diesen Ubungen gehort 
die Konzentration, das ist das Richten der Aufmerksam- 
keit auf ganz bestimmte mit den Weltgeheimnissen zu- 
sammenhangende Vorstellungen und Begriffe. Und es 
gehort ferner dazu das Meditieren, das ist das Leben in sol- 
chen Ideen, das vollkommene Versenken in dieselben in 
vorgeschriebener Art. Durch Konzentrieren und Meditie- 
ren arbeitet der Mensch an seiner Seele. Er entwickelt da- 
durch in ihr die seelischen Wahrnehmungsorgane. Wah- 
rend er den Aufgaben der Konzentration und Meditation 
obliegt, wachst innerhalb seines Leibes seine Seele, wie 
der Kindeskeim im Leibe der Mutter wachst. Und wenn 
dann wahrend des Schlafes die geschilderten einzelnen 
Erlebnisse eintreten, dann riickt der Moment der Geburt 
heran fiir die freigewordene Seele, die dadurch buchstab- ■, 
lieh ein anderes Wesen geworden ist, das der Mensch in 
sich zur Keimung und Reifung bringt. - Die Anstrengun- 
gen fiir das Konzentrieren und das Meditieren miissen 
deshalb sorgfaltige sein, und sie miissen genau eingehal- 



ten werden, weil sie ja die Gesetze ftir die Keimung und 
das Reifwerden des gekennzeichneten hoheren Menschen- 
Seelenwesens sind. Und dieses muB bei seiner Geburt ein 
in sich harmonischer, richtig gegliederter Organismus 
sein. Wird aber in den Vorschriften etwas verfehlt, so 
kommt nicht ein solches gesetzmaBiges Lebewesen, son- 
dern eine Fehlgeburt auf geistigem Gebiet zustande, die 
nicht lebensfahig ist. 

DaB die Geburt dieses hoheren Seelenwesens zunachst 
im tiefen Schlafe erfolgt, wird begreiflich erscheinen, 
wenn man bedenkt, daB der zarte, noch wenig wider- 
standsfahige Organismus bei einem etwaigen Erscheinen 
wahrend des sinnlichen Alltagslebens durch die starken, 
harten Vorgange dieses Lebens ja gar nicht zur Geltung 
kommen konnte. Seine Tatigkeit kame nicht in Betracht 
gegeniiber der Tatigkeit des Leibes. Im Schlafe, wenn der 
Korper ruht, soweit seine Tatigkeit von der sinnlichen 
Wahrnehmnung abhangt, kanndie im Anfang so zarte, un- 
scheinbare Tatigkeit der hoheren Seele zum Vorschein 
kommen. - Wieder aber muB beachtet werden, daB der 
GeheimschuTer die Schlaferlebnisse so lange nicht als 
vollgiiltige Erkenntnisse ansehen darf, solange er nicht 
imstande ist, die erwachte hohere Seele auch in das Tages- 
bewuBtsein heriiberzunehmen. Ist er das imstande, so ver- 
mag er auch zwischen und innerhalb der Tageserlebnisse 
die geistige Welt nach ihrem Charakter wahrzunehmen, 
das heiBt, er kann die Geheimnisse seiner Umgebung 
seelisch als Tone und Worte erfassen. 

Nun muB man sich auf dieser Stufe der Entwickelung • 
klarwerden, daB man es ja zunachst mit einzelnen mehr 
oder weniger unzusammenhangenden geistigen Erlebnis- 



sen zu tun hat. Man muB sich daher htiten, sich aus ihnen 
irgendein abgeschlossenes oder auch nur zusammenhan- 
gendes Erkenntnisgebaude aufbauen zu wollen. Da miiB- 
ten sich allerlei phantastische Vorstellungen und Ideen in 
die Seelenwelt einmischen; und man konnte sich so sehr 
leicht eine Welt zusammenbauen, die mit der wirklichen 
geistigen gar nichts zu tun hat. Strengste Selbstkontrolle 
muB ja von dem Geheimschuler fortwahrend getibt wer- 
den. Das richtigste ist, tiber die einzelnen wirklichen Er- 
lebnisse, die man hat, immer mehr und mehr zur Klarheit 
zu kommen und abzuwarten, bis sich neue ergeben in vol- 
lig ungezwungener Art, die sich wie von selbst mit den 
schon vorhandenen verbinden. - Es tritt da namlich bei 
dem Geheimschuler durch die Kraft der geistigen Welt, 
in die er nun einmal gekommen ist, und bei Anwendung 
der entsprechenden Ubungen eine immer mehr um sich 
greifende Erweiterung des BewuBtseins im tiefen Schlafe 
ein. Immer mehr Erlebnisse treten hervor aus der BewuBt- 
losigkeit und immer kleinere Strecken des Schlaflebens 
werden bewuBtlos sein. So schlieBen sich dann die ein- 
zelnen Schlaferfahrungen eben immer mehr von selbst 
zusammen, ohne daB dieser wahre ZusammenscWuB 
durch allerlei Kombinationen und SchluBfolgerungen ge- 
stort wtirde, die doch nur von dem an die Sinneswelt ge- 
wohnten Verstande herruhren wtirden. Je weniger aber 
von den Denkgewohnheiten dieser sinnlichen Welt in un- 
berechtigter Weise hineingemischt wird in die hoheren 
Erlebnisse, desto besser ist es. Verhalt man sich so, dann 
nahert man sich immer mehr und mehr derjenigen Stufe 
auf dem Wege zu hoherer Erkenntnis, auf welcher Zu- 
stande, die vorher nur unbewuBt im Schlafleben vorhan- 



den waren, in vollstandig bewuBte umgewandelt werden. 
Man lebt dann, wenn der Korper ruht, ebenso in einer 
Wirklichkeit, wie dies beim Wachen der Fall ist. Es wird 
iiberflussig sein, zu bemerken, daB wahrend des Schlafes 
selbst zunachst man es mit einer anderen Wirklichkeit zu 
tun hat, als die sinnliche Umgebung ist, in welcher sich 
der Korper befindet. Man lernt ja und muB - um fest auf 
dem Boden der Sinneswelt stehenzubleiben und nicht 
Phantast zu werden - lernen, die hoheren Schlaferleb- 
nisse an die sinnliche Umgebung anzukniipfen. Aber zu- 
nachst ist eben die im Schlaf erlebte Welt eine vollkom- 
men neue Offenbarung. - Man nennt in der Geheimwis- 
senschaft die wichtige Stufe, die in der BewuBtheit des 
Schlaflebens besteht, die Kontinuitat (Ununterbrochen- 
heit) des BewuBtseins." 

Bei einem Menschen, der diese Stufe erreicht hat, hort 
das Erleben und Erfahren in solchen Zeiten nicht auf, in 
denen der physische Leib ruht und der Seele keine Ein- 
driicke durch die Sinneswerkzeuge zugefiihrt werden. 



* Was hier angedeutet wird, ist fur eine gewisse Stufe der Entwicke- 
lung eine Art «Ideal», das am Ende eines langen Weges liegt. Was der 
Geheimschiiler zunachst kennenlernt, sind die zwei Zustande: BewuBt- 
sein bei einer seelischen Verfassung, in welcher ihm vorher nur regel- 
lose Traume, und in einer solchen, in der nur bewuBtloser, traumloser 
Schlaf moglich war. 



DIE SPALTUNG DER PERSONLICHKEIT 
WAHREND DER GEISTESSCHULUNG 



Wahrend des Schlafes empfangt die menschliche Seele 
nicht die Mitteilungen von seiten der physischen Sinnes- 
werkzeuge. Die Wahrnehmungen der gewohnlichen Au- 
Benwelt flieBen ihr in diesem Zustande nicht zu. Sie ist in 
Wahrheit in gewisser Beziehung aufierhalb des Teiles der 
menschlichenWesenheit, des sogenanntenphysischenLei- 
bes, welcher im Wachen die Sinneswahrnehmungen und 
das Denken vermittelt. Sie ist dann nur in Verbindung mit 
den feineren Leibern (dem Atherleib und dem Astralleib), 
welche sichder Beobachtung der physischen Sinne entzie- 
hen. Aber die Tatigkeit dieser feineren Leiber hort im 
Schlafe nicht etwa auf. So wie der physische Leib mit den 
Dingen und Wesen der physischen Weit in Verbindung 
steht, wie er von ihnen Wirkungen empfangt und auf sie 
wirkt, so lebt die Seele in einer hoheren Weit. Und dieses 
Leben dauert wahrend des Schlafes fort. Tatsachlich ist 
die Seele wahrend des Schlafes in voller Regsamkeit. Nur 
kann der Mensch von dieser seiner eigenen Tatigkeit so 
lange nichts wissen, als er nicht geistige Wahrnehmungs- 
organe hat, durch welche er wahrend des Schlafes ebenso- 
gut beobachten kann, was um ihn herum vorgeht und was 
er selber treibt, wie er das mit seinen gewohnlichen Sin- 
nen im Tagesleben flir seine physische Umgebung kann. 
Die Geheimschulung besteht (wie in den vorhergehenden 
Kapiteln gezeigt worden ist) in der Ausbildung solcher 
geistigen Sinneswerkzeuge. 

Verwandelt sich nun durch die Geheimschulung das 
Schlafleben des Menschen in dem Sinne, wie es im vori- 



gen Kapitel beschrieben worden ist, so kann er alles, was 
in diesem Zustande urn ihn herum vorgeht, bewuBt ver- 
folgen; er kann sich willklirlich in seiner Umgebung zu- 
rechtfinden, wie das mit seinen Erlebnissen wahrend des 
wachen Alltagslebens durch die gewohnlichen Sinne der 
Fall ist. Dabei ist allerdings zu beachten, daB die Wahr- 
nehmung der gewohnlichen sinnlichen Umgebung schon 
einen hoheren Grad des Hellsehens voraussetzt. (Es ist 
darauf schon im vorigen Kapitel hingedeutet worden.) Im 
Beginn der Entwickelung nimmt der Geheimschliler nur 
Dinge wahr, die einer anderen Welt angehoren, ohne 
deren Zusammenhang mit den Gegenstanden seiner all- 
taglichen sinnlichen Umgebung bemerken zu konnen. 

Was an so charakteristischen Beispielen des Traum- 
und Schlaflebens anschaulich wird, findet fortwahrend 
beim Menschen statt. Die Seele lebt ohne Unterbrechung 
in hoheren Wehen und ist innerhalb der letzteren tatig. 
Sie schopft aus diesen hoheren Wehen heraus die Anre- 
gungen, durch welche sie immerwahrend auf den physi- 
schen Leib wirkt. Nur bleibt fur den Menschen dieses sein 
hoheres Leben unbewufit. Der Geheimschliler aber bringt 
es zum BewuBtsein. Dadurch wird sein Leben uberhaupt 
ein anderes. Solange die Seele nicht im hoheren Sinne 
sehend ist, wird sie von ubergeordneten Weltwesen ge- 
flihrt. Und wie das Leben eines Blinden, der durch Opera- 
tion sehend geworden ist, ein anderes wird, als es vorher 
war, da er sich auf seine Ftihrerschaft verlassen muBte, so 
andert sich das Leben des Menschen durch die Geheim- 
schulung. Er wird der Ftihrerschaft entwachsen und muB 
fortan seine Leitung selbst ubernehmen. Sobald dies ein- 
tritt, ist er, wie begreiflich, Irrtumern unterworfen, von 



denen das gewohnlicheBewuBtseinnichts ahnt. Erhandelt 
jetzt aus einer Welt heraus, aus der ihn friiher hohere Ge- 
walten, ihm selbstunbewuBt, beeinfluBten. Diese hoheren 
Gewalten sind durch die allgemeine Weltharmonie ge- 
ordnet. Aus dieser Weltharmonie tritt der Geheimschiiler 
heraus. Er hat nunmehr selbst Dinge zu tun, die vorher 
fiir ihn ohne sein Zutun vollzogen worden sind. 

Weil dies letztere der Fall ist, deshalb wird in den 
Schriften, die von solchen Dingen handeln, viel von den 
Gefahren gesprochen, welche mit dem Aufstieg in die 
hoheren Welten verbunden sind. Die Schilderungen, die 
da zuweilen von solchen Gefahren gemacht werden, sind 
wohl geeignet, angstliche Gemiiter nur mit Schaudern auf 
dieses hohere Leben blicken zu lassen. Doch muB gesagt 
werden, daB diese Gefahren nur dann vorhanden sind, 
wenn die notwendigen VorsichtsmaBregeln auBer acht 
gelassen werden. Wenn dagegen wirklich alles beachtet 
wird, was wahre Geheimschulung als Ratschlage an die 
Hand gibt, dann erfolgt der Aufstieg zwar durch Erleb- 
nisse hindurch, die an Gewalt und GroBe alles iiberragen, 
was die kiihnste Phantasie des Sinnenmenschen sich aus- 
malen kann; aber von einer Beeintrachtigung der Ge- 
sundheit oder des Lebens kann nicht die Rede sein. Der 
Mensch lernt grausige, das Leben an alien Ecken und En- 
den bedrohende Gewalten kennen. Es wird ihm moglich, 
sich selbst gewisser Krafte und Wesen zu bedienen, wel- 
che der sinnlichen Wahrnehmung entzogen sind. Und 
die Versuchung ist groB, sich dieser Krafte im Dienste ei- 
nes eigenen unerlaubten Interesses zu bemachtigen oder 
aus mangelnder Erkenntnis der hoheren Wehen in irr- 
tiimlicher Weise solche Krafte zu verwenden. Einige 



von solchen besonders bedeutsamen Erlebnissen (z. B. 
die Begegnung mit dem «HUter der Schwelle») sollen 
noch in diesen Aufsatzen geschildert werden. - Aber man 
muB doch bedenken, daB die lebenfeindlichen Machte 
auch dann vorhanden sind, wenn man sie nicht kennt. 
Wahr ist allerdings, daB dann deren Verhaltnis zum Men- 
. sehen von hoheren Kraften bestimmt wird und daB dieses 
Verhaltnis sich auch andert, wenn der Mensch mit Be- 
wuBtsein in diese ihm vorher verborgene Weit eintritt. 
Aber es wird dafiir auch sein eigenes Dasein gesteigert, 
sein Lebenskreis um ein ungeheures Feld bereichert. Eine 
wirkliche Gefahr liegt nur dann vor, wenn der Geheim- 
schiiler durch Ungeduld oder Unbescheidenheit sich ge- 
geniiber den Erfahrungen der hoheren Weit zu friih eine 
gewisse Selbstandigkeit beimiBt, wenn er nicht abwarten 
kann, bis ihm die zureichende Einsicht in die iibersinn- 
lichen Gesetze wirklich zuteil wird. Auf diesem Gebiete 
sind eben Demut und Bescheidenheit noch viel weniger 
leere Worte als im gewohnlichen Leben. Sind diese aber 
dem Schiiler im allerbesten Sinne eigen, so kann er sicher 
sein, daB sich sein Aufstieg ins hohere Leben gefahrlos fiir 
alles das vollzieht, was man gewohnlich Gesundheit und 
Leben nennt. - Vor alien Dingen darf keine Disharmonie 
aufkommen zwischen den hoheren Erlebnissen und den 
Vorgangen und Anforderungen des alltaglichen Lebens. 
Des Menschen Aufgabe ist durchaus auf dieser Erde zu 
suchen. Und wer den Aufgaben auf dieser Erde sich ent- 
ziehen und in eine andere Welt fluchten will, der mag 
sicher sein, daB er sein Ziel nicht erreicht. - Aber was die 
Sinne wahrnehmen, ist nur ein Teil der Welt. Und im 
Geistigen liegen die Wesenheiten, welche sich in den Tat- 



sachen der sinnlichen Welt ausdriicken. Man soil teilhaf- 
tig werden des Geistes, damit man seine Offenbarungen in 
die Sinneswelt hineintragen kann. Der Mensch gestaltet 
die Erde um, indem er ihr einpflanzt, was er von dem Gei- 
sterlande her erkundet. Darinnen liegt seine Aufgabe. Nur 
weil die sinnliche Erde von der geistigen Weit abhangt, 
weil man wahrhaft auf der Erde nur wirken kann, wenn 
man Teilhaber an jenen Welten ist, in denen die schaffen- 
den Krafte verborgen sind, deshalb soil man zu diesen letz- 
teren aufsteigen wollen. Tritt man mit dieser Gesinnung 
an die Geheimschulung heran und weicht man keinen 
Augenblick von der dadurch vorgezeichneten Richtung 
ab, dann hat man nicht die allergeringsten Gefahren zu 
befiirchten. Niemand sollte sich von den in Aussicht ste- 
henden Gefahren von der Geheimschulung abhalten las- 
sen; fur einen jeden aber sollte diese Aussicht eine strenge 
Aufforderung sein, sich durchaus jene Eigenschaften an- 
zueignen, welche der wahre Geheimschuler haben soil. 

N ach diesen Voraussetzungen, die wohl alles Schreck- 
hafte beseitigen, soil nun hier an die Schilderung eini- 
ger sogenannter «Gefahren» geschritten werden. GroBe 
Veranderungen gehen allerdings mit den obengenannten 
feineren Leibern beim Geheimschuler vor sich. Solche 
Veranderungen hangen mit gewissen Entwickelungsvor- 
gangen der drei Grundkrafte der Seele, mit Wollen, 
Fuhlen und Denken zusammen. Diese drei Krafte stehen 
vor der Geheimschulung des Menschen in einer ganz 
bestimmten, durch hohere Weltgesetze geregelten Ver- 
bindung. Nicht in beliebiger Weise will, fiihlt oder 
denkt der Mensch. Wenn z. B. eine bestimmte Vorstellung 
im BewuBtsein auftaucht, so schlieBt sich an sie nach 



nattirlichen Gesetzen ein gewisses Geflihl oder es folgt 
auf sie ein gesetzmaBig mit ihr zusammenhangender Wil- 
lensentschluB. Man betritt ein Zimmer, findet es dumpfig 
und offnet die Fenster. Man hort seinen Namen rufen und 
folgt dem Rufe. Man wird gefragt und gibt Antwort. Man 
sieht ein tibelriechendes Ding und bekommt ein Geflihl 
von Unlust. Das sind einfache Zusammenhange zwischen 
Denken, Ftihlen und Wollen. Wenn man aber das mensch- 
liche Leben liberschaut, so wird man finden, daB sich alles 
in diesem Leben auf solche Zusammenhange aufbaut. 
Ja, man bezeichnet das Leben eines Menschen nur dann 
als ein «normales», wenn man in demselben eine solche 
Verbindung von Denken, Ftihlen und Wollen bemerkt, 
die in den Gesetzen der menschlichen Natur begrtindet 
liegt. Man fande es diesen Gesetzen widersprechend, 
wenn ein Mensch z;B. beim Anblick eines tibelriechenden 
Gegenstandes ein Lustgeftihl empfande oder wenn er auf 
Fragen nicht antwortete. Die Erfolge, die man sich von 
einer richtigen Erziehung oder einem angemessenen Un- 
terricht verspricht, beruhen darauf, daB man voraussetzt, 
man konne eine der menschlichen Natur entsprechende 
Verbindung zwischen Denken, Ftihlen und Wollen beim 
Zogling herstellen. Wenn man diesem gewisse Vorstel- 
lungen beibringt, so tut man es in der Annahme, daB sie 
spater mit seinen Geftihlen und Willensentschlussen in 
gesetzmaBige Verbindungen eingehen. - Alles das riihrt 
davon her, daB in den feineren Seelenleibern des Men- 
schen die Mittelpunkte der drei Krafte, des Denkens, 
Ftihlens und Wollens, in einer gesetzmaBigen Art mitein- 
ander verbunden sind. Und diese Verbindung in dem fei- 
neren Seelenorganismus hat auch ihr Abbild in dem gro- 



ben physischen Korper. Auch in diesem stehen die Organe 
des Wollens in einer gewissen gesetzmaBigen Verbindung 
mit denen des Denkens und Fiihlens. Ein bestimmter Ge- 
danke ruft regelmaBig daher ein Gefiihl oder eine Wil- 
lenstatigkeit hervor. - Bei der hoheren Entwickelung des 
Menschen werden nun die Faden, welche die drei Grund- 
krafte miteinander verbinden, unterbrochen. Zuerst ge- 
schieht diese Unterbrechung nur in dem charakterisierten 
feineren Seelenorganismus; bei noch hoherem Aufstieg 
aber erstreckt sich die Trennung auch auf den physi- 
schen Korper. (Es zerfallt bei der hoheren geistigen Ent- 
wickelung des Menschen tatsachlich z. B. sein Gehirn 
in drei voneinander getrennte Glieder. Die Trennung ist 
allerdings eine solche, daB sie ftir die gewohnliche sinn- 
liehe Anschauung nicht wahrnehmbar und auch durch die 
scharfsten sinnlichen Instrumente nicht nachweisbar ist. 
Aber sie tritt ein, und der Hellseher hat Mittel, sie zu 
beobachten. Das Gehirn des hoheren Hellsehers zerfallt 
in drei selbstandig wirkende Wesenheiten: das Denk-, 
Fiihl- und Willens gehirn.) 

Die Organe des Denkens, Fiihlens und WoUens stehen 
sodann ganz frei fur sich da. Und ihre Verbindung wird 
nunmehr durch keine ihnen selbst eingepflanzten Geset- 
ze hergestellt, sondern muB durch das erwachte hohere 
BewuBtsein des Menschen selbst besorgt werden. - Das 
ist namlich die Veranderung, welche der Geheimschiiler 
an sich bemerkt, daB kein Zusammenhang zwischen 
einer Vorstellung und einem Gefiihl oder einem Gefiihl 
und einem WillensentschluB usw. sich einstellt, wenn 
er nicht selbst einen solchen schafft. Kein Antrieb fiihrt 
ihn von einem Gedanken zu einer Handlung, wenn er 



diesen Antrieb nicht frei in sich bewirkt. Er kann nun- 
mehr vollig geftihllos vor einer Tatsache stehen, die ihm 
vor seiner Schulung gltihende Liebe oder argsten HaB ein- 
gefloBt hat; er kann untatig bleiben bei einem Gedanken, 
der ihn vorher zu einer Handlung wie von selbst begei- 
stert hat. Und er kann Taten verrichten aus Willens- 
entschltissen heraus, fur welche bei einem nicht durch die 
Geheimschulung hindurchgegangenen Menschen auch 
nicht die geringste Veranlassung vorliegt. Die groBe Er- 
rungenschaft, welche dem Geheimschuler zuteil wird, ist, 
daB er die vollkommene Herrschaft erlangt iiber das Zu- 
sammenwirken der drei Seelenkrafte; aber dieses Zusam- 
menwirken wird daflir auch vollstandig in seine eigene 
Verantwortlichkeit gestellt. 

Erst durch diese Umwandlung seines Wesens kann 
der Mensch in bewuBte Verbindung treten mit gewissen 
tibersinnlichen Kraften und Wesenheiten. Denn es haben 
seine eigenen Seelenkrafte zu gewissen Grundkraften 
der Welt entsprechende Verwandtschaft. Die Kraft z. B., 
die im Willen liegt, kann auf bestimmte Dinge und 
Wesenheiten der hoheren Welt wirken und diese auch 
wahrnehmen. Aber sie kann das erst dann, wenn sie frei 
geworden ist von ihrer Verbindung mit dem Flihlen und 
Denken innerhalb der Seele. Sobald diese Verbindung ge- 
lost ist, tritt die Wirkung des Willens nach auBen hervor. 
Und so ist es auch mit den Kraften des Denkens und Fiih- 
lens. Wenn mir ein Mensch ein HaBgeflihl zusendet, so 
ist dieses fur den Hellseher sichtbar als eine feine Licht- 
wolke von bestimmter Farbung. Und ein solcher Hell- 
seher kann dieses HaBgeflihl abwehren, wie der Sinnes- 
mensch einen physischen Schlag abwehrt, der gegen ihn 



gefiihrt wird. Der HaB wird in der Ubersinnlichen Welt 
eine anschaubare Erscheinung. Aber nur dadurch kann 
ihn der Hellseher wahrnehmen, daB er die Kraft, die in 
seinem Gefiihle liegt, nach auBen zu senden vermag, wie 
der Sinnesmensch die Empfanglichkeit seines Auges nach 
auBen richtet. Und so wie mit dem HaB ist es mit weit 
bedeutungsvolleren Tatsachen der sinnlichen Weh. Der 
Mensch kann mit ihnen in bewuBten Verkehr treten durch 
die" Freilegung der Grundkrafte seiner Seele. 

Durch die geschilderte Trennung der Krafte des Den- 
kens, Fuhlens und WoUens ist nun, bei AuBerachtlassung 
der geheimwissenschaftlichen Vorschriften, eine dreifache 
Verirrung auf dem Entwickelungsgange des Menschen 
moglich. Eine solche kann eintreten, wenn die Verbin- 
dungsbahnen zerstort werden, bevor das hohere BewuBt- 
sein mit seiner Erkenntnis so weit ist, daB es die Ziigel, die 
ein freies harmonisches Zusammenwirken der getrennten 
Krafte herstellen, ordentlich zu fiihren vermag. - Denn 
in der Regel sind nicht alle drei Grundkrafte des Men- 
schen in einem bestimmten Lebensabschnitt gleich weit 
in ihrer Entwickelung vorgeschritten. Bei dem einen Men- 
schen ist das Denken dem Ftihlen und Wollen vorange- 
schritten, bei einem zweiten hat eine andere Kraft die 
Oberhand iiber ihre Genossen. Solange nun der durch die 
hoheren Weltgesetze hergestellte Zusammenhang der 
Krafte aufrechterhalten bleibt, kann durch das Hervor- 
stechen der einen oder der anderen keine im hoheren 
Sinne storende UnregelmaBigkeit eintreten. Beim Wil- 
lensmenschen z: B. wirken Denken und Gefuhl durch 
jene Gesetze doch ausgleichend, und sie verhindern, 
daB der uberwiegende Wille in besondere Ausartungen 



verfallt. Tritt ein solcher Willensmensch aber in die Ge- 
heimschulung ein, so hort der gesetzmaBige EinfluB von 
Gefiihl und Gedanke auf den zu ungeheuren Kraftlei- 
stungen unausgesetzt drangenden Willen vollstandig auf. 
1st dann der Mensch in der vollkommenen Beherrschung 
des hoheren BewuBtseins nicht so weit, daB er selbst die 
Harmonie hervorrufen kann, so geht der Wille seine 
eigenen ziigellosen Wege. Er iiberwaltigt fortwahrend 
seinen Trager. Gefiihl und Denken fallen einer vollkom- 
menen Machtlosigkeit anheim; der Mensch wird durch 
die ihn sklavisch beherrschende Willensmacht gepeitscht. 
Eine Gewaltnatur, die von einer ziigellosen Handlung zur 
anderen schreitet, ist entstanden. - Ein zweiter Abweg 
entsteht, wenn das Gefiihl in einer maBlosen Art sich von 
den gesetzmaBigen Ziigeln befreit. Eine zur Verehrung 
anderer Menschen neigende Person kann sich dann in 
grenzenlose Abhangigkeit bis zum Verluste jedes eigenen 
Willens und Gedankens begeben. Statt hoherer Erkennt- 
nis ist dann die erbarmungswiirdigste Aushohlung und 
Kraftlosigkeit das Los einer solchen Personlichkeit. - 
Oder es kann bei solch iiberwiegendem Gefiihlsleben eine 
zu Frommigkeit und religioser Erhebung neigende Natur 
in eine sie.ganz hinreiBende Religions schwelgerei verfal- 
len. - Das dritte Ubel bildet sich, wenn das Denken iiber- 
wiegt. Dann tritt eine lebensfeindliche, in sich verschlos- 
sene Beschaulichkeit auf. Fur solche Menschen scheint 
dann die Welt nur mehr insoweit Bedeutung zu haben, als 
sie ihnen Gegenstande liefert zur Befriedigung ihrer ins 
Grenzenlose gesteigerten Weisheitsgier. Siewerden durch 
keinen Gedanken zu einer Handlung oder einem Gefiihl 
angeregt. Sie treten uberall als teilnahmslose, kalte Natu- 



ren auf. Jede Berlihrung mit Dingen der alltaglichen 
Wirklichkeit fliehen sie wie etwas, das ihnen Ekel erregt 
oder das wenigstens fur sie alle Bedeutung verloren hat. 

Das sind die drei Irrpfade, auf welche der Geheimschu- 
ler geraten kann: das Gewaltmenschentum, die Geftihls- 
schwelgerei, das kalte, lieblose Weisheitsstreben. Fur eine 
auBerliche Betrachtungsweise - auch fur die materialisti- 
sche der Schulmedizin - unterscheidet sich das Bild eines 
solchen auf Abwegen befindlichen Menschen, vor alien 
Dingen dem Grade nach, nicht viel von demjenigen eines 
Irrsinnigen oder wenigstens einer schwer «nervenkran- 
ken Person». - Ihnen darf nattirlich der Geheimschuler 
nicht gleichen. Es kommt bei ihm darauf an, dafi Denken, 
Ftihlen, Wollen, die drei Grundkrafte der Seele, eine har- 
monische Entwickelung durchgemacht haben, bevor sie 
aus der ihnen eingepflanzten Verbindung gelost und dem 
erwachten hoheren BewuBtsein unterstellt werden kon- 
nen. - Denn ist einmal der Fehler geschehen, ist eine 
Grundkraft der Ztigellosigkeit anheimgefallen, so tritt 
die hohere Seele zunachst als eine Fehlgeburt zutage. Die 
ungebandigte Kraft flillt dann die ganze Personlichkeit 
des Menschen aus; und fur lange ist nicht daran zu den- 
ken, daB alles wieder ins Gleichgewicht kommt. Was als 
eine harmlose Charakterveranlagung erscheint, solange 
der Mensch ohne Geheimschulung ist, namlich ob er eine 
Willens-, Geftihls- oder Denkernatur ist, das steigert sich 
beim Geheimschuler so, daB sich das zum Leben not- 
wendige Allgemeinmenschliche demgegentiber ganz ver- 
liert. - Zu einer wirklich ernsten Gefahr wird das aller- 
dings erst in dem Augenblicke, in welchem der Schuler 
die Fahigkeit erlangt, Erlebnisse wie im SchlafbewuBt- 



sein so auch im wachen Zustande vor sich zu haben. So- 
lange es bei der bloBen Erhellung der Schlafpausen ver- 
bleibt, wirkt wahrend des Wachzustandes das von den all- 
gemeinen Weltgesetzen geregelte Sinnesleben immer wie- 
der ausgleichend auf das gestorte Gleichgewicht der Seele 
zuriick. Deshalb ist es so notwendig, daB das Wachleben 
des Geheimschiilers in jeder Richtung ein regelmaBiges, 
gesundes sei. Je mehr er den Anforderungen entspricht, 
welche die auBere Weh an eine gesunde, kraftige Gestal- 
tung von Leib, Seele und Geist stellt, desto besser ist es fur 
ihn. Schlimm dagegen kann es fiir ihn werden, wenn das 
alltagliche Wachleben aufregend oder aufreibend auf ihn 
wirkt, wenn also zu den groBeren Veranderungen, die in 
seinem Innern vorgehen, irgendwelche zerstorende oder 
hemmende Einflusse des auBeren Lebens hinzutreten. Er 
soil alles aufsuchen, was seinen Kraften und Fahigkeiten 
entsprechend ist und was ihn in ein ungestortes, harmo- 
nisches Zusammenleben mit seiner Umgebung hinein- 
bringt. Und er soil alles vermeiden, was dieser Harmonie 
Eintrag tut, was Unruhe und Hast in sein Leben bringt. 
Dabei kommt es weniger darauf an, diese Unruhe und 
Hast sich in einern auBerlichen Sinne abzuwalzen, als 
vielmehr darauf, zu sorgen, daB die Stimmung, die Ab- 
sichten und Gedanken und die Gesundheit des Leibes 
darunter nicht fortwahrenden Schwankungen ausgesetzt 
werden. - All das fallt dem Menschen wahrend seiner 
Geheimschulung nicht so leicht wie vorher. Denn die 
hoheren Erlebnisse, die nunmehr in sein Leben hinein- 
spielen, wirken ununterbrochen auf sein ganzes Dasein. 
Ist innerhalb dieser hoheren Erlebnisse etwas nicht in 
Ordnung, so lauert die UnregelmaBigkeit unausgesetzt 



und kann ihn bei jeder Gelegenheit aus den geordneten 
Bahnen herauswerfen. Deshalb darf der Geheimschuler 
nichts unterlassen, was ihm stets die Herrschaft iiber sein 
ganzes Wesen sichert. Nie sollte ihm Geistesgegenwart 
oder ein ruhiges Uberblicken aller in Betracht kommen- 
den Situationen des Lebens mangeln. Aber eine echte 
Geheimschulung erzeugt im Grunde alle diese Eigen- 
schaften durch sich selbst. Und man lernt wahrend einer 
solchen die Gefahren nur kennen, indem man zugleich 
in den richtigen Augenblicken die voile Macht erlangt, 
sie aus dem Felde zu schlagen. 



DER HUTER DER SCHWELLE 



Wichtige Erlebnisse beim Erheben in die hoheren Wehen 
sind die Begegnungen mit dem «Hiiter der Schwelle». Es 
gibt nicht nur einen, sondern im wesentlichen zwei, einen 
«kleineren» und einen «groBeren» «HUter der Schwelle». 
Dem ersteren begegnet der Mensch dann, wenn sich die 
Verbindungsfaden zwischen Willen, Denken und Fiih- 
len innerhalb der feineren Leiber (des Astral- und 
Atherleibes) so zu losen beginnen, wie das im vorigen 
Kapitel gekennzeichnet worden ist. Dem «groBeren 
Hiiter der Schwelle» tritt der Mensch gegeniiber, wenn 
sich die Auflosung der Verbindungen auch auf die phy- 
sischen Teile des Leibes (namentlich zunachst das Ge- 
hirn) erstreckt. 

Der «kleinere Hiiter der Schwelle» ist ein selbstan- 
diges Wesen. Dieses ist fiir den Menschen nicht vorhan- 
den, bevor die entsprechende Entwickelungsstufe von 
ihm erreicht ist. Nur einige der wesentlichsten Eigentiim- 
lichkeiten desselben konnen hier verzeichnet werden. 

Es soil zunachst versucht werden, in erzahlender Form 
die Begegnung des Geheimschiilers mit dem Hiiter der 
Schwelle darzustellen. Erst durch diese Begegnung wird 
der Schiiler gewahr, daB Denken, Fiihlen und Wollen bei 
ihm sich aus ihrer ihnen eingepflanzten Verbindung ge- 
lost haben. 

Ein allerdings schreckliches, gespenstisches Wesen steht 
vor dem Schiiler. Dieser hat alle Geistesgegenwart und 
alles Vertrauen in die Sicherheit seines Erkenntnisweges 
notwendig, die er sich wahrend seiner bisherigen Geheim- 
schiilerschaft aber hinlanglich aneignen konnte. 



Der «Huter» gibt seine Bedeutung etwa in folgenden 
Worten kund: «t)ber dir walteten bisher Machte, welche 
dir unsichtbar waren. Sie bewirkten, daB wahrend deiner 
bisherigen Lebenslaufe jede deiner guten Taten ihren 
Lohn und jede deiner iiblen Handlungen ihre schlimmen 
Folgen hatten. Durch ihren EinfluB baute sich dein Cha- 
rakter aus deinen Lebenserfahrungen und aus deinen Ge- 
danken auf. Sie verursachten dein Schicksal. Siebestimm- 
ten das MaB von Lust und Schmerz, das dir in einer deiner 
Verkorperungen zugemessen war, nach deinem Verhalten 
in friiheren Verkorperungen. Sie herrschten iiber dir in 
Form des allumfassenden Karmagesetzes. Diese Machte 
werden nun einen Teil ihrer Ziigel von dir loslosen. Und 
etwas von der Arbeit, die sie an dir getan haben, muBt du 
nun selbst tun. - Dich traf bisher mancher schwere 
Schicksalsschlag. Du wuBtest nicht warum? Es war die 
Folge einer schadlichen Tat in einem deiner vorher- 
gehenden Lebenslaufe. Du fandest Gliickund Freude und 
nahmest sie hin. Auch sie waren die Wirkung friiherer 
Taten. Du hast in deinem Charakter manche schone 
Seiten, manche haBliche Flecken. Du hast beides selbst 
verursacht durch vorhergehende Erlebnisse und Ge- 
danken. Du hast bisher die letzteren nicht gekannt; nur 
die Wirkungen waren dir offenbar. Sie aber, die kar- 
mischen Machte, sahen alle deine vormaligen Lebens- 
taten, deine verborgensten Gedanken und Gefiihle. Und 
sie haben danach bestimmt, wie du jetzt bist und wie du 
jetzt lebst. 

Nun aber sollen dir selbst offenbar werden alle die 
guten und alle die schlimmen Seiten deiner vergangenen 
Lebenslaufe. Sie waren bis jetzt in deine eigene Wesenheit 



hineinverwoben, sie waren in dir, und du konntest sie 
nicht sehen, wie du physisch dein eigenes Gehirn nicht 
sehen kannst. Jetzt aber losen sie sich von dir los, sie tre- 
ten aus deiner Personlichkeit heraus. Sie nehmen eine 
selbstandige Gestalt an, die du sehen kannst, wie du die 
Steine und Pflanzen der AuBenwelt siehst. Und - ich bin 
es selbst, die Wesenheit, die sich einen Leib gebildet hat 
aus deinen edlen und deinen tiblen Verrichtungen. Meine 
gespenstige Gestalt ist aus dem Kontobuche deines eige- 
nen Lebens gewoben. Unsichtbar hast du mich bisher in 
dir selbst getragen. Aber es war wohltatig fur dich, daB es 
so war. Denn die Weisheit deines dir verborgenen Ge- 
schickes hat deshalb auch bisher an der Ausloschung der 
haBlichen Flecken in meiner Gestalt in dir gearbeitet. 
Jetzt, da ich aus dir herausgetreten bin, ist auch diese ver- 
borgene Weisheit von dir gewichen. Sie wird sich ferner- 
hin nicht mehr um dich kummern. Sie wird die Arbeit 
dann nur in deine eigenen Hande legen. Ich muB zu 
einer in sich vollkommenen, herrlichen Wesenheit wer- 
den, wenn ich nicht dem Verderben anheimfallen soli. 
Und geschahe das letztere, so wiirde ich auch dich selbst 
mit mir hinabziehen in eine dunkle, verderbte Welt. - 
Deine eigene Weisheit muB nun, wenn das letztere ver- 
hindert werden soil, so groB sein, daB sie die Aufgabe 
jener von dir gewichenen verborgenen Weisheit uberneh- 
men kann. - Ich werde, wenn du meine Schwelle iiber- 
schritten hast, keinen Augenblick mehr als dir sichtbare 
Gestalt von deiner Seite weichen. Und wenn du fortan 
Unrichtiges tust oder denkst, so wirst du sogleich deine 
Schuld als eine haBliche, damonische Verzerrung an die- 
ser meiner Gestalt wahrnehmen. Erst wenn du all dein 



vergangenes Unrichtiges gutgemacht und dich so gelau- 
tert hast, daB dir weiter Ubles ganz unmoglich ist, dann 
wird sich mein Wesen in leuchtende Schonheit verwan- 
delt haben. Und dann werde ich mich zum Heile deiner 
ferneren Wirksamkeit wieder mit dir zu einem Wesen 
vereinigen konnen. 

Meine Schwelle aber ist gezimmert aus einem jeglichen 
Furchtgeftihl, das noch in dir ist, und aus einer jeglichen 
Scheu vor der Kraft, die voile Verantwortung fur all dein 
Tun und Denken selbst zu libernehmen. Solange du noch 
irgendeine Furcht vor der selbsteigenen Lenkung deines 
Geschickes hast, so lange ist in diese Schwelle nicht alles 
hineingebaut, was sie erhalten muB. Und solange ihr ein 
einziger Baustein noch fehlt, so lange muBtest du wie ge- 
bannt an dieser Schwelle stehenbleiben oder stolpern. 
Versuche nicht frtiher diese Schwelle zu uberschreiten, 
bis du ganz frei von Furcht und bereit zu hochster Ver- 
antwortlichkeit dich ftihlst. 

Bisher trat ich nur aus deiner eigenen Personlichkeit 

■ 

heraus, wenn der Tod dich von einem irdischen Lebens- 
lauf abberief. Aber auch da war meine Gestalt dir ver- 
schleiert. Nur die Schicksalsmachte, welche liber dir wal- 
teten, sahen mich und konnten, nach meinem Aussehen, 
in den Zwischenpausen zwischen dem Tode und einer 
neuen Geburt, dir Kraft und Fahigkeit ausbilden, damit 
du in einem neuen Erdenleben an der Verschonerung mei- 
nerGestaltzumHeiledeinesFortkommensarbeitenkonn- 
test. Ich selbst war es auch, dessen Unvollkommenheit die 
Schicksalsmachte immer wieder dazu zwang, dich in eine 
ineue Verkorperung auf die Erde zuruckzuftihren. Starbest 
du, so war ich da; und meinetwegen bestimmten die Len- 



ker des Karma deine Wiedergeburt. Erst wenn du durch 
immer wieder erneuerte Leben in dieser Art mich un- 
bewuBt ganz zur Vollkommenheit umgeschaffen gehabt 
hattest, warest du nicht den Todesmachten verfallen, son- 
dern du hattest dich ganz mit mir vereint und warest in 
Einheit mit mir in die Unsterblichkeit hiniibergegangen. 

So stehe ich heute sichtbar vor dir, wie ich stets unsicht- 
bar neben dir in der Sterbestunde gestanden habe. Wenn 
du meine Schwelle iiberschritten haben wirst, so betrittst 
du die Reiche, die du sonst nach dem physischen Tode be- 
treten hast. Du betrittst sie mit vollem Wissen und wirst 
fortan, indem du auBerlich sichtbar auf Erden wandelst, 
zugleich im Reiche des Todes, das ist aber im Reiche des 
ewigen Lebens, wandeln. Ich bin wirklich auch der T odes- 
engel; aber ich, ich bin zugleich der Bringer eines nie ver- 
siegenden hoheren Lebens. Beim lebendigen Leibe wirst 
du durch mich sterben, um die Wiedergeburt zum un- 
zerstorbaren Dasein zu erleben. 

Das Reich, das du nunmehr betrittst, wird dich be- 
kannt machen mit Wesen iibersinnlicher Art. Die Selig- 
keit wird dein Anteil in diesem Reiche sein. Aber die erste 
Bekanntschaft mit dieser Weh muB ich selbst sein, ich, 
der ich dein eigenes Geschopf bin. Friiher lebte ich von 
deinem eigenen Leben; aber jetzt bin ich durch dich zu 
einem eigenen Dasein erwacht und stehe vor dir als sicht- 
bares RichtmaB deiner kiinftigen Taten, vielleicht auch 
als dein immerwahrender Vorwurf. Du konntest mich 
schaffen; aber du hast damit auch zugleich die Pflicht 
iibernommen, mich umzuschaffen.» 

Was hier, in eine Erzahlung gekleidet, angedeutet ist, 
hat man sich nicht etwa als etwas Sinnbildliches vorzu- 



stellen, sondern als ein im hochsten Grade wirkliches 
Erlebnis des Geheimschulers." 

Der Hiiter soil ihn warnen, ja nicht weiter zu gehen, 
wenn er nicht die Kraft in sich fiihlt, den Forderungen zu 
entsprechen, die in der obigen Anrede enthalten sind. So 
schrecklich die Gestalt dieses Hiiters auch ist, sie ist doch 
nur die Wirkung des eigenen vergangenen Lebens des 
Schiilers, ist nur sein eigener Charakter, zu selbstandigem 
Leben auBer ihm erweckt. Und diese Erweckung ge- 
schieht durch die Auseinanderlosung von Wille, Denken 
und Gefiihl. - Schon das ist ein Erlebnis von tief bedeu- 
tungsvoller Art, daB man zum ersten Male fiihlt, man 
habe einem geistigen Wesen selbst den Ursprung ge- 
geben. - Es muB nun die Vorbereitung des Geheimschu- 
lers dahin zielen, daB er ohne eine jegliche Scheu den 
schrecklichen Anblick aushalt und daB er im Augen- 
blicke der Begegnung seine Kraft wirklich so gewachsen 
fiihlt, daB er es auf sich nehmen kann, die Verschonung 
des «Huters» mit vollem Wissen auf sich zu laden. 

* Es ist aus obigem klar, daB der geschilderte «Huter der Schwelle» 
eine solche (astrale) Gestalt ist, welche dem erwachenden hoheren 
Schauen des Geheimschulers sich offenbart. Und zu dieser ubersinn- 
lichen Begegnung fiihrt die Geheimwissenschaft. Es ist eine Verrichtung 
niederer Magie, den «Hiiter der Schwelle» auch sinnlich sichtbar zu 
machen. Dabei handelte es sich um die Herstellung einer Wolke feinen 
Stoffes, eines Raucherwerkes, das aus einer Reihe von Stoffen in be- 
stimmter Mischung hergestellt wird. Die entwickelte Kraft des Magiers 
ist dann imstande, gestaltend auf das Raucherwerk zu wirken und dessen 
Substanz mit dem noch unausgeglichenen Karma des Menschen zu be- 
leben, - Wer geniigend vorbereitet fur das hohere Schauen ist, braucht 
dergleichen sinnliche Anschauung nicht mehr; und wem sein noch un- 
ausgeglichenes Karma ohne geniigende Vorbereitung als sinnlich leben- 
diges Wesen vor Augen trate, der liefe Gefahr, in schlimme Abwege zu 
geraten. Er sollte nicht danach streben. In Bulwers «Zanoni» wird roman- 
haft eine Darstellung dieses «Huters der Schwelle» gegeben. 



Eine Folge der gliicklich iiberstandenen Begegnung 
mit dem «Hiiter der Schwelle» ist, daB der nachste phy- 
sische Tod dann fiir den Geheimschiiler ein ganz anderes 
Ereignis ist, als vorher die Tode waren. Er erlebt bewuBt 
das Sterben, indem er den physischen Korper ablegt, wie 
man ein Kleid ablegt, das abgenutzt oder vielleicht auch 
durch einen plotzlichen RiB unbrauchbar geworden ist. 
Dieser sein physischerTod ist dann sozusagen eine erheb- 
liche Tatsache nur fiir die anderen, welche mit ihm leben 
und die mit ihren Wahrnehmungen noch ganz auf die 
Sinnenwelt beschrankt sind. Fiir sie «stirbt» der Geheim- 
schuler. Fiir ihn selbst andert sich nichts von Bedeutung in 
seiner ganzen Umgebung. Die ganze iibersinnliche Welt, 
in die er eingetreten ist, stand vor dem Tode schon in 
entsprechender Art vor ihm, und dieselbe Welt wird auch 
nach dem Tode vor ihm stehen. 

Nun hangt der «Hiiter der Schwelle» aber noch mit 
anderem zusammen. Der Mensch gehort einer Familie, 
einem Volke, einer Rasse an; sein Wirken in dieser Welt 
hangt von seiner Zugehorigkeit zu einer solchen Gesamt- 
heit ab. Auch sein besonderer Charakter steht damit im 
Zusammenhange. Und das bewuBte Wirken der einzelnen 
Menschenistkeineswegs alles, womitman bei einer Fami- 
lie, einem Stamme, Volke, einer Rasse zu rechnen hat. Es 
gibt ein Familien-, Volks- usw. Schicksal, wie es einen 
Familien-, Rassen- usw. Charakter gibt. Fiir den Men- 
schen, der auf seine Sinne beschrankt ist, bleiben diese 
Dinge allgemeine Begriffe, und der materialistische Den- 
ker in seinem Vorurteil wird verachtlich auf den Geheim- 
wissenschafter herabsehen, wenn er hort, daB fiir die- 
sen letzteren der Familien- oder der Volks charakter, das 



Stammes- oder Rassenschicksal ebenso wirklichen Wesen 
zukommen, wie der Charakter und das Schicksal des ein- 
zelnen Menschen einer wirklichen Personlichkeit zukom- 
men. Der Geheimwissenschafter lernt eben hohere Wel- 
ten kennen, von denen die einzelnen Personlichkeiten 
ebenso Glieder sind, wie Arme, Beine und Kopf Glieder 
des Menschen sind. Und in dem Leben einer Familie, eines 
Volkes, einer Rasse wirken auBer den einzelnen Menschen 
auch die ganz wirklichen Familienseelen, Volksseelen, 
Rassengeister. Ja, in einem gewissen Sinne sind die einzel- 
nen Menschen nur die ausfiihrenden Organe dieser Fa- 
milienseelen, Rassegeister usw. In voller Wahrheit kann 
man davon sprechen, daB sich z. B. eine Volksseele des 
einzelnen zu ihrem Volke gehorigen Menschen bedient, 
um gewisse Arbeiten auszufiihren. Die Volksseele steigt 
nicht bis zur sinnlichen Wirklichkeit herab. Sie wan- 
delt in hoheren Welten. Und um in der physisch-sinn- 
lichen Weh zu wirken, bedient sie sich der physischen 
Organe des einzelnen Menschen. Es ist in einem hoheren 
Sinne gerade so, wie wenn sich ein Bautechniker zur 
Ausfiihrung der Einzelheiten des Baues der Arbeiter be- 
dient. - JederMensch erhaltim wahrsten Sinne des Wortes 
seine Arbeit von der Familien-, Volks- oder Rassenseele 
zugeteilt. Nun wird der Sinnesmensch jedoch keineswegs 
in den hoheren Plan seiner Arbeit eingeweiht. Er ar- 
beitet unbewufit an den Zielen der Volks-, Rassen- 
seelen usw. mit. Von dem Zeitpunkte an, wo der Ge- 
heimschiiler dem Hiiter der Schwelle begegnet, hat er 
nicht bloB seine eigenen Aufgaben als Personlichkeit 
zu kennen, sondern er muB wissentlich mitarbeiten an 
denen seines Volkes, seiner Rasse. Jede Erweiterung sei- 



nes Gesichtskreises legt ihm unbedingt auch erweiterte 
Pflichten auf. - Der wirkliche Vorgang dabei ist der, daB 
der Geheimschiiler seinem feineren Seelenkorper einen 
neuen hinzufiigt. Er zieht ein Kleid mehr an. Bisher 
schritt er durch die Welt mit den Hiillen, welche seine 
Personlichkeit einkleideten. Und was er fiir seine Gemein- 
samkeit, fiir sein Volk, seine Rasse usw. zu tun hat- 
te, dafiir sorgten die hoheren Geister, die sich seiner 
Personlichkeit bedienten. - Eine weitere Enthiillung, die 
ihm nun der «Huter der Schwelle» macht, ist die, daB 
fernerhin diese Geister ihre Hand von ihm abziehen wer- 
den. Er muB aus der Gemeinsamkeit ganz heraustreten. 
Und er wiirde sich als Einzelner vollstandig in sich ver- 
harten, er wiirde dem Verderben entgegengehen, wenn er 
nun nicht selbst sich die Krafte erwiirbe, welche den 
Volks- und Rassegeistern eigen sind. - Zwar werden 
viele Menschen sagen: «0, ich habe mich ganz frei ge- 
macht von alien Stammes- und Rassezusammenhangen; 
ich will nur <Mensch> und <nichts als Mensch> sein.» 
Ihnen muB man aber sagen: Wer hat dich zu dieser Frei- 
heit gebracht? Hat dich nicht deine Familie so hinein- 
gestellt in die Welt, wie du jetzt darinnen stehst? Hat dich 
nicht dein Stamm, dein Volk, deine Rasse zu dem gemacht, 
was du bist? Sie haben dich erzogen; und wenn du iiber 
alle Vorurteile erhaben, einer der Lichtbringerund Wohl- . 
tater deines Stammes oder selbst deiner Rasse bist, du ver- 
dankst das ihrer Erziehung. Ja, auch wenn du von dir 
sagst, du seiest «nichts als Mensch»: selbst daB du so ge- 
worden bist, verdankst du den Geistern deiner Gemein- 
schaften. - Erst der Geheimschiiler lernt erkennen, was 
es heiBt, ganz verlassen sein von Volks-, Stammes-, Ras- 



segeistern. Erst er erfahrt an sich selbst die Bedeutungs- 
losigkeit aller solcher Erziehung fur das Leben, das ihm 
nun bevorsteht. Denn alles, was an ihm heranerzogen ist, 
lost sich vollstandig auf durch das ZerreiBen der Faden 
zwischen Wille, Denken und Gefiihl. Er blickt auf die Er- 
gebnisse aller bisherigen Erziehung zuriick, wie man auf 
ein Haus blicken miiBte, das in seinen einzelnen Ziegel- 
steinen auseinanderbrockelt und das man nun in neuer 
Form wieder aufbauen muB. Es ist wieder mehr als ein 
bloBes Sinnbild, wenn man sagt: Nachdem der «Hiiter 
der Schwelle» iiber seine ersten Forderungen sich ausge- 
sprochen hat, dann erhebt sich von dem Orte aus, an dem 
er steht, ein Wirbelwind, der all die geistigen Leuchten 
zum Verloschen bringt, die bisher den Lebensweg erhellt 
haben. Und eine vollige Finsternis breitet sich vor dem 
Geheimschiiler aus. Sie wird nur unterbrochen von dem 
Schein, den der «Hiiter der Schwelle» selbst ausstrahlt. 
'Und aus der Dunkelheit heraus ertonen seine weiteren 
Ermahnungen: «Uberschreite meine Schwelle nicht, be- 
vor du dir klar bist, daB du die Finsternis vor dir selbst 
durchleuchten wirst; tue "audi nicht einen einzigen Schritt 
vorwarts, wenn es dir nicht zur GewiBheit geworden ist, 
daB du Brennstoff genug in deiner eigenen Lampe hast. 
Die Lampen von Fiihrern, welche du bisher hattest, wer- 
den dir in der Zukunft fehlen.» Nach diesen Worten hat 
der Schiiler sich umzuwenden und den Blick nach hinten 
zu wenden. Der «Huter der Schwelle» zieht nunmehr 
einen Vorhang hinweg, der bisher tiefe Lebensgeheim- 
nisse verhullt hat. Die Stammes-, Volks- und Rassengei- 
ster werden in ihrer vollen Wirksamkeit offenbar; und 
der Schiiler sieht ebenso genau, wie er bisher gefiihrt wor- 



den ist, als ihm anderseits klar wird, daB er nunmehr diese 
Ftihrerschaft nicht mehr haben wird. Dies ist eine zweite 
Warnung, welche der Mensch an der Schwelle durch 
ihren Hliter erlebt. 

Unvorbereitet konnte den hier angedeuteten Anblick 
allerdings niemand ertragen; aber die hohere Schulung, 
welche dem Menschen uberhaupt moglich macht, bis zur 
Schwelle vorzudringen, setzt ihn zugleich in die Lage, im 
entsprechenden Augenblicke die notwendige Kraft zu fin- 
den. Ja, diese Schulung kann eine so harmonische sein, 
daB dem Eintritt in das neue Leben jeder erregende oder 
tumultuarische Charakter genommen wird. Dann wird 
fur den Geheimschuler das Erlebnis an der Schwelle von 
einem Vorgeftihle jener Seligkeit begleitet sein, welche 
den Grundton seines neu erwachten Lebens bilden wird. 
Die Empfindung der neuen Freiheit wird alle anderen Ge- 
flihle uberwiegen; und mit dieser Empfindung werden 
ihm die neuen Pflichten und die neue Verantwortung wie 
etwas erscheinen, das der Mensch auf einer Stufe des 
Lebens ubernehmen muB. 



LEBEN UND TOD. 
DER GROSSE HUTER DER SCHWELLE 



Es ist geschildert worden, wie bedeutsam fur den Men- 
schen die Begegnung mit dem sogenannten kleineren Hii- 
ter der «Schwelle» dadurch ist, daB er in diesem ein tiber- 
sinnliches Wesen gewahr wird, das er gewissermaBen 
selbst hervorgebracht hat. Der Leib dieses Wesens ist zu- 
sammengesetzt aus den ihm vorher unsichtbaren Folgen 
seiner eigenen Handlungen, Geftihle und Gedanken. 
Aber diese unsichtbaren Krafte sind die Ursachen ge- 
worden seines Schicksals und seines Charakters. Es wird 
nunmehr dem Menschen klar, wie er in der Vergangen- 
heit selbst die Grundlagen fur seine Gegenwart gelegt 
hat. Sein Wesen steht dadurch bis zu einem gewissen 
Grade offenbar vor ihm. Es sind z. B. bestimmte Nei- 
gungen und Gewohnheiten in ihm. Jetzt kann er sich 
klarmachen, warum er diese hat. Gewisse Schicksals- 
schlage haben ihn getroffen; nun erkennt er, woher diese 
kommen. Er wird gewahr, weshalb er das eine liebt, das 
andere haBt, warum er durch dies oder jenes gllicklich 
oder unglticklich ist. Das sichtbare Leben wird ihm durch 
die unsichtbaren Ursachen verstandlich. Auch die wesent- 
lichen Lebenstatsachen, Krankheit und Gesundheit, Tod 
und Geburt, entschleiern sich vor seinen Blicken. Er 
merkt, daB er vor seiner Geburt die Ursachen gewoben 
hat, die ihn notwendig wieder ins Leben hereinftihren 
muBten. Er kennt nunmehr die Wesenheit in sich, welche 
in dieser sichtbaren Weit aufgebaut ist auf eine unvoll- 
kommene Art und die auch nur in derselben sichtbaren 
Weit ihrerVollkommenheitzugefuhrtwerden kann. Denn 



in keiner anderen Welt gibt es eine Gelegenheit, an dem 
Ausbau dieser Wesenheit zu arbeiten. Und ferner sieht er 
ein, daB der Tod ihn zunachst nicht fur immer von dieser 
Welt trennen kann. Denn er muB sich sagen: «Ich bin 
dereinst zum ersten Male in diese Welt gekommen, weil 
ich damals ein solches Wesen war, welches das Leben in 
dieser Welt brauchte, um sich Eigenschaften zu erwerben, 
die es sich in keiner anderen Welt hatte erwerben konnen. 
Und ich muB so lange mit dieser Welt verbunden sein, 
bis ich alles in mir entwickelt habe, was in ihr gewonnen 
werden kann. Ich werde dereinst nur dadurch ein taug- 
licher Mitarbeiter in einer anderen Welt werden, daB ich 
mir in der sinnlich sichtbaren alle die Fahigkeiten dazu 
erwerbe» - Es gehort namlich zu den wichtigsten Erleb- 
nissen des Eingeweihten, daB er die sinnlich sichtbare Na- 
tur in ihrem wahren Werte besser kennen und schatzen 
lernt, als er dies vor seiner Geistesschulung konnte. Diese 
Erkenntnis wird ihm gerade durch seinen Einblick in die 
tibersinnliche Welt. Wer einen solchen Einblick nicht ge- 
tan hat und sich deshalb vielleicht nur der Ahnung hin- 
gibt, daB die tibersinnlichen Gebiete die unendlich wert- 
volleren sind, der kann die sinnliche Welt unterschatzen. 
Wer aber diesen Einblick getan hat, der weiB, daB er ohne 
die Erlebnisse in der sichtbaren Wirklichkeit ganz ohn- 
machtig in der unsichtbaren ware. Soil er in der letzteren 
leben, so muB er Fahigkeiten und Werkzeuge zu diesem 
Leben haben. Die kann er sich aber nur in der sichtbaren 
erwerben. Er wird geistig sehen mtissen, wenn die unsicht- 
bare Welt fur ihn bewuBt werden soil. Aber diese Seh- 
kraft fur eine «hohere» Welt wird durch die Erlebnisse in 
der «niederen» allmahlich ausgebildet. Man kann eben- 



sowenig in einer geistigen-Weh mit geistigen Augen ge- 
boren werden, wenn man diese nicht in der sinnlichen 
sich gebildet hat, wie das Kind nicht mit physischen 
Augen geboren werden konnte, wenn diese sich nicht im 
Mutterleibe gebildet hatten. 

Von diesem Gesichtspunkte aus wird man auch ein- 
sehen, warum die «Schwelle» zur tibersinnlichen Weh 
von einem «Huter» bewacht wird. Es darf namlich auf 
keinen Fall dem Menschen ein wirklicher Einblick in jene 
Gebiete gestattet werden, bevor er dazu die notwendigen 
Fahigkeiten erworben hat. Deshalb wird jedesmal beim 
Tode, wenn der Mensch, noch unfahig zur Arbeit in einer 
anderen Weh, diese betritt, der Schleier vorgezogen vor 
ihren Erlebnissen. Er soil sie erst erblicken, wenn er ganz 
dazu reif geworden ist. 

Betritt der Geheimschuler die ubersinnliche Weh, dann 
erhalt das Leben fur ihn einen ganz neuen Sinn, er sieht in 
der sinnlichen Weh den Keimboden fur eine hohere. Und 
in einem gewissen Sinne wird ihm diese «hohere» ohne 
die «niedere» als eine mangelhafte erscheinen. Zwei Aus- 
blicke eroffnen sich ihm. Der eine in die Vergangenheit, 
der andere in die Zukunft. In eine Vergangenheit schaut 
er, in welcher diese sinnliche Weh noch nicht war. Denn 
uber das Vorurteil, daB die tibersinnliche Weh sich aus 
der sinnlichen entwickelt habe, ist er langst hinweg. Er 
weiB, daB das Ubersinnliche zuerst war und daB sich alles 
Sinnliche aus diesem entwickelt habe. Er sieht, daB er 
selbst, bevor er zum ersten Male in diese sinnliche Welt 
gekommen ist, einer tibersinnlichen angehort hat. Aber 
diese einstige ubersinnliche Weit brauchte den Durch- 
gang durch die sinnliche. Ihre Weiterentwickelung ware 



ohne diesen Durchgang nicht moglich gewesen. Erst 
wenn sich innerhalb des sinnlichen Reiches Wesen ent- 
wickelt haben werden mit entsprechenden Fahigkeiten, 
kann die iibersinnliche wieder ihren Fortgang nehmen. 
Dnd diese Wesenheiten sind die Menschen. Diese sind 
somit, so wie sie jetzt leben, einer unvollkommenen Stufe 
des geistigenDaseins entsprungenund werden selbstinner- 
halb derselben zu derjenigen Vollkommenheit gefiihrt, 
durch die sie dann tauglich sein werden zur Weiterarbeit 
an der hoheren Welt. - Und hier kniipft der Ausblick in 
die Zukunft an. Er weist auf eine hohere Stufe der iiber- 
sinnlichen Welt. In dieser werden die Friichte sein, die in 
der sinnlichen ausgebildet werden. Die letztere als solche 
wird iiberwunden; ihre Ergebnisse aber einer hoheren 
einverleibt sein. 

Damit ist das Verstandnis gegeben fiir Krankheit und 
Tod in der sinnlichen Welt. Der Tod ist namlich nichts 
anderes als der Ausdruck dafiir, daB die einstige iibersinn- 
liche Welt an einem Punkte angekommen war, von dem 
aus sie durch sich selbst nicht weitergehen konnte. Ein all- 
gemeiner Tod ware notwendig fiir sie gewesen, wenn sie 
nicht einen neuen Lebenseinschlag erhalten hatte. Und 
so ist dieses neue Leben zu einem Kampf gegen den all- 
gemeinen Tod geworden. Aus den Resten einer absterben- 
den, in sich erstarrenden Welt erbliihten die Keime einer 
neuen. Deshalb haben wir Sterben und Leben in der Welt. 
Und langsam gehen die Dinge ineinander iiber. Die ab- 
sterbenden Teile der alten Welt haften noch den neuen 
Lebenskeimen an, die ja aus ihnen hervorgegangen sind. 
Den deutlichsten Ausdruck findet das eben im Menschen. 
Er tragt als seine Hiille an sich, was sich aus jener alten 



Welt erhalten hat; und innerhalb dieser Hulle bildet sich 
der Keim jenes Wesens aus, das zukiinftig leben wird. Er 
ist so ein Doppelwesen, ein sterbliches und ein unsterb- 
liches. Das Sterbliche ist in seinem End-, das Unsterbliche 
in seinem Anfangszustand. Aber erst innerhalb dieser 
Doppelwelt, die ihren Ausdruck in dem Sinnlich-Physi- 
schen findet, eignet er sich die Fahigkeiten dazu an,' die 
Welt der Unsterblichkeit zuzufiihren. Ja, seine Aufgabe 
ist, aus dem Sterblichen selbst die Friichte fiir das Unsterb- 
liche herauszuholen. Blickt er also auf sein Wesen, wie er 
es selbst in der Vergangenheit aufgebaut hat, so muB er 
sich sagen: Ich habe in mir die Elemente einer absterben- 
den Welt. Sie arbeiten in mir, und nur allmahlich kann 
ich ihre Macht durch die neuauflebenden unsterblichen 

r 

brechen. So geht desMenschen Weg vom Tode zum Le- 
ben. Konnte er mit vollem BewuBtsein in der Sterbe- 
stunde zu sich sprechen, so miiBte er sich sagen: «Das 
Sterbende war mein Lehrmeister. DaB ich sterbe, ist eine 
Wirkung der ganzen Vergangenheit, mit der ich verwo- 
ben bin. Aber das Feld des Sterblichen hat mir die Keime 
zum Unsterblichen gereift. Diese trage ich in eine andere 
Welt mit hinaus. Wenn es bloB auf das Vergangene an- 
kame, dann hatte ich uberhaupt niemals geboren werden 
konnen. Das Leben des Vergangenen ist mit der Geburt 
abgeschlossen. Das Leben im Sinnlichen ist durch den 
neuen Lebenskeim dem allgemeinen Tode abgerungen. 
Die Zeit zwischen Geburt und Tod ist nur der Ausdruck 
dafiir, wieviel das neue Leben der absterbenden Vergan- 
genheit abringen konnte. Und die Krankheit ist nichts als 
die Fortwirkung der absterbenden Teile dieser Vergan- 
genheit. » 



Aus all dem heraus findet die Frage ihre Antwort, war- 
um der Mensch erst allmahlich sich aus Verirrung und 
Unvollkommenheit zu der Wahrheit und dem Guten 
durcharbeitet. Seine Handlungen, Gefiihle und Gedanken 
stehen zunachst unter der Herrschaft des Vergehenden 
und Absterbenden. Aus diesem sind seine sinnlich-physi- 
schen Organe herausgebildet. Daher sind diese Organe 
und alles, was sie zunachst antreibt, selbst dem Vergehen 
geweiht. Nicht die Instinkte, Triebe, Leidenschaften 
usw. und die zu ihnen gehorigen Organe stellen ein 
Unvergangliches dar, sondern erst das wird unvergang- 
lich sein, was als das Werk dieser Organe erscheint. Erst 
wenn der Mensch aus dem Vergehenden alles herausgear- 
beitet hat, was herauszuarbeiten ist, wird er die Grundlage 
abstreifen konnen, aus welcher er herausgewachsen ist 
und die ihren Ausdruck in der physisch-sinnlichen Welt 
findet. 

So stellt der erste «Huter der Schwelle» das Ebenbild 
des Menschen in' seiner Doppelnatur dar, aus Vergang- 
lichem und Unverganglichem gemischt. Und klar zeigt 
sich an ihm, was noch fehlt bis zur Erreichung der hehren 
Lichtgestalt, welche wieder die reine geistige Weh be- 
wohnen kann. 

Der Grad der Verstricktheit mit der physisch-sinn- 
lichen Natur wird dem Menschen durch den «Huter 
der Schwelle» anschaulich. Diese Verstricktheit driickt 
sich zunachst in dem Vorhandensein der Instinkte, Trie- 
be, Begierden, egoistischen Wiinsche, in 'alien Formen 
des Eigennutzes usw. aus. Siekommt dann in der Angeho- 
rigkeit zu einer Rasse, einem Volke usw. zum Aus- 
druck. Denn Volker und Rassen sind nur die verschie- 



denen Entwickelungsstufen zur reinen Menschheit hin. Es 
steht eine Rasse, ein Volk urn so hoher, je vollkommener 
ihre Angehorigen den reinen; idealen Menschheitstypus 
zum Ausdrucke bringen, je mehr sie sich von dem phy- 
sisch Verganglichen zu dem ubersinnlich Unvergang- 
lichen durchgearbeitet haben. Die Entwickelung des Men- 
schen durch die Wiederverkorperungen in immer hoher 
stehenden Volks- und Rassenformen ist daher ein Befrei- 
ungsprozeB. Zuletzt muB der Mensch in seiner harmoni- 
schen Vollkommenheit erscheinen. - In einer ahnlichen 
Art ist der Durchgang durch immer reinere sittliche und 
religiose Anschauungsformen eine Vervollkommnung. 
Denn jede sittliche Stufe enthalt noch die Suchtnach dem 
Verganglichen neben den idealistischen Zukunftskeimen. 

Nun erscheint in dem geschilderten «Huter der 
Schwelle» nur das Ergebnis der verflossenen Zeit. Und 
von den Zukunftskeimen ist nur dasjenige darinnen, was 
in dieser verflossenen Zeit hineingewoben worden ist. 
Aber .der Mensch muB in die zukiinftige ubersinnliche 
Welt alles mitbringen, was er aus der Sinnenwelt heraus- 
holen kann. Wollte er nur das mitbringen, was in sein 
Gegenbild bloB aus der Vergangenheit hinein verwoben 
ist, so hatte er seine irdische Aufgabe nur teilweise erfiillt. 
Deshalb gesellt sich nun zu dem «kleineren Hiiter der 
Schwelle» nach einiger Zeit der groBere. Wieder soil in 
erzahlender Form dargelegt werden, was sich als Begeg- 
nung mit diesem zweiten «Huter der Schwelle» abspielt. 

Nachdem der Mensch erkannt hat, wovon er sich be- 
freien muB, tritt ihm eine erhabene Lichtgestalt in den 
Weg. Deren Schonheit zu beschreiben ist schwierig in den 
Worten unserer Sprache. - Diese Begegnung findet statt, 



wenn sich die Organe des Denkens, Fiihlens und Wollens 
auch fiir den physischen Leib so weit voneinander gelost 
haben, daB die Regelung ihrer gegenseitigen Beziehun- 
gen nicht mehr durch sie selbst, sondern durch das hohere 
.BewuBtsein geschieht, das sich nun ganz getrennt hat von 
den physischen Bedingungen. Die Organe des Denkens, 
Fiihlens und Wollens sind dann die Werkzeuge in der Ge- 
walt der menschlichen Seele geworden, die ihre Herr- 
schaft iiber. sie aus iibersinnlichen Regionen ausiibt. - 
Dieser so aus alien sinnlichen Banden befreiten Seele tritt 
nun der zweite «Huter der Schwelle» entgegen und 
spricht etwa folgendes: 

«Du hast dich losgelost aus der Sinnenwelt. Dein Hei- 
matrecht in der iibersinnlichen Welt ist erworben. Von 
hier aus kannst du nunmehr wirken. Du brauchst um 
deinetwillen deine physische Leiblichkeit in gegenwar- 
tiger Gestalt nicht mehr. Wolltest du dir bloB die Fahig- 
keit erwerben, in dieser iibersinnlichen Welt zu wohnen, 
du brauchtest nicht mehr in die sinnliche zuriickzukehren. 
Aber nun blicke auf mich. Sieh, wie unermeBlich erhaben 
ich iiber all dem stehe, was du heute bereits aus dir ge- 
macht hast. Du bist zu der gegenwartigen Stufe deiner 
Vollendung gekommen durch die Fahigkeiten, welche du 
in der Sinnenwelt entwickeln konntest, solange du noch 
auf sie angewiesen warst. Nun aber muB fiir dich eine 
Zeit beginnen, in welcher deine befreiten Krafte weiter 
an dieser Sinnenwelt arbeiten. Bisher hast du nur dich 
selbst erlost, nun kannst du als ein Befreiter alle deine 
Genossen in der Sinnenwelt mitbefreien. Als einzelner 
hast du bis heute gestrebt; nun gliedere dich ein in das 
Ganze, damit du nicht nur dich mitbringst in die iiber- 



sinnliche Weh, sondern alles andere, was in der sinnlichen 
vorhanden ist. Mit meiner Gestalt wirst du dich einst ver- 
einigen konnen, aber ich kann kein Seliger sein, solange 
es noch Unselige gibt! Als einzelner Befreiter mochtest 
du immerhin schon heute in das Reich des Ubersinnlichen 
eingehen. Dann aber wlirdest du hinabschauen mlissen 
auf die noch unerlosten Wesen der Sinnenwelt. Und du 
hattest dein Schicksal von dem ihrigen getrennt. Aber ihr 
seid alle miteinander verbunden. Ihr muBtet alle hinab- 
steigen in die Sinnenwelt, um aus ihr heraufzuholen die 
Krafte fur eine hohere. Wlirdest du dichvon ihnen tren- 
nen, so miBbrauchtest du die Krafte, die du doch nur in 
Gemeinschaft mit ihnen hast entwickeln konnen. Waren 
sie nicht hinabgestiegen, so hattest es auch du nicht kon- 
nen; ohne sie fehlten dir die Krafte zu deinem ubersinn- 
lichen Dasein. Du muBt diese Krafte, die du mit ihnen 
errungen hast, auch mit ihnen teilen. Ich wehre dir daher 
den EinlaB in die hochsten Gebiete der ubersinnlichen 
Welt, solange du nicht alle deine erworbenen Krafte zur 
Erlosung deiner Mitwelt verwendet hast. Du magst mit 
dem schon Erlangten dich in den unteren Gebieten der 
ubersinnlichen Welt aufhalten; vor der Pforte zu den 
hoheren stehe ich aber <als der Cherub mit dem feurigen 
Schwerte vor dem Paradiese> und wehre dir den Eintritt 
so lange, als du noch Krafte hast, die unangewendet ge- 
blieben sind in der sinnlichen Welt. Und willst du die dei- 
nigen nicht anwenden, so werden andere kommen, die sie 
anwenden; dann wird eine hohe tibersinnliche Welt alle 
Fruchte der sinnlichen aufnehmen; dir aber wird der Bo- 
den entzogen sein, mit dem du verwachsen warst. Die 
gelauterte Welt wird sich iiber dich hinaus entwickeln. Du 



wirst von ihr ausgeschlossen sein. So ist dein Pfad der 
schwarze, jene aber, von welchen du dich gesondert hast, 
gehen den weifien Pfad.» 

So kiindigt sich der «groBe Hiiter» der Schwelle bald 
an, nachdem die Begegnung mit dem ersten Wachter er- 
folgt ist. Der Eingeweihte weiB aber ganz genau, was ihm 
bevorsteht, wenn er den Lockungen eines vorzeitigen 
Aufenthaltes in der iibersinnlichen Welt folgt. Ein un- 
beschreiblicher Glanz geht von dem zweiten Hiiter der 
Schwelle aus; die Vereinigung mit ihm steht als ein femes 
Ziel vor der schauenden Seele. Doch ebenso steht da die 
GewiBheit, daB diese Vereinigung erst moglichwird, wenn 
der Eingeweihte alle Krafte, die ihm aus dieser Welt zu- 
geflossen sind, auch aufgewendet hat im Dienste der Be- 
freiung und Erlosung dieser Welt. EntschlieBt er sich, den 
Forderungen der hoheren Lichtgestalt zu folgen, dann 
wird er beitragen konnen zur Befreiung des Menschen- 
geschlechts. Er bringt seine Gaben dar auf dem Opfer- 
altar der Menschheit. Zieht er seine eigene vorzeitige Er- 
hohung in die iibersinnliche Welt vor, dann schreitet die 
Menschheitsstromung iiber ihn hinweg. Fur sich selbst 
kann er nach seiner Befreiung aus der Sinnenwelt keine 
neuen Krafte mehr gewinnen. Stellt er ihr seine Arbeit 
doch zur Verfiigung, so geschieht es mit dem Verzicht, aus 
der Statte seines ferneren Wirkens selbst fur sich noch 
etwas zu holen. Man kann nun nicht sagen, es sei selbst- 
verstandlich, daB der Mensch den weiBen Pfad wahlen 
werde, wenn er so vor die Entscheidung gestellt wird. Das 
hangt namlich ganz davon ab, ob er bei dieser Entschei- 
dung schon so gelautert ist, daB keinerlei Selbstsucht ihm 
die Lockungen der Seligkeit begehrenswert erscheinen 



laBt. Denn diese Lockungen sind die denkbar groBten. 
Und auf der anderen Seite sind eigentlich gar keine beson- 
deren Lockungen vorhanden. Hier spricht gar nichts zum 
Egoismus. Was der Mensch in den hoheren Regionen 
des Ubersinnlichen erhalten wird, ist nichts, was zu ihm 
kommt, sondern lediglich etwas, das von ihm ausgeht: die 
Liebe zu seiner Mitwelt. Alles, was der Egoismus verlangt, 
wird namlich durchaus nicht entbehrt auf dem schwarzen 
Pfade. Im Gegenteil: die Friichte dieses Pfades sind ge- 
rade die vollkommenste Befriedigung des Egoismus. Und 
will jemand nur fur sich die Seligkeit, so wird er ganz 
gewiB diesen schwarzen Pfad wandeln, denn er ist der fiir 
ihn angemessene. - Es darf daher niemand von den 
Okkultisten des weiBen Pfades erwarten, daB sie ihm eine 
Anweisung zur Entwickelung des eigenen egoistischen 
Ich geben werden. Fur die Seligkeit des einzelnen haben 
sie nicht das allergeringste Interesse. Die mag jeder fiir 
sich erreichen. Sie zu beschleunigen ist nicht die Aufgabe 
der weiBen Okkultisten. Diesen liegt lediglich an der Ent- 
wickelung und Befreiung aller Wesen, die Menschen und 
Genossen des Menschen sind. Daher geben sie nur An- 
weisungen, wie man seine Krafte zur Mitarbeit an diesem 
Werke ausbilden kann. Sie stellen daher die selbstlose 
Hingabe und Opferwilligkeit alien anderen Fahigkeiten 
voran. Sie weisen niemand geradezu ab, denn auch der 
Egoistischste kann sich lautern. Aber wer nur fiir sich 
etwas sucht, wird, solange er das tut, bei den Okkultisten 
nichts finden. Selbst wenn diese ihm nicht ihre Hilfe ent- 
ziehen; er, der Suchende, entzieht sich den Friichten der 
Hilfeleistung. Wer daher wirklich den Anweisungen der 
guten Geheimlehrer folgt, wird nach dem Ubertreten der 



Schwelle die Forderungen des groBen Hiiters verstehen; 
wer diesen Anweisungen aber nicht folgt, der darf auch 
gar nicht hoffen, dafi er je zur Schwelle durch sie kom- 
men werde. Ihre Anweisungen fiihren zum Guten oder 
aber zu gar nichts. Denn eine Fiihrung zur egoistischen 
Seligkeit und zum bloBen Leben in der ubersinnlichen 
Welt liegt auBerhalb der Grenzen ihrer Aufgabe. Diese 
ist von vornherein so veranlagt, daB sie den Schuler so 
lange von der uberirdischen Welt fernhalt, bis dieser sie 
mit dem Willen zur hingebenden Mitarbeit betritt. 



NACHWORT ZUM ACHTEN BIS ELFTEN TAUSEND 

Der Weg zu iibersinnlicher Erkenntnis, der in dieser 
Schrift gekennzeichnet wird, fiihrt zu einem seelischen 
Erleben, demgegeniiber es von ganz besonderer Wichtig- 
keit ist, daB, wer es anstrebt, sich keinen Tauschungen 
und MiBverstandnissen iiber dasselbe hingibt. Und es 
liegt dem Menschen nahe, sich iiber dasjenige zu tau- 
schen, was hier in Betracht kommt. Eine der Tauschun- 
gen, die besonders schwerwiegende, entsteht, wenn man 
das ganze Gebiet des Seelenerlebens, von dem in wahrer 
Geisteswissenschaft die Rede ist, so verschiebt, daB es in 
der Umgebung des Aberglaubens, des visionaren Trau- 
mens, des Mediumnismus und mancher anderer Entartun- 
gen des Menschenstrebens eingereiht erscheint. Diese 
Verschiebung riihrt oft davon her, daB Menschen, welche 
in ihrer von echtem Erkenntnis streben abliegenden Art 
sich einen Weg in die iibersinnliche Wirklichkeit suchen 
mochten und die dabei auf die genannten Entartungen 
verfallen, mit solchen verwechselt werden, die den in die- 
ser Schrift gezeichneten Weg gehen wollen. Was auf dem 
hier gemeinten Wege von der Menschenseele durchlebt 
wird, das verlauft durchaus im Felde rein geistig-seelischen 
Erfahrens. Es ist nur dadurch moglich, solches zu durch- 
leben, daB sich der Mensch auch noch fiir andere'innere 
Erfahrungen so frei und unabhangig von dem Leibes- 
leben machen kann, wie er im Erleben des gewohnlichen 
BewuBtseins nur ist, wenn er sich iiber das von auBen 
Wahrgenommene oder das im Innern Gewiinschte, Ge- 
fiihlte, Gewollte Gedanken macht, die nicht aus dem 
Wahrgenommenen, Gefiihlten, Gewollten selbst her- 



riihren. Es gibt Menschen, die an das Vorhandensein sol- 
cher Gedanken uberhaupt nicht glauben. Diese meinen: 
der Mensch konne nichts denken, was er nicht aus der 
Wahrnehmung oder dem leiblich bedingten Innenleben 
herauszieht. Und alle Gedanken seien nur gewissermaBen 
Schattenbilder von Wahrnehmungen oder von inneren 
Erlebnissen. Wer dieses behauptet, der tut es nur, weil er 
sich niemals zu der Fahigkeit gebracht hat, mit seiner 
Seele das reine, in sich beruhende Gedankenleben zu er- 
leben. Wer aber solches erlebt hat, fur den ist es Erfah- 
rung geworden, daB iiberall, wo im Seelenleben Denken 
waltet, in dem MaBe, als dieses Denken andere Seelenver- 
richtungen durchdringt, der Mensch in einer Tatigkeit 
begriffen ist, an deren Zustandekommen sein Leib unbe- 
teiligt ist. Im gewohnlichen Seelenleben ist ja fast immer 
das Denken mit anderen Seelenverrichtungen: Wahr- 
nehmen, Fiihlen, Wollen usw. vermischt. Diese anderen 
Verrichtungen kommen durch den Leib zustande. Aber 
in sie spielt das Denken hinein. Und in dem MaBe, in dem 
es hineinspielt, geht in dem Menschen und durch den 
Menschen etwas vor sich, an dem der Leib nicht mitbetei- 
ligt ist. Die Menschen, welche dieses in Abrede stellen, 
konnen nicht iiber die Tauschung hinauskommen, welche 
dadurch entsteht, daB sie die denkerische Betatigung 
immer mit andern Verrichtungen vereinigt beobachten. 
Aber man kann im inneren Erleben sich seelisch dazu auf- 
raffen, den denkerischen Teil des Innenlebens auch ab- 
gesondert von allem andern fiir sich zu erfahren. Man 
kann aus dem Umfange des Seelenlebens etwas heraus- 
losen, das nur in reinen Gedanken besteht. In Gedanken, 
die in sich bestehen, aus denen alles ausgeschaltet ist, was 



Wahrnehmung oder leiblich bedingtes Innenleben geben. 
Solche Gedanken offenbaren sich durch sich selbst, durch 
das, was sie sind, als ein geistig, ein tibersinnlich Wesen- 
haftes. Und die Seele, die mit solchen Gedanken sich ver- 
einigt, indem sie wahrend dieser Vereinigung alles Wahr- 
nehmen, alles Erinnern, alles sonstige Innenleben aus- 
schlieBt, weiB sich mit dem Denken selbst in einem tiber- 
sinnlichen Gebiet und erlebt sich auBerhalb des Leibes. 
Fur denjenigen, welcher diesen ganzen Sachverhalt durch- 
schaut, kann die Frage gar nicht mehr in Betracht kom- 
men: gibt es ein Erleben der Seele in einem ubersinn- 
lichen Element auBerhalb des Leibes? Denn fur ihn hieBe 
es in Abrede stellen, was er aus der Erfahrung weiB. Fur 
ihn gibt es nur die Frage: was verhindert die Menschen, 
eine solche sichere Tatsache anzuerkennen?Und zu dieser 
Frage findet er die Antwort, daB die in Frage kommende 
Tatsache eine solche ist, die sich nicht offenbart, wenn der 
Mensch sich nicht vorher in eine solche Seelenverfassung 
versetzt, daB er die Offenbarung empfangen kann. Nun 
werden zunachst die Menschen miBtrauisch, wenn sie 
selbst etwas erst rein seelisch tun sollen, damit sich ihnen 
ein an sich von ihnen Unabhangiges offenbare. Sie glau- 
ben da, weil sie sich vorbereiten mlissen, die Offenbarung 
zu empfangen, sie machen den. Inhalt der Offenbarung. 
Sie wollen Erfahrungen, zu denen der Mensch nichts tut, 
gegentiber denen er ganz passiv bleibt. Sind solche Men- 
sehen auBerdem noch unbekannt mit den einfachsten An- 
forderungen an wissenschaftliches Erfassen eines Tat- 
bestandes, dann sehen sie in Seelen-Inhalten oder Seelen- 
Hervorbringungen, bei denen die Seele unter den Grad 
von bewuBter Eigenbetatigung herabgedrlickt ist, der im 



Sinneswahrnehmen und im willkiirlichen Tun vorliegt, 
eine objektive Offenbarung eines m'c/^sinnlichen Wesen- 
haften. Solche Seelen-Inhalte sind die visionaren Erleb- 
nisse, die mediumnistischen Offenbarungen. - Was aber 
durch solche Offenbarungen zutage tritt, ist keine iiber- 
sinnliche, es ist eine untersinnliche Welt. Das menschliche 
bewuBte Wachleben verlauft nicht vollig in dem Leibe; 
es verlauft vor allem der bewuBteste Teil dieses Lebens an 
der Grenze zwischen Leib und physischer AuBenwelt; so 
das Wahrnehmungsleben, bei dem, was in den Sinnes- 
organen vorgeht, ebensogut das Hineinragen eines auBer- 
leiblichen Vorganges in den Leib ist wie ein Durchdrin- 
gen dieses Vorganges vom Leibe aus; und so das Willens- 
leben, das auf einem Hineinstellen des menschlichen We- 
sens in das Weltenwesen beruht, so daB, was imMenschen 
durch seinen Willen geschieht, zugleich Glied des Welt- 
geschehens ist. In diesem an der Leibesgrenze verlaufen- 
den seelischen Erleben ist der Mensch in hohem Grade 
abhangig von seiner Leibesorganisation; aber es spielt die 
denkerische Betatigung in dieses Erleben hinein, und in 
dem MaBe, als das der Fall ist, macht sich in Sinnes- 
wahrnehmung und Wollen der Mensch vom Leibe unab- 
hangig. Im visionaren Erleben und im mediumnistischen 
Hervorbringen tritt der Mensch vollig in die Abhangig- 
keit vom Leibe ein. Er schaltet aus seinem Seelenleben 
dasjenige aus, was ihn in Wahrnehmung und Wollen vom 
Leibe unabhangig macht. Und dadurch werden Seelen- 
Inhalte und Seelen-HervorbringungenbloBe Offenbarun- 
ges des Leibeslebens. Visionares Erleben und mediumnisti- 
sches Hervorbringen sind die Ergebnisse des Umstandes, 
daB der Mensch bei diesem Erleben und Hervorbringen 



mit seiner Seele weniger vom Leibe unabhangig ist als im 
gewohnlichen Wahrnehmungs- und Willensleben. Bei 
dem Erleben des Ubersinnlichen, das in dieser Schrift ge- 
meint ist, geht nun die Entwickelung des Seelen-Erlebens 
gerade nach der entgegengesetzten Richtung gegenliber 
der visionaren oder mediumnistischen. Die Seele macht 
sich fortschreitend unabhangiger vom Leibe, als sie im 
Wahrnehmungs- und Willensleben ist. Sie erreicht die- 
jenige Unabhangigkeit, die im Erleben reiner Gedanken 
zu fassen ist, fur eine viel breitere Seelenbetatigung. 

Fur die hier gemeinte tibersinnliche Seelenbetatigung 
ist es auBerordentlich bedeutsam, in voller Klarheit das 
Erleben des reinen Denkens zu durchschauen. Denn im 
Grunde ist dieses Erleben selbst schon eine tibersinnliche 
Seelenbetatigung. Nur eine solche, durch die man noch 
nichts Ubersinnliches schaut. Man lebt mit dem reinen 
Denken im Ubersinnlichen; aber man erlebt nur dieses 
auf eine tibersinnliche Art; man erlebt noch nichts ande- 
res Ubersinnliches. Und das tibersinnliche Erleben muB 
sein eine Fortsetzung desjenigen Seelen-Erlebens, das 
schon im Vereinigen mit dem reinen Denken erreicht wer- 
den kann. Deshalb ist es so bedeutungsvoll, diese Vereini- 
gung richtig erfahren zu konnen. Denn von dem Verstand- 
nisse dieser Vereinigung aus leuchtet das Licht, das auch 
rechte Einsicht in das Wesen der ubersinnlichen Erkennt- 
nis bringen kann. Sobald das Seelen-Erleben unter die Be- 
wuBtseinsklarheit, die im Denken sich auslebt, herunter- 
sinken wtirde, ware sie fur die wahre Erkenntnis der uber- 
sinnlichen Welt auf einem Irrwege. Sie wtirde erfaBt von 
den Leibesverrichtungen; was sie erlebt und hervorbringt, 
ist dann nicht Offenbarung des Ubersinnlichen durch sie, 



sondern Leibesoffenbarung im Bereich der untersinn- 
lichen Weh. 

* 

Sobald die Seele mit ihren Erlebnissen in das Feld des 
Ubersinnlichen eindringt, sind diese Erlebnisse von einer 
solchen Art, daB sich die sprachlichen Ausdriicke fiir sie 
nicht in so leichter Art finden lassen wie fiir die Erlebnisse 
im Bereiche der sinnlichen Welt. Man muB oftmals bei 
Beschreibungen des ubersinnlichen Erlebens sich bewuBt 
sein, daB gewissermaBen die Entfernung des sprachlichen 
Ausdruckes von dem ausgedriickten wirklichenTatbestan- 
de eine groBereistalsimphysischenErleben. Man muB sich 
ein Verstandnis dafiir erwerben, daB mancher Ausdruck 
wie eine Verbildlichung in zarter Weise auf das nur hin- 
weist, auf das er sich bezieht. So ist es auf Seite 30 dieser 
Schrift gesagt: «Urspriinglich werden namlich alle Re- 
geln und Lehren der Geisteswissenschaft in einer sinn- 
bildlichen Zeichensprache gegeben.» Und auf Seite 78 f. 
muBte von einem «bestimmten Schriftsystem» gespro- 
chen werden. Es kann nun leicht jemandem beikommen, 
solche Schrift in einer ahnlichen .Art lernen zu wollen, 
wie man Lautzeichen und deren Zusammenfiigungen fiir 
die Schrift einer gewohnlichen physischen Sprache er- 
lernt. Nun muB allerdings gesagt werden: es hat gegeben 
und gibt geisteswissenschaftliche Schulen und Vereinigun- 
gen, welche im Besitze symbolischer Zeichen sind, durch 
die sie ubersinnliche Tatbestande zum Ausdruck bringen. 
Und wer in die Bedeutung dieser Sinnbilder eingeweiht 
wird, der hat dadurch ein Mittel, sein Seelen-Erleben zu 
den in Frage kommenden ubersinnlichen Wirklichkeiten 



hinzulenken. Aber ein fur das libersinnliche Erleben We- 
sentliches ist vielmehr, daB im Laufe eines solchen iiber- 
sinnlichen Erlebens, wie es durch die Verwirklichung des 
Inhaltes dieser Schrift von der Seele erreicht werden kann, 
diese Seele in der Anschauung des Ubersinnlichen die 
Offenbarung einer solchen Schrift durch ihre eigene Er- 
fahrung gewinnt. Das Ubersinnliche sagt der Seele etwas, 
das sich diese in verbildlichende Zeichen liber setzen muB, 
damit sie es vollbewuBt uberschauen kann. Es kann gesagt 
werden: was in dieser Schrift mitgeteilt ist, das kann von 
jeder Seele verwirklicht werden. Und im Laufe der Ver- 
wirklichung, den sich nach den gemachten Angaben die 
Seele selbst bestimmen kann, stellen sich die Ergebnisse 
ein, die beschrieben sind. Man nehme doch ein solches 
Buch, wie dieses ist, wie ein Gesprach, das der Verfasser 
mit dem Leser flihrt. Wenn gesagt ist: der Geheimschliler 
bedlirfe der personlichen Anweisung, so fasse man dies 
doch so auf, daB das Buch selbst eine solche personliche 
Anweisung ist. In frliheren Zeiten gab es Grlinde, sol- 
che personliche Anweisungen dem mlindlichen Geheim- 
Unterrichte vorzubehalten; gegenwartig sind wir auf 
einer Entwickelungsstufe der Menschheit angelangt, in 
der das geisteswissenschaftliche Erkennen eine viel gro- 
Bere Verbreitung erfahren muB als frliher. Es muB in ganz 
anderem MaBe jedem zuganglich sein als in alter Zeit. Da 
tritt eben das Buch an die Stelle der frliheren mlindlichen 
Unterweisung. Der Glaube, daB man durchaus liber das 
in dem Buche Gesagte hinaus noch eine personliche Un- 
terweisung brauche, hat nur eine bedingte Richtigkeit. 
Der eine oder der andere kann ja freilich ein person- 
liches Nachhelfen brauchen, und ein solches kann ihm 



bedeutungsvoll sein. Aber es fiihrte in die Irre, wenn 
man meinte, es gabe Hauptsachen, die man im Buche 
nicht finde. Man findet sie, wenn man recht und na- 
mentlich wenn man vollstandig liest. 

Die Schilderungen dieses Buches nehmen sich so aus, 
als ob sie Anweisungen waren zum volligen Anderswer- 
den des ganzen Menschen. Wer sie richtig liest, wird aber 
finden, daB sie nichts anderes sagen wollen, als in welcher 
inneren Seelenverfassung ein Mensch sein muB in den- 
jenigen Augenblicken seines Lebens, in denen er deriiber- 
sinnlichen Weh gegeniiberstehen will. Diese Seelenver- 
fassung entwickelt er als eine zweite Wesenheit in sich; 
und die gesunde andere Wesenheit lauft in der alten Weise 
ihren Gang fort. Er weiB beide Wesenheiten in Voll- 
bewuBtheit auseinanderzuhalten; er weiB sie in rechter 
Art miteinander in Wechselwirkung zu setzen. Er macht 
sich nicht dadurch fur das Leben unbrauchbar und un- 
tiichtig, daB er Interesse und Geschicklichkeit fiir dieses 
verliert und «den ganzen Tag Geistesforscher ist». Aller- 
dings muB gesagt werden, daB die Erlebnisweise in der 
iibersinnlichen Weh ihr Licht auf das ganze Wesen des 
Menschen ausstrahlen wird; aber dies kann nicht in einer 
von dem Leben ablenkenden Art sein, sondern in einer 
dieses Leben tiichtiger, fruchtbarer machenden Weise. - 
DaB trotzdem die Schilderung so gehalten werden muBte, 
wie es der Fall ist, das riihrt davon her, daB allerdings 
jeder auf das Ubersinnliche gerichtete Erkenntnisvorgang 
den ganzen Menschen in Anspruch nimmt, so daB in dem 
Augenblicke, in dem der Mensch an einen solchen Er- 



kenntnisvorgang hingegeben ist, er dies mit seinem gan- 
zen Wesen sein muB. Soviel der Farbenwahrnehmungs- 
vorgang nur die Einzelheit des Auges mit seiner Nerven- 
fortsetzung in Anspruch nimmt, soviel nimmt ein iiber- 
sinnlicher Erkenntnisvorgang den ganzen Menschen in 
Anspruch. Dieser wird «ganz Auge» oder «ganz Ohr». 
Weil dies so ist, deshalb sieht es so aus, daB, wenn' man 
von der Bildung von ubersinnlichen Erkenntnisvorgan- 
gen Mitteilung macht, man von einer Umwandlung des 
Menschen sprache; man meine, der gewohnliche Mensch 
sei nichts Rechtes; er miisse etwas ganz anderes werden. 

Zu dem auf Seite 115 ff. «Uber einige Wirkungen der 
Einweihung» Gesagten mochte ich noch etwas hinzu- 
fiigen, was - mit einiger Abanderung - auch fiir andere 
Ausfiihrungen dieses Buches gelten kann. - Es konnte 
wohl jemand auf den Gedanken kommen: wozu solche 
Beschreibung von bildhaften Ausgestaltungen iibersinn- 
lichen Erlebens; konnte man nicht dieses Erleben in 
Ideen ohne solche Versinnlichung schildern? Darauf muB 
erwidert werden: Es kommtfiir das Erleben der iibersinn- 
lichen Wirklichkeit in Betracht, daB der Mensch sich im 
Ubersinnlichen selbst als ein Ubersinnliches weiB. Ohne 
das Hinblicken auf seine eigene iibersinnliche Wesenheit, 
deren Wirklichkeit in der hier gegebenen Schilderung der 
«Lotusblumen» und des «atherischen Leibes» vollkom- 
men in ihrer Art zur Offenbarung kommt, erlebte sich der 
Mensch im Ubersinnlichen so, wie wenn er im Sinnlichen 
nur so drinnen stande, daB ihm die Dinge und Vorgange 
um ihn her sich offenbarten, er aber von seinem eigenen 



Leibe nichts wliBte. Was er in «Seelenleib» und «Ather- 
leib» als seine ubersinnliche Gestaltung schaut, das macht, 
daB er seiner selbst bewuBt im Ubersinnlichen steht, wie 
er durch die Wahrnehmung seines Sinnenleibes seiner 
selbst bewuBt in der Sinnenwelt steht. 



HINWEISE DES HERAUSGEBERS 



Zu dieser Ausgabe 

DerTextdervorliegenden Ausgabe istin seiner ersten Fassung erschie- 
nen als sechzehnteilige Aufsatzreihe in der von Rudolf Steiner heraus- 
gegebenen Zeitschrift «Lucifer- Gnosis» vonJuni 1904 bis September 
1905 (Nrn. 13-28). Urspriinglich hatte Rudolf Steiner offenbar weit 
weniger Folgen geplant: Schon am SchluB der vierten Folge (S. 74 in 
vorliegendem Band) hat er nicht wie iiblich eine Fortsetzung angekun- 
digt, sondern geschrieben «SchluB folgt». Diese Formel wurde dann 
noch zweimal, jeweils am Ende der folgenden zwei Aufsatze (S. 89 
und 101 in vorliegendem Band) wiederholt, die weiteren Folgen wur- 
den wieder mit einem Ausblick auf das kommende Heft oder mit 
«Fortsetzung folgt» beschlossen. Steiner hat also mit der zuerst als 
SchluBartikel gedachten siebten Folge (5. 102 H. in vorliegendem Band) 
einen Neuansatz zur Weiterfuhrung seiner Aufsatzreihe gemacht. Ei- 
nen zweiten Neuansatz unternahm Rudolf Steiner mit der dreizehnten 
Folge (5. 170ff. in vorliegendem Band), worauf er in einer FuBnote 
ausdriicklich hinwies: «Mit den folgenden Ausfiihrungen gelangt die 
Beschreibung des Weges zur hoheren Erkenntnis an einen ganz beson- 
ders wichtigen Punkt. Der Leser wird daher begreiflich finden, daB 
zwischen dem Neuen, was der obige Artikel bringt, mit wenigen 
Satzen ruckblickend an gewissen Stellen auf einiges hingedeutet wird, 
was in anderem Zusammenhange schon beruhrt worden ist. Auch 
konnte dadurch auf Leser Rucksicht genommen werden, welche etwa 
erst von diesem dritten Jahrgang ab die Zeitschrift -Lucifer - Gnosis> 
lesen. Es werden dadurch diese Artikel iiber die Erwerbung hoherer 
Erkenntnisse auch von dieser Nummer ab in gewissem Sinne ein ge- 
schlossenes Ganzes bilden. Ein vollstandiges intimes Eindringen wird 
natiirlich auch die vorhergehenden Ausfiihrungen notig haben. Beim 
ernsten Beschaftigen mit wahrer Erkenntnis kann man eben nicht, wie 
das manche moderneZeitschriftenpflegen, in jeder Nummer ein <abge- 
schlossenes Ganzes> bringen.» (Lueifer - Gnosis, Nr, 25, Juni 1905, 
S. 388) 

Diese Aufsatze hat Rudolf Steiner zusammen mit seinen anderen 
Beitragen 1907 in Sonderdruck-Samrnelheften von «Lucifer- Gnosis» 
gesammelt herausgegeben. Die erste Buchausgabe erschien 1909 ohne 
wesentliche Uberarbeitung unter Verwendung des bestehenden Spal- 



tensatzes von «Lucifer - Gnosis». Bis 1922 erschienen insgesamt acht 
Buchausgaben, wobei jeder Auflage die vorangegangene als Druckvor- 
lage zugrunde gelegt wurde. Dadurch haben sich Eigenheiten der 
urspriinglichen Aufsatzform erhalten, und mogliche Druckfehler und 
Versehen der verschiedenen Auflagen wurden weitertransportiert. So 
war etwa das Kapitel «Die Einweihung» (5. 75 ff. in vorliegendem 
Band) urspriinglich das dritte Unterkapitel des Hauptkapitels «Die 
Stufen der Einweihung» (5. 42ff.). Diese Gliederung wird auch noch 
so (5. 41 u. 42f.) vorgestellt, im Verlauf von Rudolf Steiners Uberarbei- 
timgen der verschiedenen Auflagen wurde dann aber aus dem U nterka- 
pitel «Die Einweihung» ein Hauptkapitel, ohne daB die urspriingliche 
Gliederung und N umerierung der Unterkapitel revidiert worden ware. 

Zum geplanten zweiten Teil: Alle acht zu Rudolf Steiners Lebzeiten 
erschienenen Buchausgaben trugen auf dem Titelblatt in Klammern 
den Vermerk: 1. Bdndchen (3. und 4. Auflage, 1909 und 1910) bzw. 
1. Teil (5. - 11. Auflage, 1914 - 1922). Der Text der 5. - 7. Auflage 
(1914) wurde sogar abgeschlossen mit der Notiz: Ende des ersten 
Teiles. Auch in den Vorreden zur dritten Auflage (5.7 in vorliegendem 
Band) und zur funften Auflage wird eine Fortsetzung angekiindigt, 
die «weitere Ausfiihrungen iiber die Seelenverfassung bringen [soil], 
welche den Menschen zum Erleben der hoheren Welten fiihrt. » (S. 
14) - Eine Fortsetzung mit demselben Titel und dem ausdrucklichen 
Vermerk 11. Teil ist zwar nie erschienen, doch sind die Artikel «Die 
Stufen der hoheren Erkenntnis» (GA 12) als eine solche zu betrachten. 
Diese Fragment gebliebene funfteilige Artikelreihe erschien in unmit- 
telbarem AnschluB an die vorhergehenden Aufsatze in «Lucifer - 
Gnosis» (Nrn. 29, 30, 32, 34, 35, Oktober 1905 bis Mai 1908). Der 
Bezug wurde im Untertitel ausdrucklich gekennzeichnet: Als Zwi- 
schenbetrachtung zu dem Artikel «Wie erlangt man Erkenntnisse hdhe- 
rer Welten? » Marie Steiner schreibtim Vorwort zur ersten Buchausga- 
be (1931) von «Die Stufen der hoheren Erkenntnis» iiber diese zweite 
Artikelreihe: «Es war gedacht, sie spaterhin zu einem zweiten Bande 
zu gestalten, als Weiterfiihrung der in <Wie erlangt man Erkenntnisse 
der hoheren Welten?> begonnenen Betrachtungen. Die Uberfulle der 
Arbeit jedoch, die auBerordentliche Inanspruchnahme Rudolf Steiners 
durch Vortragstatigkeit, machte es allmahlichunmoglich, sich der Zeit- 
schrift in genugendem MaBe zu widmen, obgleich sie an Verbreitung 
stetig gewann. Aus Mangel an Zeit muBte sie eingestellt werden.» - 
In den Auflagen nach Rudolf Steiners Tod wurde die Bezeichnung 1. 
Teil auf dem Titelblatt von «Wie erlangt man...» weggelassen. Fur die 



24. Auflage (1993) wurde sie erstmals wiedereingefiigt, weil damit 
auch gekennzeichnet wird, daB Rudolf Steiner das Thema mit diesem 
einen Band nicht erschopft wissen wollte. 

Textgrundlage: 11. Auflage (28.- 37. Tausend), Berlin: Philosophisch- 
Antroposophischer Verlag 1922 (= Ausgabe letzter Hand) 

Fur die 24. Auflage (1993) wurde der Text von David Hoffmann 
mit der Ausgabe letzter Hand (1922) genau verglichen. Alle seit dieser 
Ausgabe von Herausgebern vorgenommenen Anderungen wurden ge- 
priift und entweder riickgangig gemacht oder, wo notwendig, beibe- 
halten. Die riickgangig gemachten Korrekturen der fruheren Ausgaben 
sind im nachfolgenden Verzeichnis I,' die beibehaltenen Korrekturen 
im Verzeichnis II nachgewiesen. Verzeichnet sind nur die inhaltlich 
bedeutenden Stellen, nicht besonders erwahnt sind Druckfehlerkor- 
rekturen sowie die behutsamen Korrekturen in Orthographie und 
Interpunktion. Bei Zweifelsf alien wurde auf die fruheren Auflagen 
und die wenigen noch vorhandenen Manuskriptblatter zuriickgegrif- 
fen. Weiter wurden die Hinweise erganzt und der Text «Zu dieser 
Ausgabe» sowie ein Namenregister hinzugefuhrt. 



Textko rrekturen 
Verzeichnis I 

Riickkorrekturen gegeniiber fruheren Auflagen (vor 1992), d. h. Wie- 
derherstellungen des Textes der Ausgabe letzter Hand: 

Seite Zeile 

29 12f. im ersten Teile in dieser Schrift statt im vorigen Kapitel 

33 11 erduldet statt duldet 

34 10 schlechteren statt schlechten 

37 22f. was um ihn herum ist;ja erweist auch alles ab, Wiederein- 
fiigung einer versehentlich weggefallenen Zeile 

57 18 beobachtet statt beachtet 

62 6 das sich an ihn kniipft statt die sich an ihn kntipf en Wie- 
derherstellung einer irrtumlich veranderten Stelle 



88 30 ganz Wiedereinfugung eines versehentlich weggefalle- 
nen Wortes 

134 5 oder statt und 

145 4f. seine Offenbarungen, sondern diejenigen ausspricht, wel- 

che ihm statt ihre Offenbarungen, sondern diejenigen aus- 
sprechen, welche ihnen Wiederherstellung einer irrtiim- 
lich veranderten Stelle 

146 14f. undwieder Wiedereinfugung zweier versehentlich weg- 

gefallener Worter 

161 30 Wahrnehmung statt Wahrnehmungen 

191 16 und Fahigkeiten Wiedereinfugung zweier versehentlich 
weggefallener Worter 

199 12 selbst Wiedereinfugung eines versehentlich weggefalle- 
nen Wortes 

202 3 heranerzogen statt herangezogen 

219 8 bewufiteste statt bewufite 



Verzeichnis II 

Korrekturen gegenuber der Ausgabe letzter Hand (1922): 

Seite Zeile 

7-15 Die Vorreden sind hier entgegen der Ausgabe letzter 

Hand in chronologischer Reihenfolge angeordnet 

29 28 nun statt nur Korrektur nach Manuskript und 1. » 8. 
Auflage 

36 17 hat Erganzung nach 1. - 10. Auflage 

38 18 einer statt eines Korrektur nach 1.-8. Auflage 

39 20 hat Erganzung des Herausgebers 

47 19 davor statt davon Korrektur nach 1. - 7. Auflage 

54 10 nur statt nun sinngemafie Korrektur des Herausgebers 



58 21 ohne sich an statt ohne an sinngemaBe Erganzung des 
Herausgebers 

63 8 jedem statt jenem Korrektur nach 1. - 10. Auflage 

69 5 Komma eingefiigt durch den Herausgeber 

90 27 der statt die Korrektur nach 1. - 8. Auflage 

102 21 Aufnehmenden statt Aufzunehmenden sinngemaBe 
Korrektur des Herausgebers 

115 10 nun statt nur Korrektur nach 1. - 9. Auflage 

137 2 sinnliche statt sinnlichere sinngemaBe Korrektur des 
Herausgebers 

144 27 gewinnt statt beginnt Korrektur nach 1.-9. Auflage 

145 8 Vorhergehenden statt Hervorgehenden Korrektur nach 

1.-8. Auflage 

157 17 ihm statt ihn sinngemaBe Korrektur des Herausgebers 
181 22 sein statt ein Korrektur nach 1. - 10. Auflage 

201 6 einkleideten statt einkleidet Korrektur nach 1. - 7. Auf- 

lage 

202 20 dir statt nicht Korrektur nach 1. - 8. Auflage 

211 13f. Heimatrecht statt Heimrecht Korrektur nach 1. - 10. 
Auflage 

220 1 ist sinngemaBe Erganzung des Herausgebers 

222 24 Verbreitung statt Verbreiterung sinngemaBe Korrektur 
des Herausgebers 

224 9f. man von einer Umwandlung des Menschen sprache statt 
man sprache von einer Umwandlung des Menschen 
sinngemaBe Umstellung des Herausgebers 



Hinweise zum Text 



Werke Rudolf Steiners innerhalb der Gesamtausgabe (GA) werden in den 
Hinweisen mit der Bibliographie-Nummernachgewiesen. Sieheauch die Uber- 
sicht am SchluB des Bandes. 



Zu Seite 

7 meine Ausfiihrungen, welche ursprunglich als einzelne Aufsdtze ... abge- 
druckt waren: Siehe oben «Zu dieser Ausgabe», S. 227. 

Zunachst wird dieser Band den ersten Teil bringen; ein folgender wird 
die Fortsetzung enthalten: Siehe oben «Zu dieser Ausgabe», S. 228. 

13 «Die Geheimwissenschaft im Umrifi» (1910), GA 13. 

«Die geistigeFuhrung desMenschen und der Menschheit» (1911), GA 15. 

«Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen. In acht Meditationen» 
(1912), GA 16. 

«Die Schwelle der geistigen Welt. Aphoristische Ausfiihrungen» (1913), 
GA 17. 

auch in anderen meiner Schriften: Zum Beispiel in «Die Stufen der 
hoheren Erkenntnis» (1905 - 08), GA 12. Siehe oben «Zu dieser Ausga- 
be», S. 228. 

14 An diesen ersten Teil soil sich ein zweiter anschliefien: Siehe oben «Zu 
dieser Ausgabe», S. 228. 

21f. «Priifet alles und das Beste behaltet»: Nach 1. Thessalonicher 5,21. 

24 im letzten Abschnitt meiner ... « Theosophie»: «Theosophie. Einfiihrung 
in ubersinnliche Welter kenntnis und Menschenbestimmung- (1904), GA 
9, Kap. «Der Pfad der Erkenntnis», S. 172 - 194. 

42f. Die dritte der hier genannten Stufen, die Einweihung, war in der ersten 
Fassung des Textes, in Lucifer-Gnosis, ein numeriertes Unterkapitel des 
Hauptkapitels «Die Stufen der Einweihung», wurde aber im Verlaufe 
der verschiedenen Auflagen zu einem selbstandigen Kapitel, wobei auch 
die Numerierung als dritte Stufe verlorengegangen ist. Vgl. auch oben 
«Zu dieser Ausgabe», S. 228. 

100 Bhagavad-Gita: «Gesang des Erhabenen» (sanksrit), Lehrgedicht im 6. 
Buch des Mahabharata-Epos. 

Thomas von Kempen, 1379/80 - 1417. Hiermit ist auf die ihm zuge- 
schriebenen anonyme mystische Schrift «De imitatione Christi» («Von 
der Nachfolge Christi») hingewiesen. 



1 15 eine Beschreibung findet man in des Verfassers «Theosophie»: «Theoso- 
phie. Einfiihrung in iibersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestim- 
mung» (1904), GA 9, Kap.« Von den Gedankenformen und dermensch- 
lichen Aura», S. 158 - 171. 

129 «Glaube der Berge zu versetzen vermag»: Nach Matth. 17,20 und 1. 
Kor. 13,2. 

himmelhoch-jauchzend, zu Tode betrilbt. Nach Klarehens Lied in]. W. 
Goethes «Egrnont», 3. Aufzug. 

139 in des Verfassers «Theosophie»: «Theosophie. Einfiihrung in iibersinnli- 
che Welterkenntnis und Menschenbestimmung» (1904), GA 9, Kap. 
«Das Wesen des Menschen», v.a. S. 37ff. 

141 zu den acht-, seeks- und vierbldtterigen Lotusblumen: In dieser Aufzah- 
lung ware eigentlich die zehnbldtterige Lotusblume zu erwarten, iiber 
die Rudolf Steiner auf den vorangegangenen Seiten schreibt. Stattdessen 
nennt er (in alien Auflagen) die achtbldtterige Lotusblume, die nach alter 
indischer Tradition in unmittelbarer Nahe zur zehnblatterigen liegt. 

144 Buddhas Reden: «Die Reden Gotama Buddhos», aus der mittleren 
Sammlung Majjhimanikayo des Pali-Kanons zum ersten Mai iibersetzt 
von Kar! Eugen Neumann, 3 Bande, Miinchen 1922. 

146 Alles Vergdngliche ist nur ein Gleichnis:}. W. Goethe, «Faust» 11, 5. 
Akt, Bergschluchten, Verse 12104L 

148 «Wenn die Rose selbst sich schmuckt... »; SchluBzeilen aus Friedrich Riik- 
kerts Gedicht «Welt und Ich». 

198 In Bulwers «Zanoni»: VerlaBt von Sir Edward George Bulwer-Lytton 
(1803 - 1873), 1842 erstmals erschienen. 

212 Der Cherub mit dem feurigen Schwerte vor dem Paradiese: Vgl. 1. Mose 
3,24. 



NAMENREGISTER 



Buddha 125, 144f. 

Bulwer-Lytton, Edward George 198 

Johannes (Evangelist) 100 

Steiner Rudolf, Werke: 
Theosophie (GA 9) 24, 115, 139 
Die Geheimwissenschaft im UmriB (GA 13) 13 
Die geistige Fuhrung des Menschen und der Menschheit (GA 15) 
Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen (GA 16) 13 
Die Schwelle der geistigen Welt (GA 17) 13 

Thomas von Kempen 100